Stadtplanung

Trinkraum in Bahnhofsnähe

Der Bezirk Mitte sucht einen Standort in der Innenstadt, um dort einen Trinkraum „nach Kieler Vorbild“ einzurichten. Bisher war so eine Einrichtung in Billstedt vorgesehen. Wie groß der Raum sein wird, wann er eröffnet und wer die Trägerschaft übernimmt, ist noch offen.


Besucher des Trinkraums in Kiel
Besucher des Trinkraums in Kiel

Die Pläne für einen sogenannten Trinkraum in der Stadt werden konkreter. Ein solcher soll allerdings nicht wie bisher vorgesehen im Bereich der U-Bahn-Haltestelle Legienstraße in Billstedt eingerichtet werden, sondern in der Nähe des Hauptbahnhofs. Das hat eine Arbeitsgruppe beschlossen, zu der neben dem Bezirk auch Vertreter von Hilfeeinrichtungen gehören. Laut Bezirk halten insbesondere die Vertreter der sozialen Einrichtungen einen Trinkraum in Bahnhofsnähe „dringend erforderlich“.

Markus Schreiber (SPD), Leiter des Bezirksamts Mitte, plant schon lange einen Trinkraum „nach Kieler Vorbild“. Vor dreieinhalb Jahren besuchte Schreiber ein Projekt in der Schleswig-Holsteinischen Landeshauptstadt. Das Konzept der Einrichtung, die von der Stadt und dem Verein „Hempels“ betrieben wird, überzeugte ihn: Die Gäste bringen Bier oder Wein selbst mit, Hochprozentiges ist verboten. Stammgäste arbeiten in dem Raum, der einer Kneipe ähnelt mit und Sozialarbeiter helfen bei Behördengängen und Therapieplatzsuche und beraten bei Schulden (siehe Hinz&Kunzt 179/Januar 2008: „Hier kann uns keiner vertreiben“).

Nun sind Bezirksmitarbeiter auf der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten in der Hamburger Innenstadt. „Bei Vermietern von zwei Objekten am Steintorwall haben wir bereits angefragt“, sagt Lars Schmidt-von Koss, Sprecher des Bezirksamts Mitte. Zur geplanten Größe eines Trinkraums und über Einzelheiten der Gestaltung und des Angebots kann der Bezirk bisher keine genaueren Angaben machen: „Wir stehen noch am Anfang der Planung.“ Nur so viel: Dort soll nicht nur getrunken werden. Sozialarbeiter sollen Beratung anbieten und den Besuchern „Wege aus der Sucht“ aufzeigen. Einer der Parteien der Arbeitsgruppe habe sich bereit erklärt, die Trägerschaft zu übernehmen. Offen ist derweil, wer das Projekt finanzieren wird. „Die Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz hat bereits gesagt, dass sie keine Fördermöglichkeiten hat“, so Schmidt-von Koss.

Stephan Karrenbauer, Sozialarbeiter bei Hinz&Kunzt, betont, dass ein Trinkraum nicht billig zu haben sei. „Wenn man wirklich helfen will mit so einem Raum, dann müssen da Sozialarbeiter und eine Schuldenberatung rein. So ein Projekt kostet Geld.“ Allerdings: „Wenn so ein Raum gut finanziert ist und gut angenommen wird, dann kann er schon hilfreich sein.“ Die Stadt dürfe aber niemanden mit Druck oder Platzverweisen dazu zwingen, solche Räume zu nutzen. Vielmehr müssten schon zu Beginn der Planung Interessierte aus der Szene eingebunden werden. „Man muss zu den Leuten gehen und sie fragen, ob sie so einen Trinkraum nutzen würden und wie sie ihn sich vorstellen.“

In Kiel entstand das Vorbild-Projekt 2003, weil das Stadtbild sauberer werden sollte: Wegen ständiger Beschwerden über Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit verhängte die Stadt Kiel ein Trinkverbot für die City. Das wurde allerdings vom Oberverwaltungsgericht Schleswig gekippt. Daraufhin kam die Stadt auf das Team vom Verein Hempels zu. Dass der Trinkraum dann wirklich eröffnet wurde, lag vor allem an den vielen Leuten aus der lokalen Trinkerszene, die sich für die Idee starkmachten.

Bestimmte Gruppen aus der Innenstadt zu vertreiben, ist laut Sprecher Lars Schmidt-von Koss nicht Ziel des Bezirksamts Mitte. Das Konzept basiere vielmehr auf Freiwilligkeit.  Man wolle Menschen, die sich Kneipen nicht leisten können, eine Alternative zum Trinken auf der Straße anbieten. Und das in der Nähe der Plätze, an denen sie sich zur Zeit aufhalten, also rund um den Hauptbahnhof.

Eine ähnliche Einrichtung hat Hamburg übrigens bereits: In Harburg gibt es seit 1998 an der Knoopstraße  einen Treffpunkt, der von einer Gruppe genutzt wird, die sich zuvor am Harburger Rathausmarkt traf und dort auch Alkohol trank. Heute betreibt der Verein „Projekt Freizeitgestaltung Harburg“ Container wie öffentliche Wohnzimmer, wo die Männer und Frauen Mitgebrachtes trinken, aber auch Probleme besprechen, grillen oder Karten spielen. Die Vorsitzende des Vereins managt den Treffpunkt und kümmert sich um die Einhaltung der Regeln (siehe Hinz&Kunzt 210/August 2010: Gut aufgehoben oder nur abgeschoben?).

Text: Beatrice Blank
Foto: Mauricio Bustamante

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