Obdachlosigkeit : Coronafälle im Hamburger Winternotprogramm

Bereits im Februar wurden mehr als 350 Schnelltests bei Obdachlosen im Winternotprogramm durchgeführt. Foto: picture alliance / Newscom

Bei 20 Personen in städtischen Obdachlosenunterkünften wurde in den ersten zweieinhalb Monaten dieses Jahres das Coronavirus diagnostiziert. Das geht aus einer parlamentarischen Anfrage der Grünen hervor.

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Bis zu 700 Obdachlose schlafen nachts in den städtischen Notunterkünften. Durchschnittlich zwei Corona-Fälle wurden pro Woche Anfang des Jahres festgestellt. Rechnerisch ergibt sich dadurch im Winternotprogramm ein durchschnittlicher Inzidenzwert von mehr als 250, der damit deutlich über den allgemeinen Hamburger Werten zum Jahresbeginn lag.

Größere Ausbrüche des Virus unter Obdachlosen in den Notunterkünften konnten allerdings nach Angaben der Sozialbehörde verhindert werden. Die Erkrankten wurden isoliert und anschließend in einen der beiden städtischen Quarantänestandorte verlegt. Die Behörde verweist auf „umfangreiche Hygienemaßnahmen“ und eine „enge Zusammenarbeit mit den Gesundheitsämtern“. Darüber hinaus würden obdachlosen Gäste freiwillig getestet. Im Februar nutzte fast jeder fünfte Obdachlose das wöchentliche Angebot in den Unterkünften. Allein durch diese Testreihen wurden sechs Corona-Fälle unter Obdachlosen und Mitarbeiter*innen aufgedeckt.

Die Befürchtungen des Gießener Virologe Friedemann Weber, der Anfang Dezember das Corona-Management der Stadt Hamburg gegenüber Hinz&Kunzt als ein „Rezept für ein Desaster“ bezeichnet hatte, sind bislang glücklicherweise nicht eingetreten. Und das, obwohl die Stadt weiterhin Obdachlose gegen den Rat von Expert*innen in Mehrbettzimmern mit bis zu acht Betten unterbringt. Man bemühe sich, eine Mehrfachbelegung zu vermeiden, teilt die Behörde mit. Davon werde nur abgewichen, „wenn eine Gruppe angibt, ohnehin den Tag gemeinsam verbracht zu haben und ausdrücklich wünscht, in einem Zimmer gemeinsam untergebracht zu werden“.

Obdachlose
Corona-Impfungen im Winternotprogramm geplant
Auch nach dem regulären Ende des Winternotprogramms für Obdachlose Ende März sollen die Notunterkünfte geöffnet bleiben. Die Sozialbehörde plant, die Bewohner*innen dort gegen das Coronavirus zu impfen.

Ob diese Strategie auch in Zukunft aufgeht, ist ungewiss. Schließlich stammen die jetzt aus der parlamentarischen Anfrage vorliegenden Daten alle noch aus der sogenannten zweiten Coronawelle. Deutlich sicherer untergebracht sind nach wie vor die derzeit mehr als 100 Obdachlosen, die durch private Spenden in Hotels nächtigen.

Erstmals macht die Sozialbehörde in der parlamentarischen Anfrage weitere Angaben zu Obdachlosen, die das Winternotprogramm der Stadt nicht in Anspruch nehmen. Deren Zahl betrage im Bereich der Innenstadt und in Altona bis zu rund 100 Personen. Für derartige „verunsicherte Menschen“ verweist die Behörde jetzt auf ihr Angebot in der Eiffestraße mit Einzelzimmern. Es richtet sich explizit an psychisch oder physisch erheblich eingeschränkte Menschen.

Autor*in
Jonas Füllner
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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