Hotelreport : Wie Zimmermädchen ausgebeutet werden

Für den 4. Hotelreport hat Hinz&Kunzt Hamburger Hotels gefragt, wie sie ihre Reinigungskräfte bezahlen.

Unbezahlte Arbeitsstunden, keine Zeit für Pausen, Kündigung wegen Schwangerschaft: Zimmermädchen, die bei Reinigungsfirmen angestellt sind und Hotelzimmer putzen, haben oft viele Probleme. Wir haben für unseren Hotelreport mit einer ehemaligen Reinigungskraft gesprochen. Ein Protokoll.

Ich habe in zwei Hamburger Vier-Sterne-Hotels Zimmer geputzt. Mein Arbeitgeber war eine Reinigungsfirma. Der Chef sagte: „Pro Zimmer bekommst du drei Euro.“ Ich hätte also fast dreieinhalb Zimmer pro Stunde putzen müssen, um auf die 10,30 Euro pro Stunde (allgemein verbindlicher Branchenmindestlohn 2018, Red.) zu kommen, die mir laut Arbeitsvertrag zustanden. Das war nicht zu schaffen. Als ich meine erste Abrechnung erhielt, bekam ich einen Schock: Obwohl ich drei Wochen lang mindestens sechs Stunden täglich Zimmer geputzt hatte, hatte die Firma gerade mal 289,78 Euro auf mein Konto überwiesen.

Jedes Hotelzimmer ist anders: Für ein größeres Zimmer, in dem die Gäste eine Party gefeiert haben, brauchst du eine Stunde. Und auch bei kleinen Zimmern kann es länger dauern, wenn die Dusche zum Beispiel Glaswände hat.

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Manche unserer Arbeiten wurden gar nicht bezahlt: Morgens mussten wir eine halbe Stunde vor offiziellem Arbeits­beginn kommen, um frische Wäsche auf unsere Wägen zu laden. Und nach dem offiziellen Feierabend brauchten wir noch mal eine halbe Stunde, um die schmutzige Bettwäsche wegzubringen. Und die 30 Minuten Pause, die mir zustanden, habe ich in den neun Monaten an genau einem Tag tatsächlich nur einmal zur Hälfte genommen – es war sonst einfach keine Zeit dafür.

Nach einer Weile habe ich verstanden, wie das mit den Stundenzetteln und dem Lohn läuft. Nach getaner Arbeit fragte die Vorarbeiterin: „Wie viele Zimmer hast du heute gemacht?“ Und je nachdem, wie viele es waren, wurde dann die Zeit berechnet, die ich vermeintlich gearbeitet hatte – unter der Annahme, ich hätte knapp dreieinhalb Zimmer pro Stunde geputzt. Dass ich regelmäßig deutlich länger arbeitete, als auf dem Papier stand, interessierte nicht. Und wer sich krank meldete, ­bekam rückwirkend sogar Zimmer ­gestrichen, die er geputzt hatte – und verlor so noch einen Teil des ohnehin niedrigen Lohns.

„Diese Leute haben mich betrogen.“– Ein Zimmermädchen

Meine Kolleginnen kamen aus Rumänien, Bulgarien, Polen oder Afrika. Die meisten blieben nur wenige Wochen. Wenn sie merkten, dass sie betrogen wurden, verschwanden sie wieder – ohne dass sie das Geld bekamen, das ihnen zustand. Ich wollte auch schon lange weg. Doch ich blieb, weil ich wusste: Um einen anderen Job zu finden, muss ich erst mal Deutsch lernen.

Als ein Arzt eines Tages feststellte, dass ich schwanger war, informierte ich darüber meinen Arbeitgeber. Nur einen Tag später lag die Kündigung im Briefkasten. Zum Glück hatte ich zufällig ­erfahren, dass die Servicestelle Arbeitnehmerfreizügigkeit Menschen wie mir hilft. Mithilfe des Anwalts, den mir die Beraterin vermittelte, bekam ich immerhin einen Teil des Lohns nachbezahlt, der mir zustand – und die Firma musste gegenüber dem Arbeitsgericht anerkennen, dass die Kündigung rechtswidrig war.

Gefunden hatte ich den Job übrigens über Facebook. Eine polnische Landsfrau hatte gepostet, eine Hamburger Reinigungsfirma suche Mitarbeiter. Das Unternehmen sei seit Jahren am Markt und in vielen Hotels tätig. Der Arbeitgeber sei „in Ordnung“, schrieb sie noch. Ich denke heute: Diese Leute haben mich betrogen. Ich werde nie wieder für sie arbeiten.

Meine Landsleute warnen sich in den sozialen Netzwerken inzwischen gegenseitig vor dieser Firma. Doch das miese Geschäft läuft weiter: Inzwischen sollen dort viele Menschen aus der Ukraine arbeiten.

Über den Autor
Ulrich Jonas
Freier Journalist und Hinz&Kunzt-Autor aus Leidenschaft, schreibt seit vielen Jahren über Armutslöhne, Ausbeuter und Ideen für eine solidarische Gesellschaft.

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