Obdachlose in Hamburg : „So räume ich meine Platte auf“

Hier gibt es keinen Stress: Gegen 9 Uhr rollt Markus seine Isomatte ein und zieht von dannen. Den Eingang vor Anson's hinterlassen die Obdachlosen „besenrein“. Foto: Lena Maja Wöhler

In der City suchen Obdachlose nachts in Geschäftseingängen Schutz vor Wind und Regen. Die meisten verhalten sich so unauffällig wie Markus, Frank und Udo, die wir vor dem Modegeschäft Anson`s antrafen.

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Einen großen, abgenutzten Rucksack, eine Isomatte und einen Schlafsack, mehr hat und mehr braucht Markus nicht. „Das ist genau so viel, wie ich ­tragen kann“, sagt der 47-Jährige.

Wenn die Geschäfte schließen und die Dämmerung einsetzt, dann be­ziehen der Obdachlose und seine Freunde Frank und Udo ihre Platte vor dem Herrenausstatter Anson’s in der Mönckebergstraße.

Ausschlafen ist nicht möglich

Die Eingänge der großen Geschäfte sind traditionell beliebte Schlafplätze für Obdachlose. Zentral gelegen, nach Geschäftsschluss weitgehend ruhig und zudem sicher, denn auch nachts kontrolliert ein Sicherheitsdienst in der Einkaufsstraße. Und die Foyers mit ihren Vordächern bieten ausreichend Schutz vor Wind und Regen.

Ausschlafen ist nicht möglich. Um 7.30 Uhr haben die meisten Obdachlosen auf der Mönckebergstraße ihre Platten geräumt. Die nächtliche Ruhe wurde längst von den vorbeifahrenden Bussen, den Schritten der Angestellten verdrängt, die zu ihren Büros eilen. Markus aber sitzt noch auf seiner Isomatte und blickt verpennt den Passanten hinterher. Sie hätten etwas mehr Zeit. Anson’s öffne schließlich erst um 10.30 Uhr.

Die Platte ist ihr Zuhause

Frank ist da schon weiter. Der 41-Jährige schnappt sich leere Pappbecher und anderen Kleinkram, der sich über Nacht angesammelt hat, und befördert den Müll mit Schwung in eine Tonne am Straßenrand.

„Wir hinter­lassen die Platte so, wie wir sie vorfinden.“ – Markus

„Bevor wir gehen, sorgen wir für Ordnung. Nicht so wie die vor Saturn, die lassen einfach Pappkartons und anderen Schrott liegen“, sagt er und schüttelt den Kopf. „Ich kann das auch nicht verstehen“, pflichtet ihm Markus bei. „Wir hinterlassen unsere Platte so, wie wir sie vorfinden.“ Es ginge ihnen dabei gar nicht mal darum, Ärger mit dem Geschäft Anson’s zu vermeiden. Vielmehr würden sie sich ansonsten nicht wohlfühlen. Die Platte sei ja schließlich ihr Zuhause.

„Wir hatten hier mal eine, die hat nachts auf die Platte gekackt“, erzählt Markus. Mit einer Zewa-Wischrolle habe er das selbst geputzt. „Boah, war das eklig“, sagt Markus und schüttelt sich. Der Frau hätten sie verboten, auch nur eine weitere Nacht zu bleiben.

Nachts benutzen sie Dixi-Klos

Und was machen die drei, wenn sie nachts aufs Klo müssen? „Einige Cafés haben länger auf“, erklärt Udo. Und dann gäbe es noch auf Baustellen Dixi-Klos, die nicht verschlossen seien. Man müsse ein wenig laufen. „Aber es ist gar nicht so ein großes Problem.“

Vor allem jetzt, mit steigenden Temperaturen sei es nur noch halb so wild. Schließlich hätten sie den gesamten Winter draußen verbracht. Egal, wie kalt oder nass es war.

„Die bräuchten gar nicht abzuschließen. Wir passen ja auf“– Markus

Hier draußen, auf ihrer Platte, haben sie sich über die Jahre eingerichtet. Sie wissen, wann welche Tagesaufenthaltsstätten Essen anbieten, wo sie morgens eine Dusche finden und wo sie ihre Kleidung wechseln können, wenn es notwendig wird.

Mit den Sicherheitsmitarbeitern sind sie teilweise per du. Die seien eigentlich überflüssig, sagt Markus und lacht. „Schließlich liegen wir doch die ganze Nacht vor dem Eingang.“ Einen besseren Schutz vor Einbrechern gäbe es für das Geschäft wohl kaum. „Die bräuchten gar nicht abzuschließen. Wir passen ja auf“, sagt Markus.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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