Bergedorf : Die Abzocker vom Reetwerder

Das Haus am Reetwerder 3 in Bergedorf. Foto: BELA

Wegen Gefahr für Leib und Leben wurde ein Mehrfamilienhaus in Bergedorf evakuiert. Die Mieter sind verzweifelt. Und die Vermieter sind bei der Staatsanwaltschaft keine Unbekannten.

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Jetzt haben die Bewohner vom Reetwerder 3 auch noch ihre Wohnung verloren. Zumindest vorübergehend. Am 16. Mai wurde das Mehrfamilienhaus in Bergedorf evakuiert. Grund: Nach einem Schwelbrand erklärte die Feuerwehr das Haus wegen „Gefahr für Leib und Leben“ für unbewohnbar. Die 150 meist rumänischen und bulgarischen Bewohner, darunter 56 Kinder, werden bis auf Weiteres von der Stadt untergebracht. Die Bewohner sind verunsichert und verzweifelt: „Wie soll das denn weitergehen?“, fragte Mia G. Sie ist eine der Hauptmieterinnen.

Es war der dritte Einsatz im Reetwerder seit März. Damals war das Mehrfamilienhaus in einer konzertierten Großaktion von Polizei, Feuerwehr, Bezirksamt, Sozialbehörde und Jobcenter kontrolliert worden – wegen Verdacht auf Überbelegung und Mietwucher. Ein paar Wochen später hatten die Bewohner kein Wasser mehr – obwohl sie die Kosten bezahlt hatten, wie immer mit der Miete. Die kassieren Daniel F., der Sohn der Vermieterin, oder ein Mittelsmann in bar ein. Offensichtlich hatten die F.s das Geld nicht weitergeleitet. Wieder griff der Bezirk ein, übernahm vorläufig die Wasserkosten. Kurze Zeit später hatten einige Wohnungen keinen Strom mehr. Und jetzt also die Evakuierung.

Trotz hoher Mieteinnahmen investieren Vermieter nichts

Und so geht die Abzockvermieterin vor: Marlies F. schließt meist Mietverträge mit einem Hauptmieter. Beispielsweise mit der Rumänin Mia G. Diese soll für die Fünf-Zimmer-Wohnung 2000 Euro inklusive Wasser und Strom bezahlen. Fast in jedem Zimmer lebt eine ganze Familie. Thema Überbelegung: Daniel F. soll sogar selbst Mieter vorgeschlagen haben, wenn ein Zimmer nicht belegt war. Mia unterschrieb einen rund 20-seitigen Mietvertrag, der so kompliziert ist, dass selbst deutschsprachige Mieter Schwierigkeiten hätten, durchzublicken.

Trotz der hohen Mieteinnahmen investierten die Vermieter nichts. Es gab nicht mal genügend Mülltonnen. Das Ergebnis: Müll im Hinterhof, Schimmel und Kakerlaken. Unsere Anfragen bei den F.s blieben erfolglos.

Anklagen wegen Mietwucher, Nötigung und Betrug

Für die Staatsanwaltschaft sind die Vermieter keine Unbekannten. Mutter Marlies F. war wegen Mietwucher angeklagt. Sie hatte eine unsanierte 60 Quadratmeter große Wohnung in der Blumenau für 1500 Euro kalt vermietet – statt für erlaubte 480 Euro. Das Verfahren wurde im März gegen Auflagen und Zahlung einer Geldbuße eingestellt. Daniel F. wartet noch auf sein Verfahren: wegen Nötigung in mehreren Fällen und wegen gewerbsmäßigen Betrugs. Tatort auch da: die Blumenau.

Bergedorf
Mieter im Reetwerder 3 ohne Wasser
Sie leben zu überhöhten Mieten in einem heruntergekommenen Haus in Bergedorf. Nun ist den Bewohnern auch noch das Wasser abgestellt worden – weil die Vermieterin die Rechnung nicht zahlt.

Vielleicht ist es für die Bewohner vom Reetwerder beruhigend, dass ihr Haus inzwischen unter Zwangsverwaltung steht. Der Bezirk will versuchen, das Haus möglichst schnell wieder bewohnbar zu machen. Bis dahin will Bergedorf „alles tun, was in unserer Macht steht, um diese schwierige Zeit für die Bewohner so erträglich wie möglich zu gestalten“.

Die Mieter brauchen übrigens keine Angst zu haben, dass sie wegen Überbelegung automatisch ihre Wohnung verlieren. Der Gesetzgeber hat nämlich verfügt, dass soziale Härten im Falle einer notwendigen Räumung vermieden und insbesondere keine Familien getrennt werden sollen.

Am liebsten würden viele Bewohner natürlich sofort in eine eigene Wohnung umziehen – wenn sie denn eine finden würden.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Birgit Müller
Birgit Müller arbeitet seit 1993 für Hinz&Kunzt. Seit 1995 ist sie Chefredakteurin.

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