Marcel Fratzscher : „Wir erleben eine höchst unsoziale Inflation“

Marcel Fratzscher: 51, leitet seit 2013 das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und ist Professor für Makroökonomie an der Berliner Humboldt-Universität.

Lebensmittel- und Energiepreise explodieren momentan regelrecht. Im Interview spricht der Ökonom Marcel Fratzscher über die sozialen Folgen der Inflation – und darüber, welche Maßnahmen jetzt helfen.

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Hinz&Kunzt: Im Januar haben Sie vor einer Inflationspanik gewarnt.
Heute herrscht Krieg in Europa, und viele Menschen haben zunehmend Angst vor der nächsten Nebenkostenabrechnung. Wie viel Panik ist mittlerweile angebracht?

Marcel Fratzscher:  Panik ist nie angebracht, aber die Sorge ist völlig berechtigt und die aktuelle Inflation ein großes Problem. Wir sprechen von einer Preisstabilität, wenn die Preise im Durchschnitt um 2 Prozent im Jahr steigen. 3 oder 4 Prozent sind gesamtwirtschaftlich auch okay. Problematisch wird es, wenn die Preissteigerungen über eine längere Zeit 8, 9 oder 10 Prozent betragen. Also Zahlen, wie wir sie jetzt haben. Wenn das über zwei, drei Jahre geht, führt es dazu, dass Unternehmen weniger investieren, weil sie nicht mehr gut planen können. Dann gibt es weniger Jobs und geringere Einkommen.

Ab wann wird Inflation zum Problem für den Einzelnen, gerade für Menschen mit geringem Einkommen?

Aus der individuellen Perspektive kann Inflation immer ein Problem sein. Das hängt vom Einkommen ab. Was in der aktuellen Diskussion gerne ignoriert wird: Es ist für einen Menschen nicht so schlimm, 5 Prozent Inflation zu haben, wenn er oder sie 10 Prozent mehr Lohn bekommt. Das ist aber das zentrale Problem im Augenblick: Wir haben 7 bis 8 Prozent Inflation, aber die Löhne steigen in diesem Jahr im Schnitt nur zwischen 4 und 5 Prozent. Das heißt: Die allermeisten Menschen haben am Ende des Jahres weniger Kaufkraft, können sich weniger leisten.

Arbeitgeberverbände warnen davor, dass steigende Löhne die Inflation beschleunigen.

Eine solche Lohn-Preis-Spirale würde entstehen, wenn die Gewerkschaften sagen würden, bei einer Inflation von 8 Prozent wollen wir Lohnerhöhungen von 15 Prozent – und wenn sie sich damit auch durchsetzen könnten. Erstens fordern sie das aber nicht, und zweitens ist weniger als die Hälfte aller Jobs in Deutschland überhaupt über Tarifverträge abgedeckt. Gerade im Niedriglohnbereich haben die allerwenigsten die Bezahlung über einen Tarifvertrag geregelt. Insofern: Nein, ich sehe keine Anzeichen für eine Lohn-Preis-Spirale. Ja, Löhne können zu stark steigen – aber sie können auch zu wenig steigen. Und dann haben wir auch ein Problem, weil die Leute weniger konsumieren können. Und dann haben auch das
Geschäft oder die Kneipe um die Ecke ein Problem. Man braucht eine gute Balance.

Wen treffen die aktuellen Preissteigerungen besonders?

Wir erleben eine höchst unsoziale Inflation: Jeder braucht Energie, jeder braucht Essen, und genau in diesen Bereichen steigen die Preise. Wir haben in unseren Studien am DIW Berlin gezeigt, dass Menschen mit geringen Einkommen zum Teil 10 bis 15 Prozent ihres Einkommens zusätzlich für Lebensmittel und Energie ausgeben. Menschen mit hohem Einkommen geben nur 2 Prozent mehr aus. Das ist unsozial.

Der Staat reagiert mit einem ganzen Schwung an Maßnahmen: 300 Euro Energiegeld, Tankrabatt, 9-Euro-Ticket und Einmalzuschüsse für Hilfeempfänger:innen. Ist das sinnvoll?

Grundsätzlich sind die Entlastungspakete gut gemeint, aber nicht gut genug gemacht – und vor allem nicht ausreichend. 300 Euro Energiepauschale: Das ist gut. Denn da bekommen die Menschen, die sie bekommen, 300 Euro bar in die Hand. Das ist ökonomisch sinnvoll. Weil nicht der Staat entscheidet, was die Menschen mit den 300 Euro machen, sondern sie selbst entscheiden. Und den Menschen zu vertrauen und zu sagen: Ihr wisst schon am besten, was ihr mit dem Geld macht, das ist das Richtige. Die Spritpreisbremse hingegen, also 35 Cent weniger für einen Liter Benzin, ist ökonomisch völlig unsinnig, weil sie Benzin billiger macht und damit die Nachfrage erhöht.

Welche sozialen Auswirkungen hat ein solcher Tankrabatt?

Bei den einkommensschwächsten 20 Prozent der Menschen in Deutschland hat die Mehrheit kein Auto. Die haben nichts von den drei Milliarden Euro, die jetzt größtenteils für Besserverdiener und die Mineralölkonzerne ausgegeben werden. Mein grundlegendes Problem mit dem Entlastungspaket ist, dass es einmalige Hilfen sind – Inflation ist aber kein einmaliges Problem. Inflation heißt: Der Liter Milch, das Kilo Gemüse oder die Kilowattstunde Strom sind permanent teurer. Wenn Sie jetzt einmal Geld bekommen, dann ist es in ein paar Monaten weg. Und dann haben Sie das gleiche Problem wie vorher. Dieses grundlegende Problem lässt sich nur über höhere Löhne und höhere Sozialleistungen lösen. Die Menschen brauchen permanent mehr Geld in der Tasche.

Die Hartz-4-Regelsätze wurden im Januar um 3 Euro angehoben. Reicht das?

Familien mit wenig Einkommen brauchen aktuell schon 150 Euro mehr pro Monat, um höhere Heizkosten und Lebensmittelpreise abdecken zu können. Die Grundsicherung im Alter liegt ungefähr bei 900 Euro für Alleinstehende. Auch da müsste man über eine Größenordnung von 100 Euro mehr im Monat nachdenken.

Und langfristig?

Grundsätzlich sollten sich Sozialleistungen an der Steigerung der Löhne orientieren. Es muss darum gehen, dass alle Menschen eine Chance haben, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Darum, dass Kinder ins Kino oder zu anderen Aktivitäten gehen können, die andere in ihrer
Klasse auch tun. Deshalb ist es sinnvoll, die Sozialleistungen an der Entwicklung des Wohlstands der Gesellschaft zu orientieren.

Kann sich der Staat eine dauerhafte Erhöhung der Sozialleistungen leisten?

Der Staat hat in der Pandemie 300 Milliarden Euro ausgegeben – zum größten Teil an Unternehmen. Auch die Erhöhung der Sozialleistungen würde einige Milliarden Euro kosten, aber eben keine 400 Milliarden, sondern eher 5 bis 10 Milliarden Euro. Ja, auch das ist viel Geld. Aber man muss auch betonen, worum es geht. Nämlich nicht darum, Menschen besser zu stellen, sondern darum, dass Menschen, die nichts haben, zumindest nicht schlechter gestellt sind. Das muss das Mindestziel sein, und das muss möglich sein – und natürlich hat der Staat dafür das Geld.

Wenn wir über solche Mindestziele hinausgehen: Wie muss der deutsche Sozialstaat umgebaut werden, um der wachsenden Vermögensungleichheit zu begegnen?

Wir brauchen eine grundlegende Umgestaltung des Sozialstaats. Weg von einem passiven Sozialstaat, der erst reagiert, wenn der Schaden entstanden ist. Wenn Menschen arbeitslos geworden sind, wenn Menschen krank geworden sind, wenn Menschen obdachlos geworden sind. Hin zu einem Sozialstaat, der früh, der vorbeugend agiert. Der Menschen motiviert, der Menschen hilft, gar nicht erst in eine schwierige Lage zu kommen. Und der, wenn Menschen doch in einer schwierigen Lage sind, unterstützt, dass sie da selbst wieder
herauskommen. Menschen müssen frühzeitig qualifiziert werden, sie brauchen ordentliche Einkommen und Löhne, von denen sie leben können. Und Menschen brauchen soziale Netzwerke – auch Sozialarbeit ist da extrem wichtig. Damit Menschen, die in Schwierigkeiten geraten, nicht in diese Spirale nach unten kommen. Auf eine einfache Formel gebracht: Der Staat sollte mehr fördern und weniger fordern.

Und wie müssten sich die Löhne in Deutschland entwickeln?

Zunächst einmal ist es extrem wichtig, dass der Mindestlohn von 12 Euro in diesem Jahr noch kommt. In Deutschland leben fast 7 Millionen Menschen, die weniger als 12 Euro verdienen. Das ist etwa jeder fünfte Beschäftigte. Bei den anderen Beschäftigten denke ich schon, dass man darauf drängen sollte, zumindest die Inflation auszugleichen. Dabei muss man immer Sektor für Sektor und Unternehmen für Unternehmen anschauen. Für manche kleine Bäckerei um die Ecke sind 2 oder 3 Euro mehr Lohn ein Problem. Aber viele große Konzerne machen Rekordgewinne. Denn Inflation hat nicht nur Verlierer, sondern auch Gewinner. Inflation ist kein schwarzes Loch, in dem das Geld verschwindet. Für jeden, der einen Euro mehr zahlt, bekommt jemand anderes den einen Euro. Und es ist nicht nur Herr Putin, der da mitverdient, sondern es sind auch viele Unternehmen hierzulande. Wenn Unternehmen solche Gewinne machen, halte ich es für richtig, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer oder die Gewerkschaften sagen: Da wollen wir ein ordentliches Stück vom Kuchen abhaben.

Welche Verantwortung tragen Unternehmen bei den Preissteigerungen?

Eine Reihe von Unternehmen verdienen im Augenblick richtig gut. Mineralölkonzerne zum Beispiel. Von Ende Januar bis Ende März ist der Diesel von 1,60 Euro auf 2,30 Euro gestiegen.
70 Cent mehr. Davon sind 20 Cent erklärt durch höhere Energiepreise, also höhere Importpreise für Rohöl. 50 Cent sind erklärt über höhere Margen, höhere Erträge der Raffinerien und der Mineralölkonzerne. Einige der DAX-Konzerne haben vergangenes Jahr und auch Anfang dieses Jahres Rekordgewinne gemacht und verdienen richtig gut an der Unsicherheit und Angst. Sie können dadurch ihre Margen deutlich, deutlich erhöhen. Ich will nicht die Unternehmen per se verteufeln. Die machen eben das, was Unternehmen versuchen zu machen: ihren Gewinn maximieren. Aber es ist schon Aufgabe des Staates, zu sagen: „Okay, ist in Ordnung, aber wir besteuern das auch.“ Wer von der Krise profitiert, muss sich auch an deren Kosten beteiligen.

Ist trotz aller weltpolitischen Unwägbarkeiten absehbar, wie sich die Preise in den kommenden Monaten und Jahren entwickeln werden?

Nein, das lässt sich nicht absehen. Weil es letztlich vom Krieg und von der Pandemie abhängt. In unseren Prognosen hoffen wir, dass wir im kommenden Jahr vielleicht nur noch eine Inflation von 3 bis 4 Prozent haben, im Vergleich zu 7 Prozent in diesem Jahr. Wenn der Krieg weiter eskaliert, können wir aber nicht ausschließen, dass es in diesem Jahr noch höher in Richtung von 10 Prozent geht und die Zahlen im kommenden Jahr hoch bleiben. Ich glaube, dass wir über die nächsten fünf bis zehn Jahre eine komplett andere Situation haben werden als in den vergangenen zehn Jahren. In denen war die Preisentwicklung in Deutschland relativ schwach. Nicht bei den Mieten. Aber bei der Grundversorgung, bei Nahrungsmitteln, in vielen Bereichen sind Produkte eher günstiger geworden, und das wird sich ändern. Weil globale Lieferketten, also globale Wirtschaftsprozesse, neu aufgestellt werden müssen. Und weil wir bei der Energie unabhängig von Russland werden müssen. Aber: 3 oder 3,5 Prozent Inflation wären nicht schlimm – wenn die Löhne ebenfalls steigen.

Artikel aus der Ausgabe:

Keine Angst vorm Alter

Über Wohnungslosigkeit im Alter, alte Freundschaften und Wege aus der Altersarmut. Außerdem: Ökonom Marcel Fratzscher über die sozialen Folgen der Inflation und eine Reisereportage aus Albanien.

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Autor:in
Lukas Gilbert
Lukas Gilbert
Studium der Politikwissenschaft in Hamburg und Leipzig. Seit 2019 bei Hinz&Kunzt. Zunächst als Volontär, seit September 2021 als Redakteur.

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