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„Die wollen aus dem Elend raus“

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2009: Hinz&Kunzt-Ausgaben 191 – 202, Archiv, Hinz&Kunzt 196/Juni 2009

Feridun Zaimoglu im Hinz&Kunzt-Gespräch über Einwandererkinder, den Islam und das kreative Potenzial von Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten

(aus Hinz&Kunzt 196/Juni 2009)

Feridun Zaimoglu kam mit seinen Eltern aus der Türkei nach Deutschland. Heute ist er bildender Künstler und Schriftsteller und arbeitet mit deutschen Kids mit ausländischen Wurzeln am Theater.

Hinz&Kunzt: Herr Zaimoglu, Sie haben mehrere Monate lang mit Jugendlichen aus Wilhelmsburg an ihren Theaterstücken gearbeitet. Die Geschichten handeln von Liebe, Aids und Gangs. Gibt das die Lebenswirklichkeit von Jugendlichen mit Migrationshintergrund wieder?

Feridun Zaimoglu: Ich zucke bei dem Wort Migrationshintergrund immer zusammen. In den Geschichten der Jugendlichen findet man noch Heimatbrocken – die Traditionen und Wertvorstellung ihrer Eltern. Doch es sind deutsche Kinder, die hier aufgewachsen und oft auch geboren sind. Allerdings sind sie keine Bürgerkinder, sondern Unterschichtkinder. Im Unterschied zu Bürgerkindern können die Jugendlichen nicht losgehen und einfach shoppen oder in eine teure Diskothek gehen. Ihre Themen sind Komasaufen, Abzocken, Gewalt – und Langeweile. Das kenne ich aus meiner Zeit als Arbeiterkind: Der wichtigste Feind war die Langeweile. Die Arbeit mit den Jugendlichen auf Kampnagel war toll. Es geht ihnen darum, dass ihre Geschichten es wert sind, aufgeschrieben zu werden. Die Jugendlichen wollen aus dem Elend aussteigen.

H&K: Die Jugendlichen wohnen in einem sozialen Brennpunkt – doch sie wollen Abitur machen.

Zaimoglu: Diese Jugendlichen sind großartig, weil sie jahrelang darum gekämpft haben, nicht als Fallobst zu enden. Sie haben nicht die Startchancen gehabt wie andere. Doch sie lassen es sich nicht nehmen, für ihre Zukunft zu kämpfen.

H&K: Sie selbst kommen aus der Türkei – Ihr Vater war Metallarbeiter, Ihre Mutter Putzfrau – und haben in Deutschland Abitur gemacht. Was hat Ihnen dabei geholfen?

Zaimoglu: Meine Eltern haben nach zwei Maximen gelebt: Isolation ist Gift. Und: Du sollst nicht in den Napf spucken, aus dem du isst. Das heißt: Wir lebten fortan in Deutschland und waren ein Teil davon. Wir mussten Deutsch lernen. Wenn meine Eltern nach der Arbeit völlig geschafft nach Hause kamen, haben sie trotzdem alles daran gesetzt, uns zu fördern. Es gab kein Luxusgejammer von wegen: „In Deutschland ist es so schwer.“ Es ging um knallharte Arbeit.

H&K: Viele der Jugendlichen gehen regelmäßig in die Moschee. Sie sind selbst gläubiger Moslem. Im christlich geprägten Europa ging Bildung von den Mönchen aus. Wird der Islam als Bildungschance unterschätzt?

Zaimoglu: Der Islam ist ein sehr körperlicher Glaube. Die Hinwendung zum Leben ist wichtig – dass man nicht die Augen verschließt. Im traditionellen Islam kann es passieren, dass bei Mädchen nicht so viel Wert auf Bildung gelegt wird, weil es heißt, sie werden ja doch heiraten und unter einem fremden Namen Kinder kriegen. Doch das nimmt immer mehr ab. Die Moscheevereine bieten zum Beispiel Computerkurse an.

H&K: Doch es gibt oft genug Kritik an den Aktivitäten in Moscheen.

Zaimoglu: Ich habe mich gewundert, dass manche ihre Thesen gebellt haben, die Moslems seien eine große Gefahr. Das ist Blödsinn. Die Menschen sind gläubig, darauf möchten sie nicht verzichten. Diese Skeptiker und Hysteriker können nur bürgerlich daherreden. Die haben nie eine Moschee von innen gesehen.

H&K: Wie haben Sie eigentlich Ihre Lust auf Kultur entdeckt?

Zaimoglu: Als Kind habe ich sehr viele türkische Kinofilme gesehen, zu Hause auf Video. Bestialische, melodramatische, schlechte Filme. Es gab Schwarz und Weiß, Arm und Reich – Wunder geschehen. Das gefiel mir. Als Jugendlicher habe ich im Fernsehen immer „Aspekte“ angeschaut. Dort habe ich Männer und Frauen gesehen mit schönen Sachen, die Dinge erzählt haben, die ich nicht verstand. Was für eine fremde Welt. Ich sehnte mich danach. Schon als Kind hatte ich Comicfiguren abgepaust. Als Erwachsener habe ich gemalt und lebte elf Jahre lang von dem Verkauf von Acrylbildern, riesengroße Schinken. Dann habe ich nach einer langen Nacht mit Musikerfreunden auf 30 Seiten aufgeschrieben, wie sie über ihre düs-tere Zukunft geschimpft haben – im Stilett-Stakkato der Kanaken-Jugendlichen.

H&K: Das Buch „Kanak Sprak“ brachte Ihnen 1995 den Durchbruch als Schriftsteller. Welche Antworten kämen heutzutage auf Ihre Frage: „Wie lebt es sich als Kanake in Deutschland?“

Zaimoglu: Kanak Sprak war eine eigene Kunstsprache. Das Schimpfwort wurde dadurch in der Kultur salonfähig. Das Buch zeigte: Man muss viel tun, um mehr als bloß Luft zu verdienen. Heute zeigt man immer auf die Ethnie, wenn man auf die sozialen Verhältnisse schauen sollte. Nicht erst seit der Finanzkrise müssen einfache Menschen sehen, wie sie zurechtkommen. Der Spruch, den ich immer wieder zu hören bekomme: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Schuld daran ist das System in einer Gesellschaft, in der sich so viele Menschen totschuften und trotzdem verarscht werden.

H&K: Im vergangenen Sommer hat Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble Ihr jüngstes Werk „Liebesbrand“ als Lektüre in den Urlaub mitgenommen. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?

Zaimoglu: Ich habe mich darüber gefreut. Schäuble weiß ganz genau, dass er es bei mir nicht mit einem Sympathisanten zu tun hat. Doch er hat gesagt: Der Islam ist ein Teil der deutschen Gesellschaft. Das ist mutig und großartig. In der rot-grünen Bundesregierung hat das keiner geschafft.

H&K: Bald feiern Sie die Premiere der Theaterstücke der Jugendlichen, die Sie begleitet haben.

Zaimoglu:
Ich habe mit manchen Jugendlichen ein tieferes Gespräch führen können. Sie sind um einiges klüger, als ich in ihrem Alter war. Ich war verlegen, auf Partys bin ich fast umgekippt, weil ich nicht wusste, wie ich mich unterhalten sollte. Wenn ich mir anschaue, wie smart, klug und gewitzt die jungen Männer und Frauen sind – ich möchte, dass sie Erfolg haben. Sie sollen nach der Premiere mit Stolz und hochroten Wangen auf der Party stehen. 

Interview: Joachim Wehnelt

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