Kundgebung gegen Wohnungslosigkeit : „Der Winter ist noch längst nicht vorbei“

Würden Sie hier schlafen wollen? Wohl eher nicht. Das Aktionsbündnis gegen Wohnungsnot will auf die Situation Obdachloser hinweisen. Foto: BELA

Das Aktionsbündnis gegen Wohnungsnot protestiert gegen das Ende des Winternotprogramms. Hunderte Menschen müssen ab Montag wieder auf der Straße schlafen.

Die Szenerie hat viel Symbolkraft: Direkt vor dem Ikea-Gebäude in Altona steht ein Bett auf dem Pflaster, die Silhouetten weiterer Bettgestelle sind mit Kreide auf den Boden gemalt. „Solidarität statt Konkurrenz“ steht daneben. Auf einem Transparent, das Männer und Frauen in orangenen Westen hochhalten, steht der Slogan „Eine Brücke ist kein Zuhause“. Während sich drinnen Kunden gerade Einrichtungsgegenstände für ihre Wohnungen kaufen, protestiert draußen ein Aktionsbündnis für die Rechte von Menschen ohne Wohnung.

Dabei sei der Ort für die Protestkundgebung gar nicht wegen Ikea gewählt worden, sagt Bettina Reuter vom Hamburger Aktionsbündnis gegen Wohnungsnot. Die Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen aus der Wohnungslosenhilfe hätten für ihre jährliche Protestkundgebung anlässlich des Ende des Winternotprogramms lediglich einen neuen Ort gesucht. Vor einem Jahr protestierte das Bündnis in der Mönckebergstraße, im Jahr davor vor der Sozialbehörde.

„Wir sind ein bisschen frustriert.“– Bettina Reuter, Aktionsbündnis gegen Wohungsnot

Das Winternotprogramm für Obdachlose der Hamburger Sozialbehörde schließt auch in diesem Jahr zum 1. April. Hunderte Obdachlose werden danach wieder auf die Straße entlassen, nur ein Teil von ihnen wird in eine dauerhafte Unterkunft oder gar eine eigene Wohnung vermittelt werden. Das Aktionsbündnis, zu dem auch Hinz&Kunzt gehört, prangert diesen Umstand Jahr für Jahr an. „Wir müssen unseren Forderungskatalog nicht ändern, denn es tut sich kaum was“, sagt Bettina Reuter im Gespräch mit Hinz&Kunzt. „Das ist zermürbend, aber mehr für die Betroffenen, als für uns.“

Stiller Protest: Viele Obdachlose mussten in einer „Wärmestube“ ohne Betten schlafen, unter anderem wegen angeblich „mangelnder Mitwirkung“. Foto: BELA

Auf dem Altonaer Goetheplatz steht Reuter mit rotem Schal und schwarzer Mütze und liest einen Text vor, verstärkt durch ein Megafon. „Noch vier Nächte dauert das Winternotprogramm. Aber der Winter ist noch längst nicht vorbei“, sagt sie. „Obdachlose Menschen brauchen eine Wohnung oder wenigstens eine akzeptable Unterkunft. An beidem herrscht in Hamburg großer Mangel.“

Nach ein paar Sätzen spricht plötzlich ein Mann in orangener Weste aus einer anderen Ecke weiter, nach ihm ein dritter. „Die Straße bietet keinen Schutz vor Gewalt, Kriminalität und anderen Gefahren“, sagt er. Passanten bleiben stehen und hören zu, bekommen Flugblätter in die Hand gedrückt. Die Forderungen bleiben gleich, aber die Aktionsform versucht das Bündnis jedes Jahr ein bisschen zu verändern.

Klar, ein bisschen was tut sich auch in der Politik. Die Winternotprogramm-Unterkunft in der Friesenstraße sei „ein bisschen besser“ als die damals 2012 in der Spaldingstraße, sagt Bettina Reuter später. Aber noch immer gebe es nur Mehrbettzimmer im Winternotprogramm, die viele Obdachlose nunmal nicht annehmen würden. Auch würden die Notunterkünfte nach wie vor nur nachts und auch nicht das ganze Jahr über öffnen. „Es ist schon schade, dass wir das nicht mal abhaken und uns mehr um den Wohnungsbau für Obdachlose zuwenden können“, sagt Reuter. „Wir sind ein bisschen frustriert.“

Über den Autor
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.

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