Obdachlose : Bonnie und Clyde halten zusammen

#kalterAsphalt
Morgens schleppen BONNIE UND CLYDE ihre Habe zum Stützpunkt. Tagsüber verkaufen sie Hinz&Kunzt vor Douglas in der Mönckebergstraße. Foto: Mauricio Bustamante.

Gemeinsam wollen sie den Winter draußen überstehen: Das Paar, das auf der Straße nur Bonnie und Clyde heißt. Früher hatten sie eine Wohnung, jetzt schlafen sie vor einem Kaufhaus in der City.

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Auch Bonnie (45) und Clyde (38), wie sie auf der Straße genannt werden, machen sich auf einen harten Winter gefasst. „Wir bleiben draußen“, verkünden sie bei unserem ersten Gespräch Anfang Oktober. Trotz Regen und Frost wollen sie auf ihrer Platte bei Peek&Cloppenburg in der City überwintern.

Wenn der Hund nicht mitkann, gehen wir auch nicht.– Bonnie

Zu zweit trauen sie sich das zu, oder besser gesagt: zu dritt. Bonnie und Clyde haben sich einen kleinen Hund angeschafft. Ein flauschiger Welpe, neun Monate alt. „Chari, unser Zuwachs“, sagt Bonnie stolz. Im städtischen Winternotprogramm gibt es keine Plätze für Obdachlose mit Hund. Mit Chari haben Bonnie und Clyde also kaum Chancen auf einen Platz. Das Risiko ist ihnen bewusst. „Wenn der Hund nicht mitkann, gehen wir auch nicht“, sagt Bonnie.

„Wir haben richtig entschieden“

Ihr Nachtlager: Zwei Decken, darüber Isomatten, noch eine Decke und die PARTNERSCHLAFSÄCKE. „Die kann man in der Mitte zusammenmachen“, sagt Clyde. Foto: Mauricio Bustamante.
Ihr Nachtlager: Zwei Decken, darüber Isomatten, noch eine Decke und die Partnerschlafsäcke. „Die kann man in der MITTE zusammenmachen“, sagt Clyde. Foto: Mauricio Bustamante.

Bonnie und Clyde wollen selbst bestimmen, was in ihrem Leben wichtig ist. Um halb sieben beginnt ihr Tag auf der Platte. Wenn sie es sich leisten können, holt Clyde dann für Bonnie einen Kaffee am Kiosk, „den Großen für 1,30“. Fürs öffentliche Klo müssen immer 50 Cent übrig bleiben, wenn keine Baustelle mit Dixie in der Nähe ist.

Vor fünf Jahren hatten Bonnie und Clyde noch eine Wohnung in Itzehoe. Doch es gab ständig Ärger, mit Vermietern, mit den Nachbarn. Sie fühlten sich schikaniert, sogar bedroht. Eines Januartages wurde es ihnen zu viel. Sie packten alles, was ihnen wichtig war, in einen Anhänger und fuhren nach Hamburg.

In der Bahnhofsmission fragten sie nach dem Winternotprogramm, doch da war schon alles voll. „Also erstmal auf die Straße“, sagt Clyde. Es war klirrend kalt im Januar 2012, aber das Paar hatte Glück: Bahnmitarbeiter ließen sie im Wartehäuschen übernachten. Um Mitternacht durften sie ihr Lager ausbreiten, um fünf Uhr wurden sie geweckt. „Hauptsache ein paar Stunden warm“, sagt Bonnie.

Kalter Asphalt

Obdachlosigkeit ist schon im Sommer echt hart – im Winter wird es richtig gefährlich. Wir begleiten einige Obdachlose durch die kalte Jahreszeit. Dieter wollte nie eine Wohnung, jetzt macht ihn die Straße krank. Bonnie und Clyde waren in ihrer Wohnung überfordert, jetzt finden sie vielleicht nicht mal einen Container. Und Marek, Krzysztof und „Papa“ ziehen mit ihrem Zelt von einem Platz zum anderen, weil sie überall vertrieben werden. Unsere Reihe beginnt im Oktober – bevor das Winternotprogramm am startet. Werden Sie dort alle einen Platz bekommen? Und wie geht es dann mit ihnen weiter? Wir bleiben dran.

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Auch diesmal wird es irgendwie gehen, meinen sie. Clyde ist beim ersten  Treffen noch ganz sicher: „Der goldene Oktober kommt noch!“ Dann schüttelt ihn ein Hustenanfall. Er sackt zusammen, kann kaum aufhören. Streckt eine Hand nach Bonnie aus, sie hält ihn fest. „Luft holen, Schatz.“ Clyde beruhigt sich. Gut, dass sie für ihn da ist. So wie er für sie.

Bonnie ging früher anschaffen, Clyde holte sie raus. Heute wehren sie sich gemeinsam, wenn fremde Männer Bonnie zu nahe kommen. Auf der Platte passiert das oft: Typen, die sich nachts an sie drängen. „Ich hab gelernt, eine große Schnauze zu haben“, sagt Bonnie. „Ich kann mich verteidigen.“ Vor allem hat sie einen Partner, der zu ihr steht. Darauf kommt’s an, sagt sie.

Wenige Tage später steckt beiden der Schock in den Gliedern: Chari ist weg. Bonnie und Clyde rufen nach dem Welpen, suchen, erfolglos. Sie geben die Hoffnung nicht auf. Auch Kollegen halten die Augen offen. Doch nun steht eine Entscheidung an: Versuchen sie es doch im Winternotprogramm? „Wenn er nicht mehr auftaucht, gehen wir in den Container“, sagt Clyde.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Annabel Trautwein
Annabel Trautwein schreibt als freie Redakteurin für Politik, Gesellschaft und Kultur bei Hinz&Kunzt - am liebsten über Menschen, die für sich und andere neue Chancen schaffen.

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