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Senioren-WM im Kino: Herbstgold

1. März 2011 | Von | Kategorie: 2011: Hinz&Kunzt-Ausgaben 215–226, Archiv, Hinz&Kunzt 217/März 2011

Schneller, höher, älter: Mit 100 Jahren noch Diskuswerfen? Kein Problem für Alfred. Für die Senioren-Leicht­athletik-Weltmeisterschaft trainiert der Sportler eisern – trotz Gehwagen. Was er und seine hochbetagten Mitathleten noch leisten können, das zeigt der mitreißende Film „Herbstgold“.

(aus Hinz&Kunzt 217/März 2011)

Um fit zu bleiben, isst Jiri Soukup täglich Calcium, eine Zitrone, Hefe und Knoblauch. (Bild: Neue Visionen Filmverleih)

Um fit zu bleiben, isst Jiri Soukup täglich Calcium, eine Zitrone, Hefe und Knoblauch. (Bild: Neue Visionen Filmverleih)

Jiri Soukup schleppt sich schwer atmend die letzten Meter im Treppenhaus zu seiner Hochhauswohnung hoch. Der Hochspringer kommt von seinem regelmäßigen Lauftraining und verzieht das Gesicht vor Schmerz und Konzentration. Auf einem Treppenabsatz stürzt er sogar, rappelt sich aber schnell wieder auf, denn er muss in Form bleiben für die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Lahti (Finnland). Das ist gar nicht so leicht, denn Jiri Soukup ist 82 Jahre alt.
Der Tscheche ist einer von fünf Protagonisten, die Jan Tenhaven für seinen mehrfach prämierten Dokumentarfilm „Herbstgold“ beim Training und im Alltag begleitet hat. „Vor dem Dreh war ich skeptisch“, so der 41-jährige Regisseur. „Bei einer Alten-Weltmeisterschaft dachte ich eher an ein Kuriositäten-Kabinett.“ Aber nachdem er die Athleten kennengelernt hat, ist er begeistert von ihrer Lebensfreude. „Sie sind überhaupt nicht verzweifelt, obwohl es bergab geht.“
Auch Alfred Proksch nicht. Der 100-jährige Wiener ist Diskuswerfer. Er lebt allein in seiner Wohnung, umgeben von lauter Bildern, die er selbst gemalt hat. Am liebsten zeichnet er Akte. „Mein Verhältnis zu Frauen war immer sexuell. Bis vor Kurzem hatte ich sogar eine Freundin, mit der ich auch Sex hatte, aber sie ist weggezogen.“ Seine Hüfte schmerzt und macht ihm ein regelmäßiges Training unmöglich. Lahti scheint unerreichbar. Doch Alfred Proksch lässt sich operieren und reist schließlich mit einer neuer Hüfte und einem Geh-wagen zum Wettbewerb.
Diskuswerfen ist auch die Disziplin von Gabre Gabic. Die 94-Jährige hat schon 1936 an der Olympiade teilgenommen und den Diskus 37 Meter weit geworfen. Jetzt schafft sie immerhin noch ein Drittel dieser Distanz. Die lebhafte Italienerin arbeitet als Gymnastiklehrerin, legt viel Wert auf ihr Äußeres und liebt Cafébesuche.
Ilse Pleuger aus Kiel hat erst vor einigen Jahren nach dem Tod ihres Mannes wieder mit dem Kugelstoßen angefangen. „Anfangs bin ich einmal täglich zum Sportplatz gegangen und einmal täglich zum Grab. Dann habe ich gemerkt, dass mir der Sportplatz mehr bringt.“ Verwitwet ist auch Herbert Liedtke, 93-jähriger Sprinter aus Schweden. Er vermisst seine Frau sehr. Oft wacht er nachts auf und dann fällt sein Blick auf ihr leeres Bett. Der Sport ist für ihn Therapie. „Das Laufen in der Natur hilft. Dann denke ich nicht an sie.“
Die Sportler, besonders die drei Männer, kämpfen hart gegen das Alter und die nachlassenden Kräfte. Die Kamera ist immer dabei und ganz nah dran, aber nie zu nah. Man sieht welke Haut und Altersflecken, erlebt Arztbesuche, Einsamkeit und vor allem Ehrgeiz. „Man vergisst, dass sie alt sind“, meint Regisseur Jan Tenhaven. Er hat seine Athleten ins Herz geschlossen. „Ich habe fünf neue Großeltern gewonnen.“ Mit allen ist er noch in Kontakt und schreibt sich mit Ilse Pleuger aus Kiel sogar wöchentlich Postkarten.
Nicht nur der Regisseur liebt seine Protagonisten. Auch das Publikum und die Fachwelt sind begeistert. Der Film hat mehrere Dokumentarfilmpreise gewonnen, lief bei der diesjährigen Berlinale und ist für den Deutschen Filmpreis nominiert. Am meisten hat sich Tenhaven aber über die Auszeichnung beim Dokumentarfilmfestival in Amsterdam gefreut. Dort machte „Herbstgold“ den ersten Platz bei der Jugend-Jury der 15- bis 18-Jährigen.

Der Film endet bei der Senioren-Leichtathletik-WM in Lahti 2009. Ilse, Jiri, Herbert, Gabre und Alfred sind alle angereist. Die letzten Minuten des Films sind durch Zeitlupen und die Musik besonders spannend und berührend. Wenn Diskuswerfer Alfred mit kampfeslustigem Gesicht seinen Gehwagen zum Abwurfplatz schiebt, könnte man vor Rührung weinen. Und gleich danach möchte man anfangen zu trainieren, damit man selbst im Herbst seines Lebens auch ein Ziel hat, für das es sich zu kämpfen lohnt.

Text: Sybille Arendt

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