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„Der Seekrieg ist keine Erfindung von mir“

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2005: Hinz&Kunzt-Ausgaben 143 – 154, Archiv, Hinz&Kunzt 153/November 2005

Sammler Peter Tamm über seine Begeisterung für Schiffe, unbelasteten Umgang mit der Geschichte und die Vorteile des Kapitänsprinzips

(aus Hinz&Kunzt 153/November 2005)

Peter Tamm, Jahrgang 1928, schlug die Offizierslaufbahn bei der Marine ein und war bei Kriegsende Seekadett. Sein Aufstieg im Springer-Verlag begann 1948 in der Schifffahrtsredaktion des Hamburger Abendblatts. Von 1968 bis 1991 stand er an der Spitze des Konzerns. 2002 verlieh ihm der Hamburger Senat den Ehrentitel Professor.
Hinz&Kunzt: Sie haben privat eine der größten Schifffahrtssammlungen der Welt zusammengetragen. Ab 2007 wird sie in einem neuen Museum in der HafenCity zu sehen sein. Was soll die Ausstellung vermitteln?

Prof. Peter Tamm: Ich möchte die Geschichte der Seefahrt in Dokumenten erfahrbar machen, zeigen, dass es stets Menschen sind, die Geschichte gestalten, erleben und erleiden. Ich würde mich darüber hinaus freuen, wenn ich meine eigene Faszination und Begeisterung für die Seefahrt weitergeben könnte. Ein Schiff von Hamburg nach Singapur fristgerecht und unversehrt zu steuern, ist gewiss nicht mehr so ereignisreich wie vor 200 Jahren, bleibt aber eine Herausforderung. Wir können nämlich auf hoher See nicht beim ersten technischen Defekt den Wartungsdienst anrufen, er möge einen Mechaniker vorbeischicken.

H&K: Das Museum soll 3000 Jahre Schifffahrtsgeschichte darstellen, um daraus Lehren zu ziehen. Welche?

Tamm: Ich könnte Ihnen jetzt von der Erfahrung eines jeden Seefahrers erzählen, die da heißt: Respekt vor den Naturgewalten. Den Menschen nicht absolut zu setzen, auf hoher See werden die Proportionen wiederhergestellt, die wir manchmal verloren haben. Für die Darstellung der Schifffahrtsgeschichte heißt die Botschaft: der Geschichte unvoreingenommen und unbelastet zu begegnen.

H&K: Geht das überhaupt?

Tamm: Man kann sich der Geschichte widmen ohne Vorurteile und ideologische Vorgaben. Im Journalismus gibt es den bösen Satz: „Warum soll ich mir meine vorgefertigte Meinung durch eine seriöse Recherche kaputtmachen lassen?“ Geschichte ist oft von Siegern geschrieben worden, hier lohnt es sich, nachzufragen.

H&K: Können Sie den Vorwurf nachvollziehen, dass die Sammlung, wie sie sich jetzt an der Elbchaussee zeigt, ein unkritisches Bild des Seekriegs vermittele?

Tamm: Nein, das kann ich nicht nachvollziehen. Solange es Menschen gibt, hat es auch kriegerische Auseinandersetzungen zu Lande und zu Wasser gegeben, um Machtansprüche, wirtschaftliche Interessen oder Ideologien durchzusetzen. Dies kann ich zwar bedauern, ändern kann ich es leider nicht. Die Darstellung des Seekriegs in der bildenden Kunst, Literatur und Geschichtsschreibung ist auch keine Erfindung von mir. Das berühmte Bild der Seeschlacht von Lepanto zum Beispiel ist ein wichtiges Dokument der Hochrenaissance, das aus der Zeit heraus verstanden und gedeutet werden muss und nicht aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts.

H&K: Hat Sie die Kritik an Ihrer Sammlung verletzt?

Tamm: Ich sehe die Kritik nicht. Die Hamburger Bürgerschaft hat das Museumsprojekt ohne Gegenstimme verabschiedet. Es gab und gibt einen parteienübergreifenden Konsens zu dem geplanten Maritimen Museum. Ich habe meine Stiftung verstanden als ein Geschenk an die Freie und Hansestadt Hamburg und ihre Bürger. Ich bin mir sicher, dass dieses Geschenk von der Bevölkerung dankbar angenommen wird. Lassen Sie uns doch noch einmal miteinander reden, wenn die Besucherzahlen des ersten Jahres vorliegen.

H&K: Im Springer Verlag wurden Sie Admiral genannt. Ist Ihr Denken militärisch geprägt?

Tamm: Wenn Sie unter militärischem Denken allein die Kategorien von Befehl und Gehorsam, Über- und Unterordnung verstehen, kann ich Ihnen nicht den Gefallen tun, Ihre Frage mit Ja zu beantworten. Es ist ja heute in Mode gekommen, für alles englische Begriffe zu verwenden. In der internationalen Management-Literatur zur Unternehmensführung spricht man oft von „Leadership“. Wir können den Begriff vielleicht mit „Kapitänsprinzip“ übersetzen. Bei einem aufziehenden Orkan können wir nicht in drei Wahlgängen abstimmen. Hier ist die Mannschaft froh, wenn einer entscheidet, hinter dem sie sich versammelt und der dann auch die Verantwortung für seine Entscheidung trägt.

H&K: Sie haben 1999 den Bismarckorden in Gold erhalten und angenommen. Fühlen Sie sich beim Bismarckbund, der etwa den einstigen Funktionär der rechtsextremen FAP, Axel Zehnsdorf, mit Gold bedachte, in guter Gesellschaft?

Tamm: Bismarck gehörte zu den bedeutendsten Staatsmännern des 19. Jahrhunderts. Er ist nicht nur der eiserne Kanzler von Blut, Schweiß und Tränen, sondern auch ein großer Sozialreformer. Einen nach ihm benannten Orden anzunehmen, empfinde ich als Auszeichnung. Im Übrigen: Ich bin nicht Mitglied der Auswahljury für die Preisträger, guter Stil und Respekt vor der Jury verbieten es mir bereits, Entscheidungen zur Preisverleihung öffentlich zu kommentieren.

H&K: Sie sind Mitglied im „Traditionsverband der ehemaligen Schutz- und Überseetruppen“, der die deutschen Kolonialkriege im Nachhinein rechtfertigt. Wie vereinbart sich diese Mitgliedschaft mit Ihrem Bekenntnis zu einem demokratischen und friedlichen Deutschland?

Tamm: Kolonialismus, Seefahrt und Marine gehören untrennbar zusammen. Sie behaupten in Ihrer Frage, der Traditionsverband rechtfertige im Nachhinein den Kolonialkrieg. Das ist ebenso absurd wie die Behauptung, die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger fördere den Schiffbruch. Was mich an Ihren Fragen aber stört, ist neben dieser Unterstellung der Denkansatz: Die Welt wird unterteilt in Eroberer und Unterdrücker, die bösen Kolonialherren einerseits und die geknechteten Ureinwohner andererseits, schwarz und weiß. Ob etwa die aktuelle Entwicklung in Simbabwe, wo ein Land nach Rückzug der Engländer als Kolonialmacht im Chaos versinkt und die ehemalige Kornkammer Afrikas zum Armenhaus verkommt, diese Unterscheidung rechtfertigt, scheint mir fraglich. Die Welt ist eben nicht nur schwarz und weiß, sondern oft grau und dies in unterschiedlichen Schattierungen.

H&K: In Ihrer Sammlung ist uns nur eine einzelne weibliche Uniform aufgefallen. Wird Ihr Haus eine reine Männerwelt zeigen?

Tamm: In meiner Sammlung gibt es auch weibliche Uniformen, die wir jedoch aus Platzmangel an der Elbchaussee nicht zeigen können. Im Kaispeicher B wird sich dies hoffentlich ändern. Richtig aber ist: Die Seefahrt wurde seit Menschengedenken von Männern dominiert. Trotzdem zeigen wir keine reine Männerwelt, wie Sie vermuten, also kein Männermuseum, sondern ein internationales maritimes Museum. Im Übrigen gilt: Männer sind auch nur bedingt als museale Ausstellungsstücke geeignet.

Interview: Detlev Brockes und Frank Keil

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