Immobilienhandel : „Es stinkt nach Spekulation“

Über den Verkauf dieses Saga-Hauses berichtet Hinz&Kunzt erstmals in der September-Ausgabe 2020. Foto: Dmitrij Leltschuk

Die städtische Saga verkauft eine leer stehende Villa an den Meistbietenden – der eigenen sozialen Verpflichtung zum Trotz.

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Der junge Familienvater hatte sich alles so schön ausgemalt: Ein Dreigenerationen- Wohnprojekt mit Garten am Stadtrand wollte Salih T. mit seinen Eltern gründen. In direkter Nachbarschaft zu seinem derzeitigen Wohnsitz in Billbrook. Seit mehr als einem Jahr steht dort eine alte Stadtvilla leer. Eigentümer: die städtische Wohnungsgesellschaft Saga. „Unsere Hoffnung war groß“, sagt der 36-Jährige. Im Herbst zerschlug sich der Traum: Eine Hamburger Immobiliengesellschaft hatte ihn überboten und erhielt den Zuschlag.

Vor knapp einem Jahr hatte Salih T. sein stilles Gebot bei der Saga abgegeben. Trotzdem eröffnete das Unternehmen wenig später ein Höchstgebotsverfahren, „um eine objektivierte Auswahl des Käufers sicherzustellen“, wie die Saga erklärt. Den Käufer hat sie gefunden. Er will anonym bleiben, teilt aber Hinz&Kunzt auf Nachfrage mit, dass er noch nicht wisse, was mit dem Objekt geschehen soll. Dass das Haus seit dem Kauf weiterhin leer stehe, resultiere aus Planungsschwierigkeiten. Selbst dort wohnen, erklärt der Käufer, komme für ihn nicht infrage.

„Wir haben den Leerstand jetzt im Blick.“– Bezirksamt Mitte

Das zuständige Bezirksamt Mitte sagt dazu auf Nachfrage: „Wir haben den Leerstand jetzt im Blick.“ Der Bezirk könnte den Neueigentümer unter Androhung von Bußgeldern zur Vermietung drängen. Diese Maßnahme sieht das Wohnraumschutzgesetz vor. Doch es greift erst bei Leerständen von mehr als vier Monaten. Und die sind seit dem Eigentümerwechsel noch nicht verstrichen.

Nicht nur der Bezirk, auch Hinz&Kunzt verfolgt die Entwicklungen. Schon im August wendete sich eine Nachbarin der Immobilie an Hinz&Kunzt: „Was hier passiert, stinkt nach Spekulation“, kritisierte die 33-Jährige. Ihre Sorge: In der direkten Umgebung gibt es mehrere verfallende Wohnhäuser, in denen überwiegend Osteuropäer wohnen. Als Wanderarbeiter mit mangelnden Sprachkenntnissen haben sie es auf dem Wohnungsmarkt besonders schwer und zahlen daher bereitwillig überhöhte Mieten. Die Nachbarin befürchtet in der Stadtvilla ähnliche Entwicklungen.

Stadt wollte Verkauf an private Eigentümer verhindern

Dass städtische Häuser Mietabzockern in die Hände fallen, wollte der Senat eigentlich ausschließen. Bereits 2015 überführte er deswegen die Stadtvilla zusammen mit knapp 900 weiteren Wohnungen an die Saga, „um sicherzustellen, dass die Wohnimmobilien … auch in Zukunft nicht an private Eigentümer verkauft werden“, wie es in einer Senatsmitteilung heißt. An diese Verpflichtung fühlt man sich bei der Saga sechs Jahre später nicht mehr gebunden. Im Spätsommer 2020 erklärte ein Sprecher gegenüber Hinz&Kunzt lapidar, dass die alte Villa „nicht in das Bestandsportfolio des Unternehmens“ passe und deswegen verkauft werde.

Aktuell bietet die Saga etwa 1000 Wohnungen zum Verkauf an. Es handelt sich dabei um verbliebene Einheiten in Wohnkomplexen, die in den 2000er-Jahren von einem CDU-geführten Senat verkauft wurden. Aus Sicht des Unternehmens macht es wenig Sinn, die verbliebenen Einzelbestände weiter zu betreuen. Ähnlich verhält es sich mit der schönen Stadtvilla auf dem Billedeich: Für die Saga, Bestandshalter großer Wohnkomplexe, ist der Verwaltungsaufwand für einen außergewöhnlichen Altbau unweit der Boberger Dünen unangemessen hoch.

Saga verkauft Stadtvilla
Spekulation am Billbrookdeich?
2014 überführte der Senat alle städtischen Wohnungen an die Saga. Klare Maßgabe: Keine weitere Privatisierung. Sechs Jahre später stehen einige dieser Wohnungen plötzlich zum Verkauf.

Dass Handwerker länger nicht mehr Hand an die Villa gelegt haben, lässt sich schon von außen erkennen. In Salih T., der seit fünf Jahren mit seiner Familie nur wenige Meter entfernt wohnt, keimte trotzdem sofort die Hoffnung, als er vor einem Jahr auf die leer stehende Villa aufmerksam wurde. Schließlich hat sich die Saga aufgrund ihrer sozialen Verpflichtung klare Regeln auferlegt: Um Spekulation zu verhindern, darf ein Käufer erst nach sieben Jahren so ein Objekt weiterverkaufen; die Saga behält sich sogar ein Rückkaufsrecht für die nächsten 30 Jahre vor.

Unter diesen Gesichtspunkten wähnte sich Kaufinteressent Salih T. als perfekter Kandidat: Verankert in der Nachbarschaft und mit dem klaren Ziel, in dem Haus mit seiner Familie alt zu werden. „Ich sah die Chance, in das große Haus noch meine Eltern dazuzuholen“, sagt T., der als angestellter Fahrer für ein Hamburger Labor arbeitet. Dass sein Traum geplatzt ist, damit habe er sich zwar abgefunden. „Aber dass ein städtisches Unternehmen nicht nach sozialen Kriterien, sondern nach dem höchsten Gebot entscheidet“, so der Billbrooker, „das geht mir nicht in den Kopf.“

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Autor*in
Jonas Füllner
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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