Obdachlose : Bonnie und Clyde ziehen ins Winternotprogramm ein

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Bonnie und Clyde sind glücklich. Sie haben einen Platz im Winternotprogramm und müssen nicht mehr draußen auf der Straße schlafen. Foto: Dmitrij Leltschuk

Geschafft! Bonnie und Clyde haben ihren gemeinsamen Container an der Münzstraße bezogen. Nun sind sie erst einmal sicher vor Regen und Kälte – jedenfalls nachts. Tagsüber müssen sie nach wie vor draußen ausharren, wie alle im städtischen Winternotprogramm.

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Schon um 14 Uhr am Dienstagnachmittag stehen Bonnie und Clyde vor den Anmeldeschaltern an der Münzstraße bereit. Zwei Hackenporsche, Rucksäcke, Klapphocker haben sie sicherheitshalber direkt mitgebracht, aus einer Tasche schaut sogar ein Strauß Plastikrosen hervor. Der Paarcontainer, auf den sie hoffen, soll schließlich so etwas wie ihr Zuhause werden. Die beiden Hinz&Künztler sind guter Dinge, begrüßen die Wachleute und Mitarbeiter hinter den Schaltern. Manche kennen sie noch vom vergangenen Winter. Dass sie den ersehnten Container auch bekommen, daran haben die Bonnie und Clyde keinen Zweifel.

Dabei standen die Chancen für das Paar noch vor zwei Wochen eher schlecht: Sie hatten sich einen Hund angeschafft, den Welpen Chari. Dass sie mit ihm kaum auf einen Schlafplatz im Winternotprogramm hoffen konnten, fanden sie damals noch nicht so wichtig. Chari zuliebe hätten sie die Winternächte auch auf der Straße verbracht, sagen sie. Doch dann war der Welpe verschwunden. Der Hundekontrolldienst hatte ihn aufgegriffen und ins Tierheim gebracht, wie die Recherchen von Hinz&Kunzt ergaben.

Mehr als 200 Obdachlose warten vor dem Eingang auf einen Platz im Winternotprogramm.
Mehr als 200 Obdachlose warten vor dem Eingang in der Münzstraße auf einen Platz im Winternotprogramm. Foto: Dmitrij Leltschuk

Problem für Bonnie und Clyde: Sie konnten ihn nicht herausholen, weil sie noch nicht offiziell Charis Eigentümer waren. Der Welpe war ein Ratenkauf. Erst nach der letzten Rate sollten sie die Papiere für den Hund bekommen. So landete Chari wieder beim Vorbesitzer. „Soweit wir wissen, ist er jetzt dort“, sagt Clyde. Ihn beruhigt der Gedanke, dass Chari nicht völlig verschollen ist. Und dass sie es nun doch beim Winternotprogramm versuchen können, ist für alle eine Erleichterung.

Die reiche Stadt Hamburg. Da müsste doch mehr möglich sein.– Passantin

Das stundenlange Warten an der Münzstraße hat sich gelohnt: Als es gegen 17 Uhr losgeht, ist die Schlange hinter Bonnie und Clyde auf mehr als 200 Leute angewachsen. Die meisten sind Männer mittleren Alters, manche sind fast noch Jugendliche, andere schon weit im Rentenalter. Auch einige Frauen sind dabei. Eine Seniorin mit grauem Trenchcoat und rosa Mütze rückt ihre Sporttasche auf dem Bürgersteig hin und her. Sie steht fast am Ende der Schlange, und vorne geht es nur langsam voran. Eine Passantin bleibt stehen, lässt den Blick über die Leute und die Container schweifen. „Ist das das Winternotprogramm?“, fragt sie und schüttelt den Kopf. „Die reiche Stadt Hamburg. Da müsste doch mehr möglich sein.“

Ist es auch. Die Container und die ehemalige Gehörlosenschule an der Münzsstraße sind nur ein Standort des städtischen Erfrierungsschutzes, der zweite befindet sich in einem leerstehenden Bürogebäude am Schaarsteinweg. Dort ist für 360 Menschen Platz, an der Münzstraße sind es 400 Plätze. Das heißt auch: Wenn allein diejenigen, die um 17 Uhr an der Münzstraße anstehen, ein Bett bekommen haben, ist mehr als ein Viertel des städtischen Winternotprogramms schon belegt. Und der Winter steht erst noch vor der Tür.

„Nicht schubsen, nicht drängeln“, mahnt Katrin Wollberg, die als Projektleiterin bei fördern & wohnen das städtische Winternotprogramm betreut. Auch die Wachleute passen auf und sprechen hin und wieder Wartende an, deren Ungeduld in Ärger umschlägt. Insgesamt aber ist es einigermaßen ruhig. Kein Gerangel, keine Schlägerei – obwohl die meisten schon lange warten.

Kalter Asphalt

Obdachlosigkeit ist schon im Sommer echt hart – im Winter wird es richtig gefährlich. Wir begleiten einige Obdachlose durch die kalte Jahreszeit. Dieter wollte nie eine Wohnung, jetzt macht ihn die Straße krank. Bonnie und Clyde waren in ihrer Wohnung überfordert, jetzt finden sie vielleicht nicht mal einen Container. Und Marek, Krzysztof und „Papa“ ziehen mit ihrem Zelt von einem Platz zum anderen, weil sie überall vertrieben werden. Unsere Reihe beginnt im Oktober – bevor das Winternotprogramm startet. Werden Sie dort alle einen Platz bekommen? Und wie geht es dann mit ihnen weiter? Wir bleiben dran.

Alle Artikel aus dieser Reihe

Kurz vor 17 Uhr dürfen die ersten Obdachlosen ihre Container beziehen. Nun sind auch Bonnie und Clyde an der Reihe. Ein Wachmann durchsucht ihr Gepäck. Waffenkontrolle. Oft werden die Wachleute fündig, sagt Katrin Wollberg. „Wenn die Leute Platte machen, dann schützen sie sich ja untereinander auch“, sagt sie. Viele der als Waffen klassifizierten Gegenstände sind zwar eher Küchenmesser, aber auch die können Schaden anrichten. „Wir wollen, dass die Leute hier sicher sind“, sagt Wollberg.

Aus Clydes Hackenporsche wird ein Messer aussortiert. „Hast du noch irgendwas?“, fragt der Wachmann. „Nee, alles weg!“, ruft Clyde leicht genervt. „Darf ich mal mein Gepäck abholen?“ Bonnie wartet schon mit einem Rucksack und dem Klapphocker. Clyde schwingt seinen Rucksack über die Schulter, taumelt unter dem Gewicht, vertäut die Tasche mit den Blumen auf dem Rollkarren und zerrt ihn aufs Gelände. Ein Wachmann folgt ihm mit dem zweiten Hackenporsche. Zu dritt verfrachten sie das Gepäck die Metalltreppe hoch und verschwinden im erleuchteten Korridor der Wohncontainer.

Nach einer halben Stunde tauchen die beiden wieder auf. Gut gelaunt stapfen sie die Rampe zur Straße hoch, strecken den Wachleuten die „Kiezfaust“ hin und freuen sich, als die Securitys sie erwidern, Knöchel an Knöchel. „Endlich vernünftige Leute!“, ruft Clyde. Und Bonnie verkündet:„Wir haben noch ein Pärchen mit aufgenommen.“ Wie im vergangenen Jahr teilen sie sich den Container zu viert. „Für uns ist das kein Problem“, sagt Bonnie. Sie haben nun einen trockenen, warmen Platz für die Winternächte – das ist erst einmal das Wichtigste.

Über den Autor
Annabel Trautwein
Annabel Trautwein schreibt als freie Redakteurin für Politik, Gesellschaft und Kultur bei Hinz&Kunzt - am liebsten über Menschen, die für sich und andere neue Chancen schaffen.

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