Ehrenamtliche Obdachlosenhilfe : Lückenfüller am Limit

Hunderte Menschen versorgt die Initiative „Bergedorfer Engel“ sonntags auf dem Kiez. Foto: Miguel Ferraz
Hinz&Kunzt Randnotizen

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Mehr als 1200 Menschen kümmern sich ehrenamtlich um Hamburgs Obdachlose. Manche Initiativen arbeiten inzwischen fast professionell. Aber oft kommt das Ehrenamt auch an seine Grenzen.

Die Schlange auf der Reeperbahn ist lang: Junge und Alte, Menschen mit Krücken, auch einige mit Hunden, warten darauf, dass ihnen die Frauen und Männer in den neongelben Warnwesten Essen auffüllen. Es gibt Pasta Bolognese und vegetarisches Chop Suey, 400 Portionen, alles frisch gekocht und kostenlos. Daneben verteilt jemand aus einem Koffer heraus warme Socken, binnen Sekunden sind sie vergeben. Vor dem Discounter steht außerdem das „Gesundheitsmobil“. Ärzt:innen und Pflegefachkräfte, die eigentlich heute ihren freien Tag hätten, leisten medizinische Hilfe. All das wurde aus Spenden finanziert.

Rund 200 Menschen ohne Wohnung sind an diesem Sonntag Anfang Oktober hergekommen. In der Regel seien es mehr, sagt Organisator Thorsten Bassenberg. Jedes zweite Wochenende versorgen er und seine etwa 30 Mitstrei­ter:innen die Menschen auf der Straße mit dem Nötigsten. Sie füllen eine Lücke: Die meisten Anlaufstellen für Obdach­lose haben sonntags geschlossen.

2014 hat Bassenberg die Gruppe „Bergedorfer Engel“ gegründet. Er wollte etwas tun, weil er den Anblick von Obdachlosen nicht mehr ertrug, die offenbar sich selbst überlassen waren. „Ich bin immer an derselben Stelle vorbeigefahren und habe die Leute da in ihrem Elend liegen sehen“, erinnert er sich. „Ich habe mir gedacht: Es kann doch nicht sein, dass da jahrelang nichts passiert.“ Also fing er an, in seinem Keller Sachspenden zu sammeln und sie aus seinem Auto heraus auf der Straße zu verteilen.

„Es gibt einige Herausforderungen, aber dennoch brauchen wir die Ehrenamtlichen. Den Menschen auf der Straße würde es wesentlich schlechter gehen, wenn es diese Angebote nicht geben würde.“– Julien Peters, Straßensozialarbeiter

Inzwischen fährt er in einem weißen Transporter mit dem Schriftzug „Bergedorfer Engel“ durch Hamburg, finanziert aus Spenden und Geld von einer Stiftung. Seine Initiative verteilt mittlerweile nicht mehr nur Sachspenden: Als 2019 die Pandemie kam, sammelten er und seine „Engel“ Geld, um 19 Obdachlose in Hotelzimmern unterzubringen. Im vergangenen Winter waren es immerhin noch zehn. Für all das könnte der Staat sich durchaus mal erkenntlich zeigen, meint Bassenberg. So ein Nachmittag auf der Reeperbahn koste schließlich rund 1000 Euro: „Das müssen wir ja jeden Monat irgendwie aufbringen.“

Wo der Staat Lücken lässt, springen seine Bürger:innen ein: In Hamburg ist eine bemerkenswert große Szene von Ehrenamtlichen entstanden, die sich für Obdachlose engagiert. Mehr als 1200 Menschen gehören dazu, ergab eine Hinz&Kunzt-Abfrage unter Organisationen und Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe.

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Artikel aus der Ausgabe:

Tafeln vor dem Kollaps

Schwerpunkt Ehrenamt: Wie mehr als 1200 Freiwillige Hamburgs Obdachlosen helfen und wieso das problematisch ist. Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) spricht im Interview über die Überwindung der  Obdachlosigkeit. Außerdem: Wieso Antiquariate ums Überleben kämpfen und manchen Geflüchteten aus der Ukraine die Abschiebung droht.

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Autor:in
Benjamin Buchholz
Benjamin Buchholz
Früher Laufer, heute Buchholz. Seit 2012 bei Hinz&Kunzt. Redakteur und CvD Digitales.
Simone Deckner
Simone Deckner
Simone Deckner ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Kultur, Gesellschaft und Soziales. Seit 2011 arbeitet sie bei Hinz&Kunzt: sowohl online als auch fürs Heft.

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