Winternotprogramm : Dieter bangt um seinen Containerplatz

#kalterAsphalt
Gespannt verfolgt Dieter, wie Sozialarbeiter Johan Graßhof und TAS-Leiter Uwe Martiny die Wartemarken für die begehrten Wohncontainerplätze vergeben. Foto: BELA

Zusammen mit 140 anderen Obdachlosen wartet der herzkranke Dieter am Dienstagmorgen darauf, einen festen Wohncontainer im Winternotprogramm zu bekommen. Viele gehen leer aus.

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„Ich bin leider zu spät“, sagt Dieter. „Habe es einfach nicht geschafft, zeitig aufzustehen.“ Eigentlich war der Plan des herzkranken Hinz&Künztlers, um 5 Uhr aus seinem Bett in der Krankenstube zu kriechen, um sich dann um 6 Uhr in die Obdachlosen vor der Tagesaufenthaltsstätte (TAS) der Diakonie in der Eimsbütteler Bundesstraße einzureihen.

Dort vergaben Sozialarbeiter am Morgen Wartemarken für die begehrten Wohncontainer, die für die Dauer des Winternotprogramms auf dem Gelände von Kirchengemeinden stehen. Der große Unterschied zu den Massenunterkünften der Sozialbehörde: Hier dürfen die Obdachlosen auch tagsüber drinnen bleiben und können zur Ruhe kommen.

Es haben sich viel mehr Leute eingetragen, als wir Plätze haben– TAS-Leiter Uwe Martiny

Diese Plätze sind so begehrt, dass viele Obdachlose vor der TAS übernachtet haben – manche sogar seit Tagen. „Ich mach’ keine Platte mehr“, erklärt Dieter, warum er das nicht auch getan hat. Er hat Angst, dass sein Herz das nicht mehr mitmacht. Deswegen hat er die vergangenen Nächte auf St. Pauli verbracht, in der Krankenstube für Obdachlose der Caritas. Nun bekommt er die Marke mit der Nummer 117.

Was er nicht wusste: Schon am Vorabend haben die TAS-Mitarbeiter die Namen von Wartenden notiert, damit es nachts keine Unruhe unter den Obdachlosen gibt. „Es haben sich viel mehr Leute eingetragen, als wir Plätze haben“, sagt Uwe Martiny, Leiter der TAS. „Aber in der Münzstraße ist für alle ab 17 Uhr ein Platz frei.“ Dann öffnet dort die Unterkunft der Behörde mit knapp 400 Plätzen. Weitere 360 Plätze bietet die Stadt darüber hinaus in einem ehemaligen Bürohaus im Schaarsteinweg neben dem Michel an. „Keiner muss heute Nacht draußen schlafen“, beschwichtigt Martiny.

140 Bewerber auf 66 Plätze

Es geht am Dienstagmorgen um 66 Plätze in Wohncontainern, die noch zu haben sind. Insgesamt gibt es davon in diesem Jahr 128, zwölf weniger als im Vorjahr. Viele davon haben die Straßensozialarbeiter schon im Vorfeld ihren Klienten versprochen. So haben auch die Hinz&Künztler Marek und Krysztof einen bekommen. 28 Plätze – acht mehr als im Vorjahr – vergeben die Einrichtung Kemenate und das Containerprojekt vom Caritasverband an obdachlose Frauen. Mehr als 140 Obdachlose bewerben sich nun auf die restlichen Container, es reicht nicht einmal für jeden zweiten.

Es gibt kein System, die Plätze gerecht zu vergeben– Johan Graßhoff

„Es gibt kein System, die Plätze gerecht zu vergeben“, räumt Straßensozialarbeiter Johan Graßhof ein. „Das ist echt schwierig.“ Auch für Dieter: Er bangt nun um seinen Wohncontainer. „Es gibt echt nur 66 Plätze?“, fragt er verdutzt. „Dann sehe ich alt aus.“ Eigentlich will er wieder zur Christuskirche in Altona, dort hat es ihm im letzen Winter gut gefallen. „Wenn das nicht klappt, weiß ich nicht, was ich machen soll.“

Kalter Asphalt

Obdachlosigkeit ist schon im Sommer echt hart – im Winter wird es richtig gefährlich. Wir begleiten einige Obdachlose durch die kalte Jahreszeit. Dieter wollte nie eine Wohnung, jetzt macht ihn die Straße krank. Bonnie und Clyde waren in ihrer Wohnung überfordert, jetzt finden sie vielleicht nicht mal einen Container. Und Marek, Krzysztof und „Papa“ ziehen mit ihrem Zelt von einem Platz zum anderen, weil sie überall vertrieben werden. Unsere Reihe beginnt im Oktober – bevor das Winternotprogramm startet. Werden Sie dort alle einen Platz bekommen? Und wie geht es dann mit ihnen weiter? Wir bleiben dran.

Alle Artikel aus dieser Reihe

Ein Container für Kim und Stefan

Der erste Container geht heute Morgen an Kim und Stefan. Bislang zelten sie in Rothenburgsort. „Wir hatten Panik, dass wir keinen Platz bekommen“, sagt Kim. „Deswegen sind wir schon seit Sonntagabend hier.“ Die Ausdauer hat sich gelohnt: Am Mittwoch können sie in ihren Wohncontainer am Rauhen Haus einziehen.

Das war höchste Zeit: „Das Zelt frisst mich auf“, sagt die 30-jährige Kim, die seit Ende März obdachlos ist. In die Massenunterkünfte in der Münzstraße oder dem Schaarsteinweg will sie trotzdem nicht. Da müsste sie jeden Morgen in die Kälte, außerdem werde dort geklaut. „Bevor ich in der Münzstraße schlafe, bleibe ich lieber im Zelt“, sagt Kim. Doch zum Glück muss sie in diesem Winter beides nicht. Ihr Freund Stefan freut sich gleich doppelt: Er kann am Mittwoch nicht nur in den Container einziehen, sondern bekommt auch einen Hinz&Kunzt-Ausweis.

Auch Hinz&Künztler Achim hat einen Platz bekommen. Der 48-Jährige lebt seit Jahren auf der Straße. Zwischendurch hatte er die Hoffnung auf eine Wohnung schon aufgegeben. Der Container-Platz gibt ihm wieder Auftrieb: „Wer weiß, vielleicht klappt es jetzt ja auch mal mit einer Wohnung“, hofft er. „Das Wichtigste aber ist, dass ich jetzt nicht mehr draußen schlafen muss und mich erstmal ausruhen kann.“

Lange Gesichter am Nachmittag

Am Nachmittag werden die Gesichter der wartenden Obdachlosen in der TAS immer länger. Vielen wird klar, dass ihre Chancen auf einen Platz im Wohncontainer schwinden. Einige werden abgewiesen, weil sie die Kriterien der Diakonie nicht erfüllen: Die Obdachlosen dürfen nicht zu sehr suchtkrank sein und müssen sich mit den Ehrenamtlichen der Kirchengemeinden verständigen können.

Bis zu 50 werden aber weggeschickt, weil es einfach nicht genügend Plätze gibt. Ihnen drücken die Mitarbeiter Handzettel mit der Adresse der großen Behördenunterkünfte in die Hand. In der Münzstraße stehen am Abend mehr als 200 Menschen Schlange.

Dieter zieht nach Altona – und gleich wieder zurück

Dieter hat Glück: Weil er schwer krank ist, haben ihn die Sozialarbeiter vorgezogen und ihm einen Platz an der Christuskirche nahe der Holstenstraße zugewiesen. Er bekommt einen Zettel mit der Adresse und einem Stempel der Diakonie darauf. Doch seiner Freude darüber folgen sogleich neue Sorgen. „Wie soll ich denn mit meinen Sachen dahin kommen?“, fragt er. Der Moment, in dem der Reporter ins Geschehen eingreift: Wir laden Rollator, Koffer, Tasche und Schlafsack ins Auto und fahren bei Nieselregen nach Altona.

Das ist doch alles verrückt– Dieter

Bei der Christuskirche angekommen dann die böse Überraschung: Alle Containerplätze seien schon belegt, heißt es da. Die anderen Obdachlosen bereits eingezogen. Dieter ist geschockt. Was schief gelaufen ist, können wir nicht mehr klären – erst am nächsten Morgen bekommt Dieter einen Termin in der TAS, um das Problem zu besprechen.

Zum Glück ist sein Bett in der Krankenstube noch nicht wieder belegt. Zwar kann Dieter dort nicht den ganzen Winter bleiben, erst Mal wird er aber wieder aufgenommen. Also fahren wir mit Sack und Pack wieder zurück. „Das ist doch alles verrückt“, sagt Dieter im Auto. „Wenn ich alleine dort gewesen wäre, was hätte ich dann machen sollen?“

Über die Autoren
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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