Raumschiff Rote Flora

Fremdkörper oder Herzstück des Schanzenviertels? Das Stadtteil- und Kulturzentrum feiert 20. Geburtstag – und sorgt sich um seine Zukunft

(aus Hinz&Kunzt 201/November 2009)

Sie ist die Heimat von Polit-Initiativen, Bands und Basisbewegten: Die Rote Flora lebt wie eh und je. Die Welt drumherum aber ändert sich, aus der Schanze wird ein Schicki-Micki-Viertel. Und sollte der Eigentümer den Verkauf des Millionen Euro schweren Grundstücks planen, könnte dem Projekt bald die Räumung drohen.Rote Flora, erster Stock. Im hell erleuchteten „Archiv der sozialen Bewegungen“ sitzt Christine an einem Computer und dreht sich eine Zigarette. Die 48-Jährige hilft hier seit einigen Jahren, Materialien zur Geschichte sozialer und politischer Bewegungen der vergangenen Jahrzehnte zu sortieren und zu archivieren. Tausende von Flugblättern, Zeitschriften, Broschüren und Plakaten befinden sich in den meterlangen Regalen, sortiert nach Themen wie Anti-Atom-Bewegung, Antifaschismus oder Stadtentwicklung. Das Archiv sammelt dieses Material, um den Protest von sozialen Kämpfen und Bewegungen über die Originaldokumente zugänglich zu machen. Aus den Debatten von damals soll für die Bewegungen von heute gelernt werden.

201-Flora
„Ohne den Platz in der Roten Flora wäre dieses Projekt undenkbar“, erzählt Christine. „Die Miete für entsprechend große Räume woanders könnten wir niemals bezahlen.“ Das 1989 gegründete Archiv zog erstmals 1993 in die Rote Flora, nachdem die Räume in der Thadenstraße wegen einer Sanierung gekündigt worden waren. Ein großer Brand, der 1995 den ersten Stock der Flora zerstörte, vernichtete auch einen Großteil der Sammlung, die in mühsamer Kleinarbeit wieder aufgebaut werden musste.
Nachdem die Rote Flora renoviert worden war, zog das Archiv 1998 wieder in das autonome Zentrum. Für Chris­tine ist das nur eins von vielen Beispielen dafür, dass die Flora politische Initiativen und Projekte ermöglicht, die sonst schon aus finanziellen Gründen unmöglich wären. „Das Haus wird von Sportgruppen, Bands, politischen Initiativen oder unserer Siebdruckwerkstatt genutzt“, zählt sie auf, „die Flora gibt solchen Projekten ohne Geld einen Platz, den es sonst im Viertel und in der Stadt einfach nicht gibt.“ Von daher wertet Christine es schon als politischen Erfolg, dass es die Rote Flora als besetztes und selbstverwaltetes Haus bereits 20 Jahre lang gibt. „Obwohl die verschiedenen Gruppen sich oft uneinig sind und sich oft zu wenig austauschen, setzt die Flora als Ganzes immer noch aktiv der Privatisierung des öffentlichen Raumes etwas entgegen.“
Christine kann sich auch noch gut an die Anfangszeiten kurz nach der Besetzung 1989 erinnern. Damals habe es eine große Szene aus linken Aktivisten und Anwohnern der Schanze gegeben, die sich in der Ablehnung der Umstrukturierung ihres Viertels einig gewesen seien. Sie wollten ihr Viertel behalten, wie es war, wollten in ihren billigen Wohnungen wohnen bleiben. „Das Viertel und das Haus hingen damals eng zusammen“, sagt Christine, „es gab sonntags einen Kaffeeklatsch für Anwohner und außerdem das Vollmondorchester, in dem Leute aus dem Viertel zusammen Musik gemacht haben.“
Mittlerweile hat das Schanzenviertel sich stark gewandelt, neue Leute mit mehr Geld sind hergezogen, viele Flora-Aktivisten mussten wegen der steigenden Mieten wegziehen. „Wir leben eben in einer sich wandelnden Gesellschaft“, sagt Christine, „und zum Teil hat die Flora sicher auch selbst zur Aufwertung des Viertels beigetragen, indem sie für den gewissen alternativen Anstrich sorgt.“ Es sei aber dennoch wichtig, dass es Räume wie die in der Flora gebe, die von ihren Nutzern selbst verwaltet würden, in denen es Raum für politische Diskussionen gebe und keinen ständigen Zwang, Geld zu erwirtschaften.
Von manchen wird die Rote Flora dagegen seit Jahren als Störfaktor und politische Heimat von „linken Chaoten“ gesehen. Der Bürgerschaftsabgeordnete Andy Grote (SPD) sagte etwa im April dieses Jahres, die Flora sei zu „einer Art Raumschiff“ ohne Kontakt zum Viertel geworden. Bürgermeister Ole von Beust (CDU) machte 2001 mit der Ankündigung Wahlkampf, die Rote Flora zu schließen.
Und dann gibt es da noch den Hamburger Investor Klausmartin Kretschmer, der das Haus vor acht Jahren kurz vor der Bürgerschaftswahl vom damaligen SPD-Senat sehr günstig gekauft hat. Der Kaufvertrag legt fest, dass das Haus ein Stadtteilzentrum bleiben muss und bis März 2011 nur mit Zustimmung des Senats verkauft werden darf. Auch Kretschmer kritisierte seit April dieses Jahres in mehreren Zeitungsinterviews, die Rote Flora sei zu einem „Fremdkörper“ im Stadtteil geworden, von dem keine politischen Impulse mehr ausgingen. Seitdem sind auch Gerüchte um eine mögliche Räumung zu hören. Denn allein der Wert des Grundstücks dürfte mittlerweile in die Millionen gehen. Einige Flora-Aktivisten gehen davon aus, dass schon nächs­tes Jahr eine Räumung drohen könnte, falls Kretschmer für Anfang 2011 einen Verkauf plant.
Wenn man sich in der Schanze umhört, dann hört man ebenfalls den Vorwurf, das Haus falle nur noch durch Krawalle und Partys auf, seine linken Benutzer seien selbstbezogen und dogmatisch. Viele beschweren sich auch darüber, dass das Haus so baufällig aussehe. Aber dass das Projekt Flora beendet werden soll, das hört man selbst von den modebewussten Leuten kaum, die das Viertel heute prägen und die zum Schulterblatt vor allem wegen der Boutiquen und Cafés kommen. „Die Flora gehört halt zum Viertel“, findet etwa die Apothekerin Monika, die im Schanzenviertel wohnt, „es gibt immer noch eine starke Verbundenheit zwischen dem Stadtteil und dem Haus.“
Diese Verbundenheit betont auch Hans-Martin, Flora-Aktivist der ersten Stunde. Der 49-Jährige lehnt in der hauseigenen Fahrrad- und Motorradwerkstatt an einer Werkbank. „Die Rote Flora ist ein Ort, wie er in dieser Gesellschaft nicht vorgesehen ist“, sagt er, „hier werden Entscheidungen im Konsens getroffen und dann gemeinsam umgesetzt, hier gibt es wenig Hierarchien und viel Platz für Diskussionen.“
Alle wichtigen Entscheidungen werden bis heute auf dem wöchentlichen Hausplenum nach dem Konsensprinzip getroffen. Es wird also erst entschieden, wenn sich alle einig sind. Damit will die Flora ihrem Anspruch genügen, Minderheiten nicht zu übergehen, ein anderes Miteinander praktisch umzusetzen. Für Hans-Martin ist die Flora daher auch vor allem ein linkes Zentrum, ein Ort für Veranstaltungen und Kultur ohne Kommerz. „Und um das Haus herum wohnt immer noch eine linke oder alternative Klientel, auf die wir einen gewissen Einfluss haben.“
Die Zukunft der Roten Flora ist ungewiss. Wenn Klausmartin Kretschmer verkaufen will, steht das Projekt wieder auf der Kippe. Im Plenum der Roten Flora hat sich bereits die Position durchgesetzt, man müsse sich wieder stärker im Viertel verankern. „Wir brauchen möglichst viele Bündnispartner“, sagt Hans-Martin, „dann könnte eine Räumung für die Stadt ganz schön anstrengend werden.“

Text: Hanning Voigts
Foto: Mauricio Bustamante

Die Rote Flora wurde 1888 als „Concerthaus Flora“ erbaut. Bis 1943 wurden Operetten gespielt, danach diente das Haus als Möbellager. Nach dem Krieg zog ein Kino ein, 1964 dann das Warenhaus „1000 Töpfe“. 1987 erklärte der Musical-Produzent Friedrich Kurz, das Gebäude für das Musical „Das Phantom der Oper“ umbauen zu wollen. Trotz Protesten von Anwohnern wurde der Großteil des Gebäudes 1988 abgerissen.
Nachdem die Baustelle mehrfach besetzt worden war, wurden die Musical-Pläne aufgegeben. Der neu gegründete Nutzer-Verein „Flora e.V.“ handelte mit der Stadt im August 1989 einen sechs­wöchigen Nutzungsvertrag aus und erklärte nach dessen Auslaufen das Haus am 1. November für besetzt. Als ein Brand 1995 den ersten Stock des Gebäudes zerstörte, bauten Aktivisten das Haus in Eigenarbeit wieder auf.
Vor dem Regierungswechsel 2001 verkaufte der SPD-Senat die Flora für 370.000 Mark an den Immobilienhändler Klausmartin Kretschmer. Der Kaufvertrag legt fest, dass am Status des Gebäudes bis 2011 nichts geändert werden darf, danach könnte Kretschmer die Flora auch ohne Zustimmung der Stadt verkaufen, der Zweck darf jedoch nicht ohne Zustimmung der Stadt umgewidmet werden. Momentan feiert die Rote Flora mit Konzerten, Veranstaltungen und Partys ihr 20-jähriges Bestehen.

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