Obdachlose : Vertreibung mit Kübeln und Kugeln

Stiller Protest gegen Vertreibung: Vor der Haspa in Ottensen hat jemand eine Bank aufgestellt. Foto: BELA

In St. Georg und Ottensen sollen Obdachlose vertrieben werden: mit Blumenkübeln von ihren Schlafplätzen und mit Metallkugeln von Pollern, auf denen sich manche hinsetzten. Dagegen regt sich Protest.

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Das Bezirksamt Mitte erntet Spott: „Po-Kugeln“ nennen Kritiker*innen aus St. Georg die Stahlbälle, die das Amt kürzlich auf 15 Poller am Hansaplatz montieren ließ. Was Unbedarften wie moderne Kunst erscheinen mag, ist der fragwürdige Versuch, einen Konflikt zu befrieden: zwischen Anwohnern, Lokalen und angeblichen Unruhestiftern.

Es habe Beschwerden aus der Nachbarschaft über „Trinkgelage und Vermüllung“ rund um die Poller gegeben, sagt Amtssprecherin Sorina Weiland. Wie viele? Wann? Genaues weiß Weiland nicht. Trinker*innen hätten die Poller als Ersatz für Bänke genutzt. „Ein Poller ist keine Sitzgelegenheit“, betont sie. Deshalb hat der Bezirk versucht, durch die Installation von Kugeln das Sitzen unbequem zu machen. Die Gesamtkosten für die Installation der pro Stück 17 Euro teuren Kugeln konnte Weiland nicht beziffern.

„Solche Maßnahmen führen nicht dazu, dass die Menschen sich dort nicht mehr aufhalten.“– Pia Heye, Caritas

Pia Heyne von der Caritas hält die Maßnahme für Unsinn. Die Migrationsexpertin hat den Hansaplatz gemeinsam mit der Uni Hamburg erforscht. Hat mit jener Gruppe meist junger Afrikaner gesprochen, die sich dort gerne treffen und auch mal ein Bier trinken. Die Bezirksversammlung Mitte hatte die Studie in Auftrag gegeben. Ergebnis: Der Platz dient diesen Männern – manche wohnungslos, viele mit prekären Jobs – als zentraler Treffpunkt, als Hilfs- und Infobörse.

Darüber hinaus, so Heyne, gebe es am Platz auch eine Trinkerszene. Doch ob Alkoholiker*innen oder nicht: „Solche Maßnahmen führen nicht dazu, dass die Menschen sich dort nicht mehr aufhalten.“ Die Männer und Frauen würden dann eben im Stehen oder auf dem Boden sitzend reden und trinken.

Es gehe um die Verdrängung unliebsamer Gruppen, kritisiert auch Michael Joho, Vorsitzender des Einwohnervereins St. Georg, und zwar der „Großstadt-Melange der an den Rand Gedrängten“. Eine Initiative für Bänke auf dem Platz hatte das Bezirksamt im Herbst abgelehnt. Joho wird deshalb grundsätzlich: „Warum werden kostenfreie Sitzmöglich­keiten konsequent verhindert? Warum werden gleichzeitig Sitzplätze von Lokalen über vereinbarte Zonen hinaus akzeptiert?“

Blumenkübel vor der Haspa in Ottensen sollen Obdachlose vertreiben

Auch in Ottensen gibt es Streit. Hier sorgt die Hamburger Sparkasse für Aufregung: Weil zwei Obdachlose unter dem Vordach ihrer Filiale am Spritzenplatz nicht nur geschlafen, sondern auch Kund*innen belästigt haben sollen, hat die Bank dort drei große Blumenkübel aufstellen lassen. „Unsere Bemühungen, die Lage in Gesprächen mit den Obdachlosen zu entspannen, waren leider ergebnislos“, erklärte die Unternehmenssprecherin. Drogenkonsum habe die Lage zunehmend verschärft. Das Bezirksamt Altona hat die Verdrängung per Kübel genehmigt. Eine Unterbringung im Winternotprogramm hätten die Obdachlosen abgelehnt, sagt der Amtssprecher – auch aus „Angst vor Ansteckung mit Corona in Unterkünften mit Mehrbettzimmern“.

Empörte Ottenser*innen klebten umgehend Sticker an die Kübel mit der Botschaft: „Vertreibung ist keine Lösung.“ Anfang April tauchte dann eine improvisierte Holzbank davor auf. Aufschrift: „Es blühen die Mimosen“. Die Betroffenen, beide aus Ost­europa, schlafen inzwischen in der benachbarten Fußgängerzone – ohne Schutz vor Regen.

Korrektur: In der gedruckten Ausgabe haben wir geschrieben, Michael Joho sei Vorsitzender des Bürgervereins St. Georg. Diesen Fehler bitten wir zu entschuldigen.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Autor:in
Ulrich Jonas
Ulrich Jonas
Freier Journalist und Hinz&Kunzt-Autor aus Leidenschaft, schreibt seit vielen Jahren über Armutslöhne, Ausbeuter und Ideen für eine solidarische Gesellschaft.

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