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29. April 2010 | Von | Kategorie: 2005: Hinz&Kunzt-Ausgaben 143 – 154, Archiv, Hinz&Kunzt 145/März 2005

Senatorin Alexandra Dinges-Dierig über ihre Strategie für die Schulen, Erziehungsverträge und ihr eigenes Abitur

(aus Hinz&Kunzt 145/März 2005)

Hinz&Kunzt: Hatten Sie früher Probleme in der Schule?

Alexandra Dinges-Dierig: Jede Menge! Ich war als Schülerin nicht sonderlich angepasst und habe mich einfach für Schule zu wenig interessiert. Nur für Sport. In der Grundschule war ich noch ganz artig und sehr gut. Auf dem Gymnasium war ich in der Mittelstufe grottenschlecht, bin auch einmal sitzen geblieben. Aber dann habe ich es mir anders überlegt und ein ganz gutes Abitur gemacht.

H&K: Sie sind zuletzt auf einem Internat ge-wesen…

Dinges-Dierig: Ja, für zwei Jahre; meine Familie kommt aus einer Internatstradition. Aber vorher war ich auf normalen Schulen. Später habe ich zwölf Jahre an einer beruflichen Schule unterrichtet; dazu war ich Beratungslehrerin. Ich habe zum Beispiel Eltern zu Hause besucht. Da lernen Sie sehr viel kennen, eben auch die Schattenseiten. Und deshalb bin ich überzeugt, dass es mir jetzt gelingt, ausgewogen zu handeln.

H&K: Sind Privatschulen für Sie ein Vorbild?

Dinges-Dierig: So würde ich das nicht sagen. Es gibt viele verschie-dene Modelle. Darunter auch solche, die ich nicht empfehlen würde. Im Miteinander von Eltern und Schule haben viele Privatschulen aber Plus-punkte. Schulen, in denen Eltern Vertragspartner von Schule sind, Schulen, die sich über das verständigen, was sie erreichen wollen, können Vorbild sein. Können!

H&K:Welches Konzept verfolgen Sie mit Ihrer Schulpolitik?

Dinges-Dierig: Wir müssen definieren, was die Qualität einer Schule ausmacht. Welche Schule ist gut, welche schlecht? Wir geben den Schulen zu wenig Chancen zu zeigen, was sie können. Die Schulbe-hörde hat mit vielen Vorschriften immer gesagt, was Schulen zu tun oder zu lassen haben. Nun wollen wir die Verantwortung für die Quali-tät an die einzelne Schule bringen. Alles, was wir tun, steht unter der Zielsetzung der Deregulierung. Schulen müssen ihren Weg alleine finden können. Sie können sich Unterstützung holen bei der Behörde, aber sie wird nicht aufgezwungen. Die Ziele, die Schulen zu erreichen haben, werden eindeutig definiert. So können die Schulen Verantwor-tung übernehmen und auf der anderen Seite zeigen: Wir sind gut.

H&K: Was heißt denn bei Schulen gut oder schlecht?

Dinges-Dierig: Wir müssen zunächst die Qualitätsmerkmale von Schule bestimmen. Danach werden sich Mitarbeiter der Behörde mit jeder Schule zusammensetzen und eine Vereinbarung schließen, in der anhand dieser Qualitätsindikatoren individuelle Schulziele erarbeitet werden. Ein Beispiel: Eine Hauptschule in einem sozial schwachen Ge-biet hat eine Abbrecherquote von 18 Prozent. Diese Schule könnte sagen: Wir wollen die Quote zunächst auf 15 Prozent und im darauf folgenden Jahr noch weiter verringern. Wie sie die Jugendlichen motiviert, kann sich aus internen Gesprächen der Kollegen entwickeln. Das Konzept und das Ziel werden dann als Zielvereinbarung festge-schrieben. Schließlich gibt es auch noch Gelingenskriterien für gute Schulen. Dazu gehört: Wie zufrieden sind Schüler, Lehrer, Eltern? Diese Wertschätzung kann über Fragebögen festgehalten werden. Die Schule fragt ihre Kunden – denn die Eltern und Schüler sind Kunden. In diesem Sinne möchte ich eine Feedback-Kultur einführen.

H&K: Wollen Sie das zentral planen?

Dinges-Dierig: Wir sind dabei, Qualitäts-indikatoren zu bestimmen, mit denen wir starten wollen. Wir können nicht von Null auf Hundert starten. Das wäre eine Überforde-rung für alle. Für uns ist es Neuland, für die Schule ist es Neuland. Aber wir können von anderen Ländern wie der Schweiz, den Niederlanden und England lernen.

H&K:Sind alle Richtlinien und Erlasse not-wendig, die es derzeit gibt?

Dinges-Dierig: Hamburg hat noch einen Hausaufgabenerlass. Aber das Ministerium darf doch nicht vorschrei-ben, in welchem Umfang Hausaufgaben zu machen sind! Oder die Noten in der Grundschule. Ein heißes Thema. Warum ist es so um-stritten? Weil niemand sagen kann: Das ist der beste Weg. Das heißt für uns: Auch wir können den Schulen den Weg nicht vorschreiben. Wir sagen: Am Ende der Jahrgangsstufe zwei müssen die Schüler diese und jene Fähigkeiten haben. Bitte findet den besten Weg dorthin. Wir als Behörde sehen uns dann das Ergebnis an und werten es gemeinsam mit der Schule aus.

H&K:Gibt es für diesen Weg mehr Geld?

Dinges-Dierig: Nein. Wir haben im Vergleich zu anderen Ländern schon viel. Es gibt aber auch nicht weniger Geld. Die Lehrerstellen sind unverändert, wir hatten im vergangenen Sommer sogar 100 Stellen mehr. Die Frage ist, ob die Stellen momentan richtig verteilt sind. Es kann für den einzelnen Standort mehr, aber auch weniger Geld geben.

H&K: Für Ihre Schulpolitik hagelt es harsche Kritik…

Dinges-Dierig: Mein erstes Jahr war geprägt von Haushaltsverhand-lungen und von der Beseitigung von Unwahrheiten der Vergangenheit. Damit macht man sich nicht beliebt. Es heißt immer, es soll an Bildung nicht gespart werden. Das tun wir auch nicht. Bildung hat einen hohen Stellenwert für den Senat. Aber wir fordern Einnahmen, die es bisher nicht gab, zum Beispiel die Elternbeiträge für Vorschulklassen; dafür verbessern wir dort auch das Angebot. Ich finde, wir sollten Schule auf das Wesentliche konzentrieren, die Stärkung des Unterrichts. Darauf, wie wir Qualität im Interesse der Kinder weiterentwickeln können. Ich kann nicht erwarten, wenn ich Umschichtungen im Haushalt veranlas-sen muss, dass ich sofort auf uneingeschränkte Zustimmung stoße. Ich meine aber, wir müssen verantwortlich mit den vorhandenen Ressour-cen umgehen. Und ich fordere alle auf, ehrlicher zu werden. Beispiel Sprachförderung: Ich habe auf dem Papier die Zahl verkleinert. Es ist aber nicht eine Stelle gestrichen worden! Diese Stellen waren nämlich überwiegend gar nicht für Sprachförderung verwendet worden, son-dern für normalen Unterricht. Ein Teil dieser Stellen kann jetzt für zusätzliche Ganztagsangebote genutzt werden. Entscheidend ist, dass eine Maßnahme Erfolg hat und das Ergebnis für alle auch einsehbar ist. Nun entsteht Freiheit, aber auch Erfolgsdruck. Den gab es vorher nicht. Es wurde Geld zugeteilt, keiner hat gefragt, was damit geschieht. Wenn eine Schule die Ziele nicht erreicht, haben wir die Möglichkeit, mit den Lehrern zu sprechen und zu helfen.

H&K: Wollen sie die Gesamtschulen abschaffen?

Dinges-Dierig: Ich habe keine Ambitionen, irgendeine Schulform abzuschaffen. Den Zusammenhang zwischen Schulform und Lerner-gebnis hat überhaupt noch niemand wissenschaftlich untersucht. Nach PISA haben zwar viele gesagt, Finnland sei ganz vorn, also müsse die Einheitsschule eingeführt werden. Doch so einfach ist die Sache nicht. Mir geht es darum, dass Schulen zeigen, was sie können. Schulen, die über zehn Jahre schlecht abschneiden, laufen Gefahr, geschlossen zu werden, weil die Eltern sie nicht mehr wählen. Wichtig ist mir, dass jede Schule eine pädagogisch sinnvolle Schulgröße hat. Es kann nicht sein, dass ich an einer Schule nur einen Fachlehrer für Naturwissen-schaften habe oder einen für Mathematik, weil die Schule zu klein geworden ist.

H&K:Sie planen neue Ganztagsschulen, aber bei den bestehenden kürzen Sie die Mittel.

Dinges-Dierig: Die bestehenden Ganztagsschulen haben eine Über-ausstattung. Mir ist es wichtig, weitere Ganztagsschulen einzurichten und das Angebot insgesamt auszubauen. Daher geben wir den Ganz-tagsschulen normale Ressourcen für ihre Öffnungszeiten. Zusätzlich sollen sie in ihrem Stadtteil mit anderen Anbietern kooperieren und sich ihrem Umfeld gegenüber stärker öffnen.

H&K: Wie soll das gehen?

Dinges-Dierig: Zum einen dadurch, dass ein Kind nachmittags die Schule verlassen darf, um in seinem Verein, in dem es vielleicht schon seit Jahren Mitglied ist, etwa Sport zu treiben – die Eltern müssen das natürlich genehmigen. Zum anderen öffnet sich die Schule für Vereine, Jugendinitiativen oder kirchliche Gruppen, die dann dort ihre Kurse anbieten. Entsprechend könnte man bei der Finanzierung kooperieren.

H&K: Kommt das Schulgeld?

Dinges-Dierig: Dass Eltern für Lernmittel bezahlen müssen, ist kein Einstieg ins Schulgeld. In Deutschland gilt aus guten Gründen die Schulgeldfreiheit.

H&K: Was müssen Eltern in Zukunft an Engagement einbringen?

Dinges-Dierig: Eltern sollten mit der Schule an einem Strang ziehen. Es müsste eigentlich Erziehungsverträge geben zwischen Eltern und Schule. Die Kinder geraten oft in Konflikt zwischen dem, was zu Hause gilt, und dem, was in der Schule gesagt wird. Deshalb finde ich richtig, dass die Wahlfreiheit bei den Grundschulen ausgebaut wird. Dann können sich Eltern bewusst damit auseinander setzen: Was gibt es an welcher Schule für pädagogische Konzepte, denen wir zustimmen können.

H&K: Ob Rosi Raab von der SPD, Admiral Lange von der FDP und jetzt bei Ihnen – in Windeseile gab es Ärger. Warum so schnell?

Dinges-Dierig: Jeder war in der Schule; viele haben eigene Kinder. Und ganz gleich, was sie in der Bildungspolitik anstoßen: Sie haben stets Gegner und Befürworter. Dazu kommt, dass sich die Gegner stets laut äußern, während sich die Befürworter eher zurück halten. Diesem Phänomen muss sich jeder stellen, der in der Bildungspolitik etwas bewegen will.



Interview: Frank Keil und Petra Neumann

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