Winternotprogramm : Ein Container für Kim und Stefan

#kalterAsphalt
Endlich angekommen: Kim und Stefan leben jetzt in einem Wohncontainer beim Rauhen Haus. Foto: Dmitrij Leltschuk

Kim und Stefan waren die Nummer 1 bei der Platzvergabe für die festen Winter-Wohncontainer. Jetzt wohnen sie auf dem idyllischen Gelände des Rauhen Hauses. 

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Bereits eine halbe Stunde vor der verabredeten Schlüsselübergabe erreichen Kim und Stefan den Treffpunkt beim Rauhen Haus. „Wir wollten auf keinen Fall zu spät kommen“, sagt Kim und tritt nervös von einem Fuß auf den anderen.

Drei Wohn- und einen Sanitärcontainer hat die Sozialbehörde auf dem Stiftungsgelände gegenüber der evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit aufstellen lassen. Kim und Stefan sind eines der drei glücklichen Pärchen, die dort die Wintermonate verbringen dürfen.

Nur mit wenig Gepäck kam das Pärchen zur Schlüsselübergabe. Ihr Hab und Gut lagerte noch auf ihrer „Platte“. Foto: Dmitrij Leltschuk
Nur mit wenig Gepäck kam das Pärchen zur Schlüsselübergabe. Ihr Hab und Gut lagerte noch auf ihrer „Platte“. Foto: Dmitrij Leltschuk

Pünktlich um 15 Uhr erscheint Reinhold Sögtrop. Der Sozialarbeiter ist zugleich Dozent an der Fachhochschule und betreut die Obdachlosen zusammen mit sieben Studentinnen. Bevor Kim und Stefan Schlüssel, Decken, Kissen und Bettwäsche erhalten, lernen sie ihre Betreuer und das Regelwerk kennen. Kein Lärm in der Nacht, feste Putzdienste für Duschen und WC und bei Streit mit den Nachbarn, bitte an die Ansprechpersonen aus dem Kurs wenden. Eigentlich so, wie in jeder normalen Wohngemeinschaft in einem Wohnhaus könnte man meinen.

Der erste Schlüssel seit sieben Monaten

Anschließend geht es hinüber zu den Containern. Zum ersten Mal seit sieben Monaten hält Kim wieder einen eigenen Schlüssel in der Hand. Stefan muss überlegen und nachrechnen. „Das war zuletzt in Bukarest“, sagt der 27-Jährige in gebrochenem Deutsch und zählt an den Fingern ab. „Ein Jahr und etwa acht Monate.“

Reinhold Sögtrop vom Rauhen Haus überreicht Stefan die Schlüssel. Foto: Dmitrij Leltschuk
Reinhold Sögtrop vom Rauhen Haus überreicht Stefan die Schlüssel. Foto: Dmitrij Leltschuk

Der Container ist nicht groß, bietet aber ausreichend Platz für ein Doppelbett, einen Tisch, zwei Stühle und zwei Schränke. Kim strahlt über das ganze Gesicht. „Ich wüsste nicht, wie es ohne Container weitergegangen wäre“, sagt die 30-Jährige. Nach einem Sommer auf der Straße versucht sie wieder Stabilität im Leben zu finden. Derzeit erhält sie weder Hartz IV noch irgendwelche andere Unterstützung.

Kalter Asphalt

Obdachlosigkeit ist schon im Sommer echt hart – im Winter wird es richtig gefährlich. Wir begleiten einige Obdachlose durch die kalte Jahreszeit. Dieter wollte nie eine Wohnung, jetzt macht ihn die Straße krank. Bonnie und Clyde waren in ihrer Wohnung überfordert, jetzt finden sie vielleicht nicht mal einen Container. Und Marek, Krzysztof und „Papa“ ziehen mit ihrem Zelt von einem Platz zum anderen, weil sie überall vertrieben werden. Unsere Reihe beginnt im Oktober – bevor das Winternotprogramm startet. Werden Sie dort alle einen Platz bekommen? Und wie geht es dann mit ihnen weiter? Wir bleiben dran.

Alle Artikel aus dieser Reihe

Doch seit sie Hinz&Kunzt verkauft und regelmäßiger Gast in der Tagesaufenthaltsstätte in der Bundesstraße (TAS) ist, hat sie Kontakt zu Sozialarbeitern, die sie unterstützen. „Es läuft jetzt alles ganz langsam wieder an“, sagt Kim. Ihr Ziel ist klar: Zurück auf die Straße will sie nicht mehr. Unterstützung kann sie sich dabei in den kommenden Monaten auch von den Studentinnen des Rauhen Hauses und Dozent Reinhold Sögtrop erhoffen. Fast jeden Tag bieten die Erstsemester für die drei obdachlosen Pärchen eine offene Sprechstunde an.

Kim ist erstmal glücklich, dass sie jetzt ein Zuhause hat und hinter sich die Tür schließen kann. „Wir müssen uns unbedingt bei Ferenc bedanken“, sagt sie zum Abschied und muss ein wenig lachen. Es war der erfahrene Hinz&Kunzt-Verkäufer, der dem Pärchen einbläute, dass sich frühes Anstellen bei der Containervergabe lohnt. Deswegen hatten das Pärchen bereits zwei Nächte vor dem Start vor der Tür der TAS genächtigt. Mit Erfolg. Es bleibt zu hoffen, dass diese beiden Nächte tatsächlich auch ihre letzten Nächte auf der Straße waren.

Über den Autor
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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