Obdachlos in Hamburg : Der Tag, an dem Kim obdachlos wurde

#kalterAsphalt
Durchatmen: Kim und Stefan hatten sich auf der Straße kennen und lieben gelernt. Nun haben sie ein vorläufiges Zuhause im Container. Foto: Lena Maja Wöhler

Nach Monaten auf der Straße hat Kim zumindest einen Platz in einem Wohncontainer erhalten. Hinz&Kunzt erzählt sie, wie sie im Frühjahr auf einmal obdachlos wurde.

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Lange Zeit hatte sich Kim vor Ämtergängen gedrückt. Lieber auf der Straße geschlafen, als um Hilfe zu bitten. Doch in den vergangenen Monaten hat sich einiges getan. Erst erhielt sie mit ihrem Freund Stefan einen Platz im Wohncontainer auf dem Gelände des Rauhen Hauses. Dann unterstützte sie ein Sozialarbeiter. Mit seiner Hilfe schaffte sie den Weg zurück ins Hilfesystem. Anfang Januar kam schließlich der erste Scheck vom Jobcenter.

Kim und Stefan wirken wie ausgewechselt. Als wir das junge Pärchen bei der Platzvergabe der kirchlichen Wohncontainer Anfang November kennenlernten, waren sie fix und fertig. „Keinen weiteren Tag halte ich es mehr draußen aus“, sagte Kim damals. Sechs Monate hatte die Hinz&Kunzt-Verkäuferin zuvor auf der Straße verbracht. Ihre ersten und hoffentlich auch letzten.

Kalter Asphalt

Obdachlosigkeit ist schon im Sommer echt hart – im Winter wird es richtig gefährlich. Wir begleiten einige Obdachlose durch die kalte Jahreszeit. Dieter wollte nie eine Wohnung, jetzt macht ihn die Straße krank. Bonnie und Clyde waren in ihrer Wohnung überfordert, jetzt finden sie vielleicht nicht mal einen Container. Und Marek, Krzysztof und „Papa“ ziehen mit ihrem Zelt von einem Platz zum anderen, weil sie überall vertrieben werden. Unsere Reihe beginnt im Oktober – bevor das Winternotprogramm startet. Werden Sie dort alle einen Platz bekommen? Und wie geht es dann mit ihnen weiter? Wir bleiben dran.

Alle Artikel aus dieser Reihe

Der Sturz in die Obdachlosigkeit begann für Kim am 31. März 2016. Einen Tag vor der Schließung des Winternotprogramms für Obdachlose. Winternotprogramm? Das war für Kim damals noch kein Begriff. Was sie allerdings kannte, war Streit mit ihrem damaligen Freund. Doch am 31. März krachte es zwischen den beiden so gewaltig, dass Kim es nicht mehr aushielt. Überhastet eilte sie aus der Wohnung. Sie griff ihre Jacke, steckte das Handy ein und lief davon.

Es war vorbei. Endgültig. Das war ihr klar. Aber wohin? Der Vater, Alkoholiker, starb früh. Zu ihrer Mutter? „Nein, nie wieder“, sagt Kim, die nicht gerne an ihre Jugend denkt. Es war gegen Mittag, als sie zum Telefon griff und es bei einem Freund versuchte. Den Akku-Stand stets im Blick, denn in der Hektik hatte sie nicht einmal das Ladegerät ihres Telefons eingesteckt. „Kannst bei mir pennen“, erklärte der. „Aber ich bin noch bei meiner Familie in Ostfriesland. Melde dich in vier Tagen noch mal.“ Vier Tage? Und bis dahin?

Freunde? Ach, die waren immer nur für mich da, wenn es gut lief.– Kim

Zu anderen Freunden konnte sie auch nicht. „Ach, die waren immer nur für mich da, wenn es gut lief“, sagt Kim. Übernachten im Hotel? Keine Chance. Ihr Konto war tief im Minus. „Aber mir war damals irgendwann auch alles egal“, sagt sie rückblickend.

Ziellos streifte sie daher durch Ottensen. Als am späten Nachmittag schließlich auch der Akku ihres Handys seinen Geist aufgab, stand Kim gerade vor dem Eingang des Altonaer Bahnhofs.

Sie brauchte eine Lösung. Ein Bett. Hilfe. Einige DB-Sicherheitsmitarbeiter verwiesen sie auf die Bahnhofsmission. Aber sie könne direkt weiter zum Winternotprogramm. In der Münzstraße in der Nähe des Hauptbahnhofes stünden Betten für Menschen wie sie bereit. Und so kam es, dass Kim erstmals in einer Obdachloseneinrichtung schlief. Weil aber der 1. April das Ende des Winternotprogramms markiert, verwies man sie an das Frauenzimmer – eine Notunterkunft speziell für obdachlose Frauen.

Doch es kam anders. In der Nacht unter Obdachlosen lernte sie Stelian und Stefan kennen. Zwei junge Männer aus Rumänien. Sie waren nett und hilfsbereit. Ohne Hintergedanken. Solche Menschen waren ihr lange nicht mehr begegnet. Als sich am nächsten Morgen hinter ihr die Türen des Winternotprogramms schlossen, stand für Kim fest, dass sie sich Stelian und Stefan anschließen würde.

Jetzt muss ich noch eine Wohnung finden.– Kim

Aus der anfänglichen Freundschaft zu Stefan wurde Liebe. Trotz der Zeit auf der Straße: Kim hat ihre Entscheidung nie bereut. Gemeinsam haben sie sich aus ihrem Tief herausgearbeitet. „Jetzt muss ich noch eine Wohnung finden“, sagt Kim. Ein schwieriges Unterfangen angesichts der Lage auf dem Wohnungsmarkt. Kim hätte immerhin Anrecht auf einen sogenannten Dringlichkeitsschein. Dafür muss sie erneut zum Amt. Kim verdreht die Augen. „Aber es hilft nichts, ich muss da jetzt durch“, sagt sie und klingt viel selbstbewusster als noch vor einigen Monaten.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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