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Winternotprogramm

„Man zittert sich einen ab“

5. Januar 2016 | Von | Kategorie: Nachrichten

Trotz Dauerfrost schickt die Sozialbehörde täglich hunderte Obdachlose aus dem Winternotprogramm in die Kälte. Wenigstens sollen bald Tagesaufenthaltsstätten auch am Wochenende öffnen. Wir fordern: Öffnet das Winternotprogramm auch tagsüber!

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Frost vor der Tür: Die Container des Winternotprogramms in der Münzstraße.

Temperaturen von Minus 5 Grad auch tagsüber, eisiger Wind, Schneegestöber – und trotzdem setzt die Sozialbehörde die Obdachlosen aus dem Winternotprogramm jeden Morgen wieder auf die Straße. Schon Stürme und Starkregen im Dezember hatten die Entscheider unbeeindruckt belassen. „Die Gründe sind die gleichen wie immer“, sagt Sozialbehördensprecher Marcel Schweitzer. Tagsüber müsse die Bettwäsche gewechselt und die Unterkünfte gereinigt werden. „Außerdem möchten wir, dass Anlaufstellen in Anspruch genommen werden und die Menschen nicht über den Winter in ihrer Lebenssituation verharren.“

„Absoluter Schwachsinn!“, entgegnet Hinz&Künztlerin Martina und erntet breite Zustimmung in unserem Aufenthaltsraum. Sie übernachtet seit dem 19. November in den Wohncontainern in der Münzstraße, weil sie nach dem Tod ihres Mannes ihre Wohnung nicht halten konnte und keine bezahlbare neue fand. Jeden Morgen wird sie nun aus ihrer Notunterkunft geworfen und verkauft dann Hinz&Kunzt vor der Europapassage. „Man zittert sich einen ab“, sagt die 55-Jährige. Viel lieber bliebe sie länger im Winternotprogramm und hätte dort gerne Zugang zum Internet, damit sie nach Wohnungen suchen kann. „Die sollen dort mal sinnvolle Angebote machen“, fordert sie.

Tagesaufenthaltsstätten überlastet

Doch die Sozialbehörde will lieber verhindern, dass sich die Obdachlosen zu wohl in den Notunterkünften fühlen und sich dort einrichten. Als „nutzungspolitische Notwendigkeit“ bezeichnet man deshalb dort die Schließung der Unterkünfte am Tag. So sollen die Nutzer des Winternotprogramms auch dazu gebracht werden, tagsüber Tagesaufenthaltsstätten aufzusuchen und sich dort von Sozialarbeitern beraten zu lassen, heißt es immer wieder.

Angesichts der Witterung meldet aber zum Beispiel das Herz As im Münzviertel schon Überlastung: „Wir mussten bereits Menschen abweisen“, sagt Eva Lindemann, Sprecherin der Trägerorganisation Hoffnungsorte Hamburg. Hinzu kommt: Die Einrichtungen sind nicht durchgehend geöffnet, am Wochenende gibt es bislang nur wenige solcher Aufenthaltsmöglichkeiten für Obdachlose. Wenn es also wirklich um die Beratung ginge: Warum bleibt das Winternotprogramm dann nicht wenigstens am Wochenende ganztägig geöffnet?

Hinz&Kunzt: Winternotprogramm tagsüber öffnen!

Hinzu kommt: Einen wirklichen Ausweg aus der Obdachlosigkeit können die Berater meistens sowieso nicht aufzeigen. Die öffentlichen Unterkünfte sind voll belegt und richtige Wohnungen, die auch bezahlbar sind, gibt es schlicht so gut wie keine. Absurd, dass die Sozialbehörde dennoch bei ihrer Argumentation bleibt, findet Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer: „Kein Mensch muss sich sieben Tage die Woche acht Stunden lang beraten lassen“, sagt er. Deshalb solle das Winternotprogramm endlich auch tagsüber geöffnet bleiben. „Die Menschen brauchen eine warme Unterkunft, um zur Ruhe kommen zu können.“

Doch die Sozialbehörde lehnt ab – genauso, wie im November bereits der Sozialausschuss der Bürgerschaft eine ähnliche Forderung der CDU abgelehnt hatte. Stattdessen sollen in den nächsten Wochen die Öffnungszeiten einiger Tagesaufenthaltsstätten ausgeweitet werden. „Aufgrund des gegenwärtigen Bedarfs“ würden zukünftig zwei weitere Tagesaufenthaltsstätten auch am Wochenende öffnen, heißt es.

Nach Informationen von Hinz&Kunzt handelt es sich dabei um das Herz As im Münzviertel und die TAS der Diakonie in der Bundesstraße. Im wöchentlichen Wechsel sollen sie jeweils an einem Tag pro Wochenende vier Stunden zusätzlich öffnen. Ein schwacher Trost für die frierenden Menschen auf der Straße und ganz sicher kein Ausweg aus der Obdachlosigkeit. Und dennoch hat es Monate gedauert, bis diese kleine Verbesserung Realität werden können.

Weiter warten auf neue Plätze im Pik As

Immerhin: die Plätze im Winternotprogramm reichen in diesem Jahr bislang offenbar aus. Auch an den kalten Tagen Anfang Januar nutzten knapp 800 Menschen den Erfrierungsschutz. Die meisten Nutzer kamen bislang Mitte Dezember, als es bei vier Grad über Null besonders viel regnete: 846 Menschen suchten am 12. Dezember Schutz in den Einrichtungen der Behörde. Plätze gibt es für insgesamt 890 Obdachlose. Die Sozialbehörde verspricht, im Bedarfsfall aufzustocken. „Es bleibt beim Ziel: Niemand soll abgewiesen werden“, sagt Sprecher Schweitzer.

Ins Stocken geraten ist die Erweiterung der Notunterkunft Pik As in der Neustadt. Im November hatten wir berichtet, dass die 260 Schlafplätze um 70 neue ergänzt werden sollen, sobald eine neue Brandmeldeanlage installiert wurde. Nun heißt es aus der Sozialbehörde: „Die Abnahme durch die Feuerwehr ist noch nicht erfolgt, weshalb die Plätze noch nicht genutzt werden können.“

Text: Benjamin Laufer
Foto: Annabel Trautwein

Wir haben eine Online-Petition gestartet: Winternotprogramm für Obdachlose auch tagsüber öffnen!
Hier unterschreiben und teilen: www.change.org/winternotprogramm

10 Kommentare
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  1. Ich habe eben die Meldung im Hamburg Journal gesehen und gehört, das sich die Behörde um Kopf und Kragen redet. Sie begründet das mit Bettwäschewechsel, und sauber machen. Das währe von 9:00 Uhr bis 17:00 Uhr dann wohl 8 Stunden, bis die Obdach – so wie Wohnungslosen wieder in den Kälteschutz kommen dürfen. Ich frage mich, was das für eine haltlose Begründung ist, denn ich habe Jahre lang Gebäudereinigung gemacht. HINZ&KUNZT hat mal über Hotels berichtet, was Frauen dort leisten mußten, in wenigen Stunden. Nun kommt die Sozialbehörde um die Ecke, und begründet so einen Schwachsinn. Scheinbar gibt es hier keinen politischen Bedarf, was an dieser Behauptung drann ist. Wir alle müssen dies mal überprüfen lassen, was da wirklich drann ist, das man die Wohnungs – so wie Obdachlose ab 9 Uhr auf die Strasse schickt, bei so ein Wetter. Wenn ich so etwas mit bekomme, ballen sich meine Hände in den Hosentaschen zu Fäußte. Alles halt los, was dort behauptet wird, denn solche Unterkünfte kann man in wenigen Stunden auf fordermann bringen, wenn man will. Politisch gesehen, ist diese Behauptung völlig haltlos !!

    In diesem Sinn, Erich Heeder – Hinz&Kunzt Verkäufer

  2. (kopiert von Erich Heeder)
    Cansu Özdemir da zu

    Obdachlose auch tagsüber vor Erfrierung schützen!“

    Der Winter ist in Hamburg angekommen – auch am Tag liegen die Temperaturen deutlich unter Null. Harte Zeiten für obdachlose Menschen: Sie müssen die hellen Stunden draußen in der Kälte verbringen. Die Fraktion DIE LINKE in der Hamburgischen Bürgerschaft fordert den Senat daher dazu auf, das städtische Winternotprogramm auch tagsüber für obdachlose Menschen zugänglich zu machen. Bisher sind die Notunterkünfte im Rahmen des Winternotprogramms nur zwischen 17 Uhr am Abend und 9 Uhr morgens geöffnet.

    „Es ist nicht nachvollziehbar, warum Obdachlose jeden Morgen wieder in die Kälte geschickt werden. Die tiefen Temperaturen sind nicht nur nachts, sondern auch tagsüber für Leib und Leben eine Gefahr“, erklärt dazu Cansu Özdemir, Vorsitzende und sozialpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. „Bis jetzt sind die Tagesaufenthaltsstätten an den Wochenenden geschlossen und in der Woche eingeschränkt geöffnet. Darüber hinaus gibt es immer noch zu wenig Plätze.“

    Das Argument der Sozialbehörde, die Obdachlosen sollten sich in den Tagesaufenthaltsstätten beraten lassen, sei absurd, so Özdemir: „Zum Einen sind die Tagesaufenthaltsstätten in der Regel völlig überfüllt, zum anderen lässt sich dort kein Obdachloser stundenlang beraten. Statt absurde Ausreden zu erfinden sollte der Senat das Winternotprogramm ab sofort ganztägig zugänglich machen.“

  3. Moin,
    Ich kann mich da nur meinen beiden vorrednern anschließen, und hoffen das bei der SPD sich schleunigst etwas tun wird..
    Und nicht erst wenn der Winter vorbei ist

  4. Das ist shamelos! Dafür bezahlen wir einer Sozialesbeitrag?????
    Ich könnte dese behörde vernichten, HERZLOSIGKEIT bezeichnet diese istituzion am besten. PFUI!

  5. Was muß man denn tun, damit der Sozialsenatorin bewußt wird, dass Wind und Kälte sich vom Tageslicht nicht ändern können? Weiß sie wirklich nicht, dass Not keine Pause von 8h kennt? Diese faulen Ausreden gab es vor Jahren auch schon. So viele Obdachlose haben schon aus eigenem Antrieb angeboten die Reinigung selbst durchzuführen, umsonst wenn sie nur nicht mehr so frieren müssen. Gnadenlos abgelehnt!!!
    Die Obdachlosen flehen das Personal an, erfolglos. Das Personal lässt sich anbetteln! Was sind das für Menschen, die soetwas fertigbringen?
    Artikel 2 Satz 2 GG Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.
    Auf Grund welchen Gesetzes gefährdet man Gesundheit und Leben der Obdachlosen?

  6. wir waren daran und bleiben dran:
    http://www.muenzviertel.de/blog/?p=476
    /Users/guenterwestphal/Desktop/ WNP mopo001.jpg

  7. Ich habe eben an Dr. Dressel und an Frau Blömeke per Abgeordnetenwatch geschrieben:

    Welche Gründe gibt es, dass Obdachlosen tagsüber der Zutritt zu den Räumen der Notunterkünfte versperrt wird?
    Wenn Art 3 GG noch Gültigkeit hat, dann wundert es mich, mit welchem Einsatz man sich um Flüchtlinge kümmert (denen ich das vom Herzen gönne) und die Bedürfnisse der Bürger im Land (egal ob es sich um deutsche oder ausländische Bürger handelt), die durch Notlagen bedürftig wurden, vernachlässigt.
    Bitte sorgen Sie dafür, dass auch diese Bürger tagsüber eine warme Unterkunft haben.
    Noch sind diese Anfragen nicht freigeschaltet. Ich hoffe, es hilft.

  8. Am Beispiel der Flüchtlinge, die ja auch wirklich unsere Hilfe brauchen und bekommen sollen, ist klar erkennbar, zu welchen gigantischen Hilfsleistungen die Stadt Hamburg fähig ist – für alles wird gesorgt: Warme Unterkunft, sanitäre Einrichtungen, Essen, Kleidung, medizinische Versorgung – es ist doch wirklich nicht zuviel verlangt, notleidende, frierende Mitbürger – egal woher sie kommen – in dieses Hilfsprogramm einzubeziehen – oder müssen die sich erst einen syrischen Pass besorgen und Asyl beantragen, damit sie nicht unter Hamburg’s schönen Brücken frieren und hungern, davon krank werden oder schon sind?

  9. […] zu – so lange, bis wieder ein Platz frei wird. Mit Wartemarken in der Hand harren die Leute dann in der Kälte aus. Manchmal gibt schon jemand vom Team vorab Bescheid: Das Mittagessen wird nicht für alle reichen. […]

  10. […] ihre Fraktion ihre Forderung, die auch Hinz&Kunzt teilt: Das Winternotprogramm für Obdachlose muss auch tagsüber geöffnet bleiben. Außerdem müssten auch dort Berater ansprechbar sein. Und die Tagesaufenthaltsstätten sollen […]

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