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Nur wer nicht träumt, ist wirklich arm

28. September 2011 | Von | Kategorie: 2011: Hinz&Kunzt-Ausgaben 215–226, Archiv, Hinz&Kunzt 224/Oktober 2011

Nach Feierabend macht der Hinz&Kunzt-Verkäufer Thomas Lehmann Musik. Im Herbst bringt der ehemalige Obdachlose, der von einer Karriere als Musiker träumt, sein Debütalbum „I am still here“ heraus und gibt in der Althamburger Kneipe „Drei Eichen“ ein Konzert.

(aus Hinz&Kunzt 224/Oktober 2011)

ThomasUm 16 Uhr lässt Thomas Lehmann den Arbeitsalltag hinter sich und streicht einige Buchstaben aus seinem Namen. Als „Tomas Leman“ spielt der Hinz&Kunzt-Verkäufer dann auf seiner Gitarre und singt. Mit sanften Kopfbewegungen begleitet er unter seinem Künstlernamen die Töne seiner Akustikgitarre in den Nachmittag hinaus.

„Musik ist mein Leben“,
sagt der 52-jährige Sänger und Liedermacher. Selbst wenn er an seinem Hinz&Kunzt-Verkaufsplatz in Niendorf steht, lässt er ab und an seine Finger in Gedanken über die Saiten seiner Gitarre gleiten. Sein größter Wunsch ist es, von der Musik leben zu können. „Mehr will ick nich“, sagt der Berliner, wischt seine Hände an den Jeans ab und setzt zu einem neuen Gitarrenstück an.
Thomas kam vor elf Jahren von Berlin nach Hamburg. „Natürlich wegen einer Frau“, sagt er. Thomas hatte sich verliebt, kündigte seinen Job in einem Musikladen und zog in die Hansestadt. Die Beziehung zerbrach bald, und seine Ex-Freundin warf ihn aus ihrer Wohnung. Thomas hatte weder Geld noch Arbeit und landete auf der Straße. Thomas musste seine Akustikgitarre, die er schon seit 15 Jahren besitzt und die immer noch wie neu aussieht, in die Hände eines Pfandleihers geben. „Das war der schlimmste Tag in meinem Leben“, sagt er und zupft an seinem Hemdkragen. Drei Monate lang war Thomas dann obdachlos. „Jeden Tag bin ich acht Stunden durch Hamburgs Straßen geirrt und habe über mein Leben nachgegrübelt“, erinnert er sich.

Thomas’ Leben
begann schon turbulent. Seine Mutter interessierte sich nicht für ihn, sein Vater starb, als er neun war, und so wuchs er bei seinem Onkel Manfred und seinen Großeltern auf. „Onkel Manfred war der wichtigste Mensch in meinem Leben“, sagt er. Der verstorbene Onkel sei Philosoph gewesen, habe oft mit ihm gelesen und ihm viel über Musik beigebracht. „Jeden Abend, vor dem Ins-Bett-Gehen, durfte ich mir ein Lied wünschen. Meistens habe ich mir etwas von Paul Simon gewünscht“, erinnert sich Thomas mit einem Lächeln.
Thomas’ glücklichster Tag war sein zehnter Geburtstag. An diesem Tag schenkte ihm sein Onkel Manfred eine Gitarre, auf der er von da an immer spielte – immer, wenn seine Großeltern das Instrument nicht wegsperrten. „Meine Großeltern störte es, dass ich pausenlos Musik machte“, sagt er und umklammert seine Gitarre.

Auch heute macht Thomas Musik
so oft er kann. Er spielt „Up-Tempo-Stücke mit spanischem Einfluss“ oder Balladen und zieht sich dazu in sein 28 Quadratmeter großes Häuschen zurück. Seit zwei Jahren lebt Thomas wieder in seinen eigenen vier Wänden und nicht mehr in einer Massenunterkunft für Wohnungslose. Seine Vermieterin lernte er an seinem Verkaufsplatz kennen. Die ältere Dame, die gerne Santana hört, bringt Thomas schon mal Kaffee und Kuchen vorbei. Auch die Besitzerin der Althamburger Kneipe „Drei Eichen“ traf er an seinem Stammplatz vor dem Lidl in Niendorf. Die Wirtin überlässt ihm am 25. November einen Saal für einen Konzertauftritt. „Für das Konzert muss ich allerdings noch viel vorbereiten“, sagt er.
In den 80er-Jahren hatte Thomas schon einmal Konzerte vor Publikum gegeben. Mit seiner Band fuhr er damals von Auftritt zu Auftritt. Jetzt will Thomas an die „schönen Zeiten“ von damals anknüpfen: Ende Oktober gibt er sein erstes Soloalbum heraus. Die Lieder auf seiner Debüt-CD handeln von Freundschaft, Liebe, Verlust und Aufbruch. Der Titel seiner CD, die Thomas so viel bedeutet: „I am still here“ – Ich bin noch da.

Text: Adrian Soller
Foto: Mauricio Bustamante

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