Profis in der verkehrten Welt

Hinz & Kunzt hat bei den Proben zur Kinderoper „Der 35. Mai“ zugesehen

(aus Hinz&Kunzt 132/Februar 2004)

Noa ist unzufrieden: „In dem anderen Probenraum hat das alles viel besser geklappt. Hier muss man sich jetzt völlig neue Wege merken.“ Ein Problem, das Theaterleuten vertraut ist. Doch der Achtjährige, der jetzt ein unglückliches Gesicht macht, ist noch nicht so lange im Geschäft. Während sich Adam, Fabian, Liza, Frédéric und die meisten anderen Darsteller schon von „Cinderella“ kennen, ist „Der 35. Mai – oder Konrad reitet in die Südsee“ für den blonden Jungen die erste Opernproduktion.

Nicht, dass man es ihm anmerken würde. Konzentriert übt er mit den anderen zehn Kindern wieder und wieder die gleiche Szene: Erst laufen sie alle als Marathon-Gruppe vom rechten zum linken Rand der Probebühne auf Kampnagel. Dann drängeln sich alle auf ein paar Colakisten, um der Siegerehrung zuzuschauen. Und als Nächstes feuern die Kinder einen Jungen und ein Mädchen an, die um die Wette Eierlaufen, während die Bühne unter ihnen gedreht wird. Aber weil Konrads Reise bei Erich Kästner – auf dessen Roman diese Kinderoper beruht – eben in eine Fantasiewelt führt, ist hier alles anders. Beim Marathon gewinnt die Langsamste… Und Fabian balanciert anstelle des Eis eine Plastikattrappe, lässt sie jedes Mal fallen und rennt trotzdem als Sieger durchs Ziel. Diese offene Mogelei macht den Kindern sichtlich Spaß, ganz besonders natürlich Fabian, der bei jedem Eierlauf so genießerisch grinst, als würde er gerade eine doppelte Portion Pommes mit Mayo spendiert kriegen.

Gut gelaunt erzählt er in der kurzen Pause, dass er bei den Alsterspatzen singt. Aber dieses Mal gefalle ihm die Regisseurin besser, „weil die einem genauer sagt, was sie will.“ Erich Kästners Buch kannte er, wie die meisten anderen, bisher nicht. Aber inzwischen findet er die Geschichte „richtig gut, ganz besonders den Ritter Seidelbast, den faulen Präsidenten des Schlaraffenlandes“.

Seit September wird geübt – an vier Nachmittagen die Woche. Nach der Schule haben die Kinder gerade mal Zeit zum Mittagessen, Hausaufgaben werden abends erledigt. „Ich bin sowieso ziemlich schlecht in der Schule“, bekennt Adam freimütig. Der Elfjährige spielt die Hauptfigur Konrad – gemeinsam mit dem gleichaltrigen Alexander. Denn sämtliche Rollen des Stückes sind doppelt besetzt, damit die Kinder nicht Abend für Abend auf der Bühne stehen müssen.

Im Moment allerdings sind eher die Erwachsenen überfordert. Während Adam scheinbar mühelos seine glockenhelle Stimme erhebt, verpassen Matthias Flohr, der seinen Onkel spielt, und Sven Olaf Gerdes in der Rolle des Pferdes Negro Kaballo gerade zum zweiten Mal ihren Einsatz. Irgendwas stimmt nicht. Der junge Dirigent Cornelius Meister und Regisseurin Alexa Lüddecke sammeln sich mit ihren Hauptdarstellern ums Klavier. Die anderen müssen warten. Sie sitzen am Bühnenrand, tuscheln leise, kichern manchmal und machen ein bisschen Quatsch mit einem Requisiten-Pappschwert. Zustände, von denen Lehrer nur träumen könnten.

Musikalische Vorbildung war Voraussetzung, um überhaupt am Casting teilzunehmen. Mehr als 100 Kinder haben sich gemeldet, 40 wurden ausgewählt. Die meisten von ihnen singen bei den Alsterspatzen, andere im Kirchenchor, und Adams Mutter war sogar mal Opernsängerin. Doch „Der 35. Mai“ soll eben nicht nur den Kindern Spaß machen, für die klassische Musik so selbstverständlich ist wie Turnschuhe. Deshalb kooperiert die Staatsoper seit dem vergangenen Jahr mit der Schule Fährstraße in Wilhelmsburg – „Tusch“ (Theater und Schule) heißt das Projekt, damit Kinder und Jugendliche mehr vom Bühnengeschehen erfahren und die Theaterleute mehr von der wirklichen Welt. Und so kam es, dass die Kinder, die bisher noch nie im Theater, geschweige denn in der Oper waren, im Kunstunterricht Requisiten und Kostüme für Konrads Reise in die Südsee gebastelt haben. Der Bühnenbildner ist begeistert, und die jungen Künstler freuen sich auf die Premiere, zu der sie selbstverständlich eingeladen sind.

Bei der heutigen Probe muss man sich die farbenfrohen Dschungel-Vögel und Fantasie-Uniformen, die sie gebastelt haben, noch vorstellen. Trotzdem wird’s richtig spannend: In der „Burg zur großen Vergangenheit“ bringt Hannibal, gespielt von Fabian, seine Elefanten in Stellung, um die Alpen zu überqueren. Doch Frédéric als Wallenstein ist entschlossen, ihn mit seinen Soldaten daran zu hindern. Überzeugend und gerade deshalb komisch werfen sich die beiden Jungs in Feldherren-Pose – und anrührend versucht Adam als Konrad, das Schlimmste zu verhindern. Niemand scheint es zu stören, dass die Elefanten nur Bauklötze sind und die Soldaten ein Eimer voller Schrauben. „Das wird auch in der Aufführung so bleiben“, sagt Regisseurin Alexa Lüddecke, „denn heute haben viele Kinder Probleme, sich noch irgend-etwas vorzustellen, weil ihnen im Fernsehen und am Computer so viele perfekt inszenierte Welten vorgesetzt werden.“

Die studierte Opernsängerin war schon bei den vorigen Kinderoper-Projekten dabei, doch das waren einfache Geschichten, verglichen mit Kästners Roman, der voller satirischer Anspielungen auf Politik und Gesellschaft ist. „Die sind für jüngere Kinder natürlich zu kompliziert“, sagt die 30-Jährige, „aber genau deshalb funktioniert das Stück auf zwei Ebenen: Die Kids erleben Abenteuer aus Konrads Perspektive, die Erwachsenen teilen den gesellschaftskritischen Blick des Onkels.“

Im Augenblick beweisen Noa und zwei andere Kinder gerade ihre Fantasie im Umgang mit einem Seil. Adam, der noch mit dem Dirigenten übt, guckt neidisch rüber und ruft: „Ihr sollt mich auch fesseln!“ Dann ist es auch schon kurz vor sieben, das Orchester tritt zu seiner Probe an, die Kinder packen ihre Sachen und tauschen noch schnell ein paar Informationen über den neusten „Herr-der-Ringe“-Film aus. Sie jedenfalls wechseln mühelos zwischen den Welten – so wie Konrad auf seiner abenteuerlichen Reise in die Südsee.

Sigrun Matthiesen

Erich Kästners 1931 erschienener Roman „Der 35. Mai“ beginnt damit, dass Konrad einen Aufsatz über die Südsee schreiben soll. Zusammen mit seinem Onkel und dem Pferd Negro Kaballo begibt er sich auf eine phantastische Reise, die sie zuerst zu den Faulenzern ins Schlaraffenland führt, dann in die verkehrte Welt, wo die Kinder an der Macht sind. In der „Burg zur großen Vergangenheit“ treffen sie außer Hannibal und Wallenstein noch jede Menge andere Berühmtheiten, und in der automatischen Stadt Elektropolis erleben sie, wie es ist, wenn die Maschinen alle Arbeiten erledigen.
Das Libretto für die Hamburger Inszenierung schrieben Florian Zwipf und Ulrike Wendt, Komponistin ist Violeta Dinescu, Regie führt Alexa Lüddecke, und die musikalische Leitung hat Cornelius Meister.

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