Jubiläum : Wir werden 25 und sagen „Danke, Hamburg!“

Zwei Hinz&Kunzt-Originale: Tresenchef Spinne und Chefredakteurin Birgit Müller. Foto: BELA

Vor einem Vierteljahrhundert erschien die erste Hinz&Kunzt. Zum Jubiläum präsentieren wir eine besonders dicke Ausgabe mit vielen Rück- und Ausblicken. Und Geschichten, die Mut machen.

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Nicht zu glauben, dass seit unserem Verkaufsstart am 6. November 1993 wirklich 25 Jahre vergangen sind. Ein Vierteljahrhundert! Wie zuversichtlich wir damals waren und wie optimistisch! Und ehrlich gesagt: In weiten Teilen sind wir das immer noch. Jeden Tag erleben wir, wie eine Geschichte, die wir als total verfahren eingestuft haben, zu einem Happy End führt. Gerade haben wir das wieder bei Ralf erlebt. Der Lkw-Fahrer hatte die Trennung von seiner Familie nicht verkraftet, war von einem Tag auf den anderen verschwunden. Doch seine Lebensgefährtin und die Kinder haben sich auf die ­Suche nach ihm gemacht – und ihn wiedergefunden. Die ganze Geschichte lesen Sie in unserer Jubiläums-Ausgabe.

Oder Elena aus Rumänien, die mit ihrem Mann und ihren Kindern in Hamburg obdachlos war. Die keinen Tag in ihrem Leben zur Schule ging – und die jetzt eine Wohnung hat und bei uns als Reinigungskraft arbeitet. Und die es „nebenbei“ schafft, Lesen, Schreiben und Deutsch zu lernen. Dazu unsere täglichen Erfahrungen mit Verkäufern, die auf einem Stammplatz stehen: Die meisten fühlen sich dort zugehörig und gebraucht, haben sich eine Art Freundeskreis aufgebaut. Einige davon stellen wir im November-Heft vor.

Hinz&Künztler Jan zusammen mit Stammkunden am Aldi-Markt in Schenefeld. Foto: Mauricio Bustamante

Aber wir waren auch naiv. Wir glaubten damals allen Ernstes, dass wir „die Obdachlosigkeit“ in Hamburg binnen zwei Jahren überwinden könnten. Leider sind wir heute davon weiter entfernt als 1993. Als wir damals von einer Stiftung Wohncontainer für Obdachlose angeboten bekamen, waren wir fast empört. Menschen in Containern? Geht ja gar nicht! Die brauchen doch Wohnungen! Die waren damals knapp, aber heute sind sie auch für Menschen mit Arbeit Mangelware. Heute würden wir jeden Container nehmen – mit Kusshand, vor allem, wenn es einen Stellplatz dafür gäbe. Einige haben es aber dennoch geschafft: In der Jubiläums-Ausgabe zeigen ehemalige Obdachlose voller Stolz ihre eigene Wohnung!

Jeden Tag verelenden Menschen auf der Straße

Weil es allerorten an Unterkünften fehlt, ist die Stadt quasi zu einer großen Platte geworden. Jeden Tag müssen wir alle miterleben, wie Menschen auf der Straße verelenden.

Ein für alle Hamburgerinnen und Hamburger kaum erträglicher und deprimierender Zustand. Und weil sich viele hilflos fühlen, versuchen sie, dieses Elend nicht mehr an sich herankommen zu lassen. Auch unter den Obdachlosen selbst wird der Ton rauer, die Gewalt wächst. Manchmal deshalb, weil der eine dem anderen den trockenen Schlafplatz neidet; in einem Fall ging es um einen Platz in ­einer Tiefgarage. Dass der Konkurrenzdruck steigt, merken wir auch bei uns: Verkäufer ohne Hinz&Kunzt-Ausweis betteln mit dem Magazin und bringen so die Kollegen und uns in ­Bedrängnis. Und schaden dem guten Ruf, den wir uns in all den­ ­Jahren aufgebaut haben.

„Wir lassen uns nicht unterkriegen. Hoffentlich spüren Sie das.“– Birgit Müller

Vielleicht sind wir immer noch naiv, wenn wir fordern: Eine derartige Verrohung und Verelendung darf es in unserer Stadt, in unserer Gesellschaft nicht geben! Und wenn wir uns wünschen: Es muss für alle ein Dach über dem Kopf geben.

Von Wohnschiffen und Wohncontainern: In der November-Ausgabe erzählen wir die Geschichte des Winternotprogramms. Foto: Mauricio Bustamante

Im Winter schafft die Stadt Abhilfe, da gibt es immerhin ein Winternotprogramm. Seit Jahren fordern wir zusammen mit unseren Kollegen der Wohnungslosenhilfe, dass dieses Notprogramm auch tagsüber geöffnet wird – und zwar für alle. Vergeblich. Osteuropäer bekommen sogar gar kein Bett. Nach dem Winter geht’s für die meisten wieder zurück auf die Straße. Dabei weiß man: Ein Leben als Obdachloser ist so ungesund, dass er im Durchschnitt 30 Jahre früher stirbt als ein „normaler“ Bundesbürger. Auch diese deprimierenden Zahlen finden Sie im Magazin.

Wir wollen noch viel mehr Leuchtturmprojekte gründen

Trotzdem: Wir lassen uns nicht unterkriegen. Hoffentlich spüren Sie das, wenn Sie unser Jubiläumsmagazin durchblättern. Wir wünschen uns sehr, dass wir weiterhin positive Zeichen setzen, die Mut machen. Zu diesem Zweck hat uns Stephan Reimers damals ja auch gegründet. Die Projekte „BrotRetter“ und „Spende Dein Pfand“ sind ja schon ein Anfang. Da haben wir mit unseren Kooperationspartnern Jobs für Hinz&Künztler geschaffen. Oder mit der „KunztKüche“, unserem Restaurant auf Zeit, in dem zwölf Hinz&Künztler als Küchenhelfer fest angestellt waren.

Am 6. November erscheint unser Kochbuch mit Rezepten von allen Köchen, die mitgemacht haben. Übrigens: Die aktiven Hinz&Künztler bekommen vom Erlös 25 Magazine dieser Jubiläumsausgabe zum ­Geburtstag geschenkt. In Zukunft wollen wir noch viel mehr kleine Leuchtturmprojekte gründen – und sehr gern würden wir das werden, was unser Herausgeber Dirk Ahrens uns in der Jubiläums-Ausgabe wünscht: ein soziales Innovationslabor.

Jetzt aber wollen wir erst mal Danke sagen: Allen Hamburgerinnen und Hamburgern, die uns immer die Treue ­gehalten haben. Allen ehemaligen und derzeitigen Mitarbeitern und Kooperationspartnern, die dieses Projekt überhaupt möglich machen. Allen 6555 Hinz&Künztlern, die bisher bei uns mitgemacht haben: Allen, die den Absprung geschafft h­aben – hoffentlich in ein besseres Leben, und allen 530 ­aktuellen Verkäuferinnen und Verkäufern, die auch in harten Zeiten einen super Job machen und unsere gemeinsame Idee als unsere Botschafter auf der Straße repräsentieren – bei Sonne, Wind und Regen.

Über den Autor
Birgit Müller
Birgit Müller hat 1993 Hinz&Kunzt mitgegründet. Seit 1995 ist sie Chefredakteurin.

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