Zurück auf die Straße

Es war das größte Winternotprogramm, das es je in Hamburg gab. Mitte April endete es – und etwa 800 Menschen aus den Notunterkünften verloren ihre Bleibe. Wo sie leben sollen, weiß keiner.

Meteorologisch war es in Hamburg einer der bisher schönsten Tage des Jahres: Am 15. April strahlt die Sonne – auch auf die Spaldingstraße. Doch die vielen Menschen, die das Gebäude mit der Hausnummer 1 verlassen, haben dafür keinen Blick. Sie verlieren gerade ihre Übernachtungsmöglichkeit in dem trutzigen Bürohaus. Das Winternotprogramm für Obdachlose ist wie jedes Jahr zu Ende. Ein Mann ist darüber verzweifelt. „Zu!“, sagt er nur. „Schluss!“ Mehr bringt er nicht heraus. Tränen laufen ihm übers Gesicht.

Oder Milan. Der 60-Jährige hat seit dem 1. November jede Nacht in der Spaldingstraße verbracht – mit bis zu 263 anderen. „Die Lage der Obdachlosen in Hamburg war im vergangenen Winter so dramatisch wie nie zuvor“, sagt Bettina Reuter, Sprecherin des Hamburger Aktionsbündnisses gegen Wohnungsnot, dem auch Hinz&Kunzt angehört. Mit 252 Schlafplätzen hatte die Sozialbehörde das Winternotprogramm gestartet und bis auf 800 Plätze erweitert. Aber auch die reichten nicht. Sie habe Menschen erlebt, sagt Bettina Reuter, „die zwei, drei Nächte in der Spaldingstraße übernachtet haben und danach völlig kaputt waren“.

Amara (links) kommt aus dem vom Bürgerkrieg zerrütteten Mali. Er weiß nicht, wo er hin soll. Hinz&Kunzt-Verkäufer Konstantin (2.v.l.) macht ab sofort wieder Platte. Irgendwann lagen die Nerven blank und Peter (2.v.r.) geriet im völlig überfüllten Pik As erst in einen Streit und dann in eine Prügelei. Milan (rechts) hat Angst, auf der Straße zu leben.
Amara (links) kommt aus dem vom Bürgerkrieg zerrütteten Mali. Er weiß nicht, wo er hin soll. Hinz&Kunzt-Verkäufer Konstantin (2.v.l.) macht ab sofort wieder Platte. Irgendwann lagen die Nerven blank und Peter (2.v.r.) geriet im völlig überfüllten Pik As erst in einen Streit und dann in eine Prügelei. Milan (rechts) hat Angst, auf der Straße zu leben.

„Das ist kein Leben, das ist nur Überleben“, sagt Milan zur Unterbringung in der Spaldingstraße. Er schlief im Mehrbettzimmer mit Menschen, die stark alkoholisiert oder aggressiv waren oder nicht gut rochen. Dabei seien ihm „Ruhe und Hygiene“ das Wichtigste. Er wirkt erschöpft. Trotzdem ist es schlimm, dass er die Schlafmöglichkeit in der Spaldingstraße verliert. Mit seinen 60 Jahren traut Milan sich nicht mehr zu, auf der Straße zu schlafen. „Da habe ich Angst.“
Er hofft jetzt auf einen Platz im Pik As. Die Notschlafstelle in der Neustadt ist ganzjährig geöffnet und darf eigentlich niemanden abweisen. Aber seit Monaten herrscht Ausnahmezustand. Trauriger Rekord: Bis zu 397 Menschen haben diesen Winter im Pik As, das regulär für maximal 190 Menschen ­gedacht ist, übernachtet. Teilweise mit 16 Mann in einem Zimmer – oder im Flur auf dem Fußboden.

Die Enge, die vielen Menschen, die vielen Sprachen – das habe viele Obdachlose überfordert. Auch Peter. Seit zwei Jahren ist er obdachlos. Den Winter hat der 45-Jährige im Pik As verbracht. „Das war die Hölle“, sagt er, „Licht an, Licht aus, rein, raus, laut, lauter.“ Stress pur. Peter geriet mit zwei anderen Bewohnern aneinander, der Streit gipfelte in einer Prügelei. Peter musste das Pik As verlassen. „Ich kenne mich so gar nicht“, sagt er. Ein Betreuer half ihm, einen Platz in ­einer festen Wohnunterkunft zu finden.

Nicht nur im Winternotprogramm selbst, auch in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe herrschte Hochspannung. Rembert Vaerst, Geschäftsführer des städtischen Unterkunftsbetreibers fördern und wohnen (f&w), startete einen Hilferuf. „Das System der öffentlichen Unterbringung steht vor dem Kollaps“, sagte er der Bild-Zeitung. Uns erläuterte er: Die Stadt hat 8500 Plätze für Wohnungslose und Asyl­bewerber, die sind voll belegt. „Wir können nur noch die Menschen unterbringen, die wir unbedingt unterbringen müssen – und diese unter zum Teil katastrophalen Bedingungen.“ Und: „Es dauert zu lange, bis neue Unterkünfte geöffnet werden.“

Hintergrund: Ursprünglich hatte Hamburg 20.500 Plätze für Asylbewerber und Wohnungslose. Aber die wurden bis 2010 abgebaut auf 7800 Plätze. Nur mühsam gelingt es, wieder Plätze aufzustocken. Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) hat die Bezirke in die Pflicht genommen. 1500 zusätzliche Plätze sollen sie bereitstellen. Aber die Umsetzung dauert zu lange. „Den Bezirken wird ein Mitspracherecht eingeräumt, und die Politik unterstützt eine Zunahme der Bürgerbeteiligung“, erklärt Vaerst. „So können sich die Nachbarschaften positionieren.“ Aber: „Auch diese 1500 Plätze werden nicht mehr ausreichen. Unsere Prognosen sind höher.“

Vaerst geht jetzt sogar davon aus, dass es kein neues Winternotprogramm „in dieser Form und in dieser Größenordnung“ mehr geben wird. Hierzu hat sich Sozialsenator Scheele allerdings schon im Hinz&Kunzt-Interview ganz anders geäußert: „Es wird wieder ein Winternotprogramm geben – für alle, die ein Bett brauchen. Und wir erwarten, dass die meisten, die das diesjährige Winternotprogramm genutzt haben, am Ende des Jahres noch in Hamburg sind.“

Text: Beatrice Blank, Birgit Müller
Fotos: Evgeny Makarov

Die Auswertung des Winternotprogramms der Sozialbehörde lesen Sie online unter www.hinzundkunzt.de/wnp-1213

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