Stadtentwicklung

Wilhelmsburg 2.0

Von 2006 bis 2013 war Wilhelmsburg Austragungsort der Internationalen Bauausstellung (IBA). Es wurde geträumt, geplant und zum Schluss auch gebaut. Doch der Stadtteil kommt nicht zur Ruhe: Neue Bauten sind geplant, ein nächstes Beteiligungsverfahren fordert die Bürger. Ein Blick auf die Elbinsel.

(aus Hinz&Kunzt 253/März 2014)

Der meterhohe Zaun ist weg. Ist abgerissen, weggetragen; nur in der Mitte ist ein Rest stehen geblieben, ein bisschen wie ein Reststück der Berliner Mauer für die ahnungslosen Touristen. Nun kann man locker und entspannt über den Wilhelmsburger Elbdeich entlang des Spreehafens schlendern und sieht einmal die Hamburger Innenstadt und den Hafen mit seinen Kirchen, seinem Michel und neuerdings der Elbphilharmonie vom Süden her. Sieht alles klar und deutlich vor sich, und man müsste wohl ein Herz aus Stein haben, um nicht zu denken: „Ach, was ist das doch für eine schöne Stadt!“

Lange haben die Wilhelmsburger auf solche Momente gewartet. Haben am hermetischen Zollzaun gerüttelt, haben demonstriert, haben Eingaben eingereicht – und dann kam die Internationale Bauausstellung (IBA), sie nutzte den Unmut der Bürger, der Zaun verschwand und auf dem Sympathiekonto der IBA fanden sich ein paar erste Pluspunkte.

Die IBA: Sieben Jahre war Wilhelmsburg Gebiet der IBA, die Realisierungsgesellschaft zu 100 Prozent im Besitz der Stadt. Und die Stadtplaner und Architekten, die Stadtsoziologen, die Politiker und auch die Träumer kamen und gingen. Was gab es nicht alles für Workshops, Infoveranstaltungen und Infostände! Tonnenweise ging Infomaterial auf der Elbinsel nieder. Man wollte nichts Geringeres erreichen, als Modelle zu entwickeln, um Weltprobleme zu lösen: die Globalisierung, den Klimawandel, die Zukunft der Städte.

Die Wilhelmsburger nennen die neuen bunten Bauten „Ufos“.

Fragt man die Wilhelmsburger, was sie besonders begeistert, erwähnen diese zuerst die neue Fähranbindung, rüber über die Elbe zu den Landungsbrücken (nur leider derzeit nicht am Wochenende). Und dann den neuen, tollen Radweg durch den Alten Elbtunnel, rüber auf die Insel. Gut angekommen ist auch, dass sich der Hochbunker von einer Ruine in einen mit Solarzellen gepflasterten Energiebunker gewandelt hat – plus Café in luftiger Höhe (hingehen und auch hier den Blick genießen!).

Die großen visionären Entwürfe von neuen Wohnvierteln direkt am Wasser aber sind nicht realisiert worden, die Pläne für futuristisch anmutende Hausboot-Ensembles in den Schubladen geblieben: Die Hafenwirtschaft hat die dafür notwendigen Flächen entlang der Elbe und ihren Seitenarmen nicht rausgerückt. Kirchdorf und Kirchdorf Süd sowie die Veddel wurden schnell links liegen gelassen. Am markantesten ist noch der Umbau der Wilhelmsburger Mitte nahe der S-Bahnstation ausgefallen, mit Häusern nur aus Holz, oder die Fassade gefüllt mit Algen, um aus ihnen Energie zu gewinnen; in allen Farben schillern diese Bauten: „Ufos“ nennen sie die Wilhelmsburger. Und gehen kopfschüttelnd weiter.

Was kommt nach der IBA?

Und was kommt jetzt? Denn die IBA macht nach ihrem Präsentationsjahr 2013 weiter; fortgesetzt werden soll das Projekt „Sprung über die Elbe“; der Stadtteil soll „weiterentwickelt“ werden, als handele es sich bei Wilhemsburg noch immer um ein obskures Entwicklungsland, das man im Auge behalten müsse. Nun geht es um das „Zukunftbild Elbinseln 2013+“. Nächstes Projekt: Entlang des Assmannkanals könnten die dort ansässigen Kleingärten überbaut werden.

Ortstermin also am Assmannkanal, wo Mariano Albrecht vom Kleingartenverein „Sommerfreude“ und Michael Wickenbrock sowie Detlef Klug vom Verein „Unsere Scholle“ gerne Auskunft geben. Die drei wetterfest gekleideten Männer betonen manchmal fast schon zu oft, dass sie keinesfalls gegen neuen Wohnungsbau seien. Versuchen jeden Anflug des Eindrucks zu zerstreuen, ihnen sei allein daran gelegen, in ihren Parzellen ihre Ruhe zu haben.

Sie sprudeln nur so über vor Ideen, wie ihre ineinanderfließenden Kleingartenanlagen von Kitas, Schulen oder Senioreneinrichtungen genutzt werden könnten: „Man muss die Gärten viel mehr öffnen, ob sie nun von Bauplänen bedroht sind oder nicht“, sagt Mariano Albrecht. Und sie schwärmen vom Grün, das hier bald sprießen wird. Loben die Rückzugsmöglichkeiten, die gerade die Bewohner unserer so durchgetakteten Arbeitsgesellschaft so sehr bräuchten. Und sei es nicht wunderbar, dass es hier noch wilde Brachen gäbe, dass alles nicht so durchgeplant sei wie auf einer Skizze im Laptop eines Landschaftsarchitekten?

Von neuen Plänen erfahren die Wilhelmsburger oft aus der Zeitung.

Das Interesse der IBA und des Bezirks an ihrem Gelände hat seinen Grund: Da es nicht gelungen ist, der offenbar übermächtigen Hafenwirtschaft Flächen entlang der Süderelbe und des Spreehafens abzuringen und im Süden durch den noch immer ungeklärten Bau einer möglichen Hafenquerspange große Flächen auf Jahre hin blockiert sind, stellt sich immer dringender die Frage, wo eigentlich gebaut werden soll. Und hier, wo die drei nun stehen und gehen, ist theoretisch jede Menge Platz. Wird auch noch die Reichsstraße als die Wilhelmsburger Autobahn näher an die Bahn herangelegt, wird die Fläche sich noch einmal vergrößern. Noch dazu ist das alles hier seit 1936 Kleingartengelände, die Böden im Gegensatz zu anderen Wilhelmsburger Flächen weniger mit Industrieabfällen und Schadstoffen belastet – entsprechend entfällt die teure Bodensanierung, was Investoren nur so lockt.

Und hat man schon mit ihnen gesprochen? Sind sie im Dialog mit dem Bezirk oder der Stadtentwicklungsbehörde oder der IBA auch über mögliche Zugeständnisse und Kompromisse, wo doch immer wieder versprochen wurde: Was immer hier auch passiert, es passiere nichts über die Köpfe der Bürger hinweg? „Das läuft so, dass in der Zeitung plötzlich ein Plan abgedruckt ist, auf dem du sehen kannst, was man mit dem Gelände vorhat, auf dem du deinen Garten hast“, sagt Michael Wickenbrock. „Warum tritt man nicht an die Vereine heran und fragt die, ob die nicht bauen wollen?“, fragt Detlef Klug. Jedenfalls: eine offizielle Kontaktaufnahme, womöglich noch persönlich, dass mal jemand vorbeigekommen sei, um mit ihnen zu reden – dreimal Kopfschütteln.

„Die hier schon lange Engagierten agieren so, dass sie immer über den Hebel ‚Protest‘ gehen.“

Deswegen haben sich die Kleingärtner auch sofort dem Netzwerk „Perspektiven! Miteinander planen für die Elbinseln“ angeschlossen, einer neuen Plattform der Bürgerbeteiligung. Beteiligt sind der Bezirk Hamburg Mitte, die Stadtentwicklungsbehörde und das Bürgerhaus Wilhelmsburg, als Ort und Schnittstelle der Bürger und ihrer Initiativen, ob nun Tanzgruppe oder politische Bürgerinitiative. Die IBA soll als Entwicklungsgesellschaft die Ergebnisse dann umsetzen.

Leiterin des Bürgerhauses ist Bettina Kiehn. Ihr jahrelanges Engagement während der IBA-Zeit hat bei ihr für eine gewisse kühle Nüchternheit gesorgt: „Die IBA ist mit offenen Armen empfangen worden, es wurde als Erfolg gesehen, dass sie kam, nachdem im Stadtteil so lange nichts passiert ist. Aber dann ist die IBA immer mehr zu einer klassischen Bauausstellung geworden, und bei einer Bauausstellung werden hochwertvolle Einzelprojekte durchgeführt; sie ist ein echtes Eldorado für Stadtplaner, die können endlich mal machen, was sie schon immer machen wollten, und das unter beschleunigten Verfahren.“ Selbstkritisch merkt sie an: „Wir haben uns von diesen Einzelprojekten mitreißen lassen und damit den Blick auf die gesamte Insel verloren. Das war eine Schwäche.“ Aber ihre Einschätzung ist auch, dass sich auf diesen Erfahrungen aufbauen lässt, dass auch Behörde und Bezirk lernfähig seien. Mit dieser Haltung hat sie sich unter den Wilhelmsburger Aktivisten nicht nur Freunde gemacht.

Im Gegenzug spart sie nicht an Kritik an denen, die stets nur Kontra geben: „Die hier schon lange Engagierten agieren so, dass sie immer über den Hebel ‚Protest‘ gehen; sie unterstellen, dass die da oben sowieso machen, was sie wollen, also muss man den Protest organisieren, und Protest organisieren, das beherrscht man. Unser Verfahren aber ist eines, wo es nicht um Protest geht, sondern um gemeinsames Beraten und Entwickeln.“ Derzeit treffen sich fast wöchentlich die verschiedenen Arbeitsgruppen – zu Themen wie Inklusion, Sport, Wohnen oder Wirtschaft. Aber auch der Neubau einer Moschee steht auf dem Plan und auch die bisher unberücksichtigte Veddel soll in den Blick rücken. Das Tempo ist wahrhaft stramm: Im Juni, Juli dieses Jahres sollen die Ergebnisse von „Perspektiven!“ in eine neue Senatsdrucksache über die Zukunft der Elbinsel einfließen. Dann wird man sehen, ob sich eine erneute Bürgerbeteiligung und der weitgehende Verzicht auf Protest gelohnt haben.

„Wir leben in einem demokratischen Land und ich möchte an dieser Demokratie teilnehmen.“

Noch ein anderer Ort, eine andere Tageszeit: Jeden letzten Donnerstag im Monat sitzt Marina Lindemann um 19 Uhr in der Altentagesstätte der Arbeiterwohlfahrt im Reiherstiegviertel und leitet dort die meist dreistündige, öffentliche Sitzung des örtlichen Sanierungsbeirates. Sie kam vor neun Jahren ins Viertel, nachdem die in Sibirien aufgewachsene Spätaussiedlerin erst länger in Eimsbüttel und dann auf St. Pauli wohnte. Als sie von der Einrichtung des Sanierungsbeirates erfährt, engagiert sie sich sofort: „Ich wollte wissen, was vor meiner Tür gebaut wird. Wir leben in einem demokratischen Land und ich möchte an dieser Demokratie teilnehmen.“

Dabei verschweigt sie keinesfalls die geringe Macht eines solchen Beirates: Seine Mitglieder können an den Bezirk Empfehlungen abgeben, bindend sind diese nicht. Aber deren Empfehlungen würden gehört, davon ist sie überzeugt. Ein Beispiel? Bitte schön: Drüben beim heutigen Energiebunker gab es lange keinen Übergang für die Kinder und Jugendlichen, die auf dem Weg zur Kita, zu zwei Spielplätzen, zu einer Schule und zum Haus der Jugend dort eine Straße überqueren mussten. Die Lkws bretterten durch die Straße, parkten ihre Hänger auf den Seitenstreifen. Und niemand fühlte sich dafür zuständig. Beharrlich hat der Beirat darauf gedrungen, die Straße verkehrszuberuhigen, hat nicht lockergelassen, bis sich schließlich die IBA der Sache annahm, sie zu einem ihrer Projekte erkor, Straße und Gehwege umgestaltete, und nun kann man hier die Straße gut und sicher überqueren. „Ich weiß, es ist nur ein kleiner, vielleicht sehr kleiner Schritt, aber es ist ein Schritt“, sagt sie.

„Es wird immer schwierig, wenn die Leute alles so behalten wollen, wie es war.“

An diesem Abend erklärt ein eingeladener Mitarbeiter des Bezirks Mitte den Versammelten, was es für Überlegungen zur möglichen Bebauung entlang des Veringkanals gibt – ein ähnlicher Industriekanal wie der Assmannkanal. Nur das hier Industrie hart auf Wohnflächen trifft: Kann man trotzdem bauen, welchem Eigentümer gehört welche Fläche, wie umgehen mit Lärmemissionen, darum geht es.

Was nach seinem Vortrag passiert, scheint typisch: Von einzelnen Beiratsmitgliedern wie vom anwesenden Publikum wird ihm erst, wenn auch freundlich, vorgehalten, was er hier vorstelle seien ja nur Pläne, nur vage Überlegungen, und was denn bitte schön der Bezirk nun eigentlich vorhabe, das wolle man endlich mal wissen! Wird er dann zu konkret, benennt er, wo seiner Einschätzung nach gebaut und wo nicht gebaut werden wird, wird ihm vorgeworfen, dass es mal wieder typisch sei, dass der Bezirk ja ohnehin schon alles beschlossen habe, was solle also diese ganze Veranstaltung? Marina Lindemann seufzt: „Bürgerbeteiligung ist ein langwieriger Prozess.“ Sie sagt: „Es wird immer schwierig, wenn die Leute alles so behalten wollen, wie es war.“ Die Feindbilder inklusive.

Aber das alles macht ihr großen Spaß, sie ist alles andere als skeptisch oder misstrauisch und so hat ihre Beiratstätigkeit Folgen: Im Mai kandidiert sie, die so lange parteilos war, für die Bezirksversammlung. Sie segelt dann unter der Flagge der SPD: „Ich habe erfahren, dass ich etwas bewegen kann. Und das möchte ich ausbauen.“

„Wenn es klar wäre, da sind die Guten und da sind die Bösen, es wäre nicht das Leben.“

So ist also sicher: Der Stadtteil Wilhelmsburg, lange abgehängt, wird weiterhin im Mittelpunkt vielfältiger Interessen, Konflikte und Bauvorhaben stehen. Eine Pause, die sich manche Bewohner mittlerweile wünschen, ein einfaches Innehalten, wird es nicht geben.

Ein Resümee? Ein Zwischenstand? Marina Lindemann kommt zu einer grundsätzlichen Einschätzung: „Wenn es klar wäre, da sind die Guten und da sind die Bösen, es wäre nicht das Leben.“ Bettina Kiehn legt ihre Pläne und Unterlagen zusammen, sagt dann: „Ich hab neulich gehört, ich wäre total naiv. Aber ich möchte das auch sein: Den Glauben, dass man gemeinsam etwas zum Guten bewegen kann, den möchte ich nicht verlieren, sonst könnte ich hier nicht antreten.“

Und unsere drei Kleingärtner? Sie sitzen vor Detlef Klugs Laube vor einem exzellenten Kuchen mit Kirschen aus eigener Ernte, ihnen ist jahreszeitgemäß nun doch etwas fröstelig zumute, und wir sollten mal im Frühling vorbeikommen, gern mit Kind und Kegel, uns zu ihnen in die Sonne setzen, dann wäre es hier wunderschön, ein wahres Paradies, wirklich, und dass das bleibt, dafür werden sie kämpfen. Klug weist rüber zur nahen Autobahn, auf der die Fahrzeuge nur so entlangflitzen: „Und das ständige Rauschen der Reichsstraße, das könnte doch auch ein Wasserfall sein, oder?“

Text: Frank Keil
Foto: Andreas Hopfgarten

Diskussionsveranstaltung im Rahmen der Reihe „Hamburg! Gerechte Stadt“: „Über die Elbe gesprungen – wie gelandet?“ . Di, 18.3., 17.30 Uhr, Bürgerhaus Wilhelmsburg, Mengestraße 20, Eintritt frei

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