Kommentar Winternotprogramm : „So kann es nicht weiter gehen!“

Stephan Karrenbauer arbeitet seit 23 Jahren als Sozialarbeiter bei Hinz&Kunzt. Foto: Mauricio Bustamante.

Die Sozialbehörde bewertet das vergangene Winternotprogramm und seine Bemühungen um Wohnungslose in einer ersten Bilanz als Erfolg. Unser politischer Sprecher Stephan Karrenbauer fragt sich, ob Senatorin Melanie Leonhard (SPD) da nicht Entscheidendes übersehen hat.

In dem Newsletter informieren wir Sie rund um Sozialpolitik, Hamburg-Themen und Kultur.

Abmeldung über den Link in der Fußzeile unserer E-Mails. Infos zum Datenschutz.

Am Dienstag hat Sozialsenatorin Melanie Leonhard ihre Bilanz zum Winternotprogramm und die städtischen Maßnahmen in der Wohnungslosenhilfe vorgestellt. In vielen Zeitungen werden diese als positiv bezeichnet. Man bekommt als Leser das Gefühl vermittelt: Hamburg ist gut aufgestellt, wenn es um Obdachlose geht.

Darf man sagen, das wir in der Wohnungslosenhilfe gut aufgestellt sind, wenn festgestellt wird, das zur Zeit mindestens doppelt so viele Menschen auf der Straße leben müssen, wie noch vor nicht einmal zehn Jahren?

„Die Menschen verelenden“

Darf man sagen, dass wir gut aufgestellt sind, wenn es in der öffentlich-rechtlichen Unterkunft doppelt so viele Plätze für Wohnungslose gibt, diese aber nicht in Wohnungen vermittelt werden können, weil es keine bezahlbaren Wohnungen gibt?

Sind wir gut aufgestellt, wenn trotz der Verdopplung der Wohnungslosen das Winternotprogramm dieses Mal nur zu 67 Prozent ausgelastet war?

Sind wir gut aufgestellt, wenn hunderte Menschen, wie in diesem Jahr geschehen, von den Notunterkünften abgewiesen werden, kein Bett erhalten, sondern auf dem Stuhl oder Fußboden in der Wärmestube schlafen müssen, mit der Begründung sie hätten keinen Anspruch auf ein Bett? Stichwort: osteuropäische Obdachlose.

Sind wir gut aufgestellt, wenn trotz Winternotprogramm und Minustemperaturen so viele Menschen sichtbar auf der Straße schlafen?

Sind wir gut aufgestellt, wenn sich immer mehr ehrenamtliche Projekte um Wohnungslose kümmern (Stichwort: Kältebus), da die Hamburger anscheinend die sichtbare Verelendung der Obdachlosen nicht mehr ertragen können?

Darf man wirklich sagen, dass wir gut aufgestellt sind, wenn in diesem Winter sechs Menschen auf der Straße verstorben sind, übrigens so viele wie ich es seit 1995 nicht erlebt habe?

Sind wir wirklich gut aufgestellt, wenn von fast allen Fachleuten in der Wohnungslosenhilfe ein schon verzweifelter Ruf erklingt: „So geht es nicht weiter!“

 

Über den Autor
Stephan Karrenbauer
Stephan Karrenbauer ist Sozialarbeiter und politischer Sprecher bei Hinz&Kunzt.

Diskutieren Sie mit uns!

Wenn Sie mit uns diskutieren wollen, besuchen Sie uns auf unserer Facebook-Seite oder schicken Sie uns einen Leserbrief an redaktion@hinzundkunzt.de.