Virologe über Winternotprogramm : „Das ist ein Rezept für ein Desaster“

Friedemann Weber leitet das Institut für Virologie an der Uni Gießen. Foto: JLU / Rolf K. Wegst

Nachts in Großunterkünften mit bis zu 400 Betten schlafen und tagsüber in Aufenthaltsstätten mit 200 Plätzen sein – das kann in Zeiten der Pandemie nicht gut gehen, sagt der Virologe Friedemann Weber.

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Der Gießener Virologe Friedemann Weber kritisiert das Corona-Management der Stadt Hamburg für Obdachlose. „Wenn so viele potenziell immungeschwächte Menschen im momentanen Pandemiegeschehen dicht aufeinanderleben, ist das ein Rezept für ein Desaster“, erklärte Professor Weber gegenüber Hinz&Kunzt. Das Winternotprogamm enthält Notunterkünfte vor für bis zu 400 Menschen nachts, aus denen die Gäste morgens ausziehen müssen, um Tagesstätten für bis zu 200 Personen aufzusuchen. „Das Virus ist inzwischen überall in der Gesellschaft“, warnt der Experte. „Es sickert durch jede Ritze.“

Dass die Stadt für lockere Belegungen, Abstände und Belüftung sorgen will, minimiere zwar das Risiko. „Aber ein Corona-Ausbruch ist unter solchen Bedingungen nur eine Frage der Zeit – mit anschließend schweren Verläufen“, so Weber in der Dezember-Ausgabe von Hinz&Kunzt. Denn sozial benachteiligte Menschen treffe das Virus besonders hart. „Obdachlose sind häufig immungeschwächt und vorerkrankt“, sagt der Experte.

In der Dezember-Ausgabe

Die ausführliche Recherche zum Infektionsrisiko, dem die Stadt die Obdachlosen aussetzt, lesen Sie in der Dezember-Ausgabe.

Zum Inhalt

Die Sozialbehörde hat nach Hinz&Kunzt-Recherchen eine juristische Güterabwägung vorgenommen, nach der der Schutz vor dem akuten Erfrieren vorrangig sei gegenüber dem vor Corona-Viren. Der Sprecher der SPD-geführten Sozial- und Gesundheitsbehörde Martin Helfrich erklärte: „Nach unserer Auffassung hat die Versorgung obdachloser Menschen im Einzelfall Vorrang vor der Einhaltung von Abstandsgeboten, die ebenfalls ihrer Gesundheit dienen, aber in ihrer Bedrohungslage weniger akut sind.“

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