Tanzende Posaune

Rasante Show in den Fliegenden Bauten: Die Künstler von Brassballett zeigen hier im November ihren mitreißenden Mix aus Musik und Tanz. Gegründet hat die Band der ehemalige Hinz&Kunzt-Verkäufer Wassilij Goron.

(aus Hinz&Kunzt 225/November 2011)

Wassilij hebt ab. Die Posaune in der Hand tänzelt er über den Boden, eine geschmeidige Drehung hier, ein eleganter Sprung dort, alles genau im Takt. Ganz zufrieden ist er aber nicht. „Bass“, ruft Wassilij. „Wir brauchen mehr Bass, Christian.“ Christian nickt, dreht am Verstärker und weiter geht’s. „Hit The Road Jack“ dröhnt jetzt mit ordentlich Wumms durch den Probenraum, Wassilij grinst. Die Choreografie, die der 44-Jährige mit seiner Band „Brassballett“ einstudiert, hat’s in sich. Denn die elf Künstler sind gleichzeitig Tänzer und Livemusiker: Während sie auf ihren Instrumenten spielen, wirbeln sie durch den Saal, kombinieren dabei Jazz, Funk, Hip-Hop, Salsa und klassische Musik. „Da hält’s das Publikum nicht lange auf den Sitzen“, verspricht Wassilij, der sich auf den nächsten großen Auftritt vorbereitet: Am 22. November spielt Brassballett in den Fliegenden Bauten.

„Nicht schlecht für einen ehemaligen Hinz&Kunzt-Verkäufer, oder?“ Wassilij Goron lacht. Seit rund acht Jahren tourt er als Musiker durch Deutschland und Europa. Bis dahin war es ein langer Weg.

Am 2. Oktober 1992
steigt der gebürtige Ukrainer aus einem Flugzeug, das ihn von Moskau aus, wo er Militärkapellmeister studiert hatte, nach Hamburg brachte. Schon als Kind hatte er Posaune in einem Orchester gespielt, wollte immer Musiker werden. Er war seit Kurzem verheiratet und hatte eine kleine Tochter. Doch es waren politisch unruhige Zeiten, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wollte Wassilij weg aus seiner Heimat. Was genau passiert ist, darüber möchte er nicht sprechen. Nur so viel: „Ich habe weder in Russland noch in der Ukraine eine Zukunft für uns gesehen.“ Wassilij wollte „irgendwo im Westen“ Arbeit als Musiker finden und seine Familie nachholen. „Meine Frau hat mir versprochen: ‚Ich glaube an dich. Ich warte auf dich, und wenn es fünf Jahre dauert.‘ Das hat mir Kraft gegeben.“

Im Gepäck hat er
nur ein paar Klamotten, eine Blockflöte und seine Posaune. Wassilij spricht kein Wort deutsch und hat keine Ahnung, an wen er sich wenden soll. Erst mal schläft er im Flughafenterminal. Als das Sicherheitspersonal auf ihn aufmerksam wird, beginnt seine Odyssee durch die Stadt. „Mal habe ich in Planten un Blomen übernachtet, mal unter eine Brücke, mal in einem Treppenhaus.“ Schlaf findet er dabei kaum, schon nach wenigen Tagen ist er total erschöpft. Dann hört er im Bahnhof Altona plötzlich Vertrautes: Zwei Männer unterhalten sich auf Russisch. „Ich brauche Hilfe“, ruft er ihnen zu, „Ich muss irgendwo schlafen, bitte.“ Die Männer bringen Wassilij zu der Flüchtlingsunterkunft, in der sie selbst leben. Kaum hat Wassilij sich ins Bett gelegt, fallen ihm die Augen zu. „Ich habe 23 Stunden durchgeschlafen“, sagt er und schüttelt den Kopf. „23!“

Wassilij beantragt in Hamburg Asyl. Er bekommt eine befristete Aufenthalts-, doch keine Arbeitserlaubnis. Was tun? Also nimmt Wassilij seine Posaune und spielt auf der Straße. Er lockt viele Passanten mit seinem Können. Aber: „Auf diese Weise konnte ich nicht richtig üben, mich nicht verbessern.“ Wassilij will in Hamburg bleiben. Er holt seine Frau und seine Tochter in die Stadt und hält die Familie mit seiner Straßenmusik über Wasser. 1996 sieht Wassilij einen Hinz&Kunzt-Verkäufer. Er beginnt auch, das Straßenmagazin zu verkaufen. „Anfangs habe ich mich geschämt“, gesteht er. „Aber ich war diszipliniert: Jeden Morgen verkaufen, jeden Nachmittag Musik üben, jeden Abend in verschiedenen Bands spielen.“

Drei Jahre später
erhält die Familie ein dauerhaftes Bleiberecht und Wassilij damit eine Arbeitserlaubnis. Durchs Spielen auf der Straße hat er schon Kontakt zu anderen Musikern. Er nimmt unter anderem Lieder mit Nena auf, „ohne zu ahnen, wie berühmt sie ist. Das habe ich erst später erfahren.“ Er spielt in mehreren Orchestern und Bands und gibt Unterricht. 2003 gründet er seine erste Band „Men in Blech“: Eine mobile Bläsertruppe, von der Wassilij nicht nur perfekte Instrumenten-, sondern auch Körperbeherrschung verlangt. „Ich habe überlegt: Wenn die Bären im Moskauer Zirkus Schlittschuh laufen, dann können Musiker auch tanzen.“

„Brassballett“ ruft Wassilij 2011 ins Leben. Die Bandmitglieder sucht er sorgfältig aus, besucht Proben von Schul- und Jugendorchestern, spricht dann gezielt „diejenigen mit Potenzial“ an: „Die, die nicht steif vom Blatt abspielen, sondern bei denen Körper und Klang verschmelzen, die ihre Töne leben.“

Die Kombination aus Musik und Tanz kommt beim Publikum gut an. Wassilij hat mit seinen beiden Projekten bereits Auftritte in ganz Deutschland und vielen Ländern Europas gehabt.

Doch immer freut er sich
auf die Rückkehr nach Hamburg: „Wenn sich einer diese Stadt erobert hat“, findet er, „dann ich.“ Schließlich sei er hier schon fast überall aufgetreten, habe in zahlreichen Schulen, Hotels, Clubs, Konzerthallen gespielt – und sogar zur Eröffnung des neuen Flughafenterminals. „Genau dort, wo ich viele Jahre zuvor mittellos gestrandet war“, sagt Wassilij und strahlt. „Jetzt war ich wieder da. Als neuer Mensch.“

Welche Städte und Länder
er mit seiner Band als Nächstes erobern will, weiß er noch nicht. „Bloß nichts überstürzen“, findet er. „Mozart wollte ja Ehre, Ruhm und Geld machen“, erzählt er. „Ich bin da viel bescheidener. Ich träume nur von einem ganz bestimmten Straßennamen in Hamburg.“ Wassilij zeichnet die Buchstaben in der Luft nach. Brassballettgasse. „Klingt schön, oder?“

Text: Maren Albertsen
Foto: Mauricio Bustamante

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