Postkarten mit Zukunft

Das Unternehmen FairMail bringt Jugendlichen in Indien und Peru das Fotografieren bei und produziert Grußkarten mit den schönsten Motiven. Das Geld aus dem Verkauf nutzen die Kids für ihre Ausbildung – und ermöglichen sich so eine bessere Zukunft.

(aus Hinz&Kunzt 233/Juli 2012)

Dhiraj Kanaujiya arbeitet seit drei Jahren für FairMail. Als der 20-Jährige, den wir in Hamburg trafen, das erste Mal mit einer Kamera in seinen Slum im ­indischen Varanasi kam, waren viele ­Nachbarn misstrauisch: Was er denn mit dem Gerät wolle? „Heute sind einige Nachbarn neidisch“, sagt Dhiraj. „Aber die meisten sind stolz, dass ich, einer aus ihrer Mitte, es geschafft habe.“

Dhiraj sieht müde aus, aber er ist auch ganz schön aufgeregt. Vor einer halben Stunde ist der 20-Jährige in Finkenwerder angekommen. Er ist schon jetzt voller Eindrücke, genießt vor allem die angenehmen Temperaturen: „Bei mir zu Hause sind es zurzeit über 40 Grad“, erzählt er. Was ihn noch fasziniert: „Hier gibt es viel Grün. Und die Häuser sind so groß.“ Zu Hause, das ist ein Slum in Varanasi, einer Anderthalb-Millionen-Stadt im Nordosten Indiens. Normalerweise hätte Dhiraj seinen Fotoapparat jetzt griff­bereit, um seine Eindrücke festzuhalten, doch die Kamera bleibt heute in der Tasche. Denn als kreativer Fotograf, vor ­allem aber als Botschafter für FairMail, mit dessen Hilfe Dhirajs Reise nach Deutschland erst möglich wurde, steht er heute selbst im Mittelpunkt. Hier im Garten des Hamburger ­Vertriebssitzes von FairMail startet gerade eine Willkommens­party für ihn, der Grill steht schon bereit. Auch die holländische Gründerin Janneke Smeulders und ihr Partner Peter den Hond sind dabei.

FairMail produziert Grußkarten mit Fotos, die von ­Jugendlichen aus armen Verhältnissen in Indien und Peru ­gemacht werden. Die Aufnahmen sind meist bunt und fröhlich, voll intensiv leuchtender Farben. Sie zeigen Tiere, Menschen oder Landschaften und sind so vielfältig wie ihre Macher und die Herkunftsländer. Die Hälfte des Gewinns vom Karten­verkauf geht an die Teenager, allerdings nicht direkt, sondern über einen Fonds. „So wollen wir sicherstellen, dass die ­Jugendlichen das Geld tatsächlich für ihre Schulbildung oder medizinische Versorgung ausgeben“, erklärt Janneke. „Geld just for fun gibt es nicht.“

Dhiraj finanziert mit dem Geld unter anderem sein ­Studium und hilft seiner Familie beim Ausbau ihrer Hütte. Gemeinsam mit seinen Eltern, sechs Brüdern, zwei Schwestern, seiner Schwägerin und seiner Nichte teilt er sich drei Zimmer in einer winzigen Hütte – 13 Leute auf engstem Raum. Armut ist in seiner Nachbarschaft Alltag, kaum eine Familie hat Geld für die Schulbildung ihrer Kinder. Viele sammeln Kuhdung und verkaufen diesen als Heizmaterial, das reicht dann gerade so zum Überleben. Zum Leben reicht es nicht.

Als Dhiraj vor drei Jahren über einen Cousin zum ersten Mal von FairMail hörte, war er deshalb sofort Feuer und Flamme. Bis dahin hatte er in einem Internetcafé gearbeitet – jede Nacht, von acht Uhr abends bis acht Uhr morgens. ­Danach ging er direkt zur Schule, machte anschließend Hausaufgaben oder bereitete sich auf Prüfungen vor. Erst am späten Nachmittag blieben ein paar Stunden zum Schlafen. „Das war hart“, berichtet Dhiraj. Aber er war schon ­damals ehrgeizig: Er wollte unbedingt zur Schule und anschließend aufs College, denn er träumt seit Jahren davon, ein IAS-Beamter zu werden, ein hochrangiges Regierungs­mitglied. Er glaubt: „Dann kann ich absichern, dass für meine Stadt und die Bewohner in Zukunft gut gesorgt ist.“

Mit seinem Ehrgeiz überzeugte er beim Vorstellungs­gespräch auch FairMail-Gründerin Janneke. Die Holländerin betrieb ab 2003 einige Jahre gemeinsam mit ihrem Partner Peter den Hond ein Restaurant in Peru, in ihrer Freizeit arbeiteten beide ehrenamtlich in einem Heim für ehemalige ­Straßenkinder und in einem Gemeindezentrum nahe einer Müllhalde, auf der Jugendliche zum Geldverdienen Müll sammelten. Irgendwann fiel Janneke auf, dass andere Frei­willige oft Fotos von den Kindern machten, diese aber nie selbst an die Kameras ließen.

Beim nächsten Mal brachte sie dann ebenfalls einen Fotoapparat mit und zeigte den Jugendlichen den richtigen Umgang damit. Die Kinder waren begeistert – aber Janneke fühlte sich unwohl: „Nur als Hobby wäre das Fotografieren für die Jugendlichen frustrierend gewesen“, erzählt sie. „Sie hätten niemals eine eigene Kamera bezahlen können.“ Stattdessen wollte Janneke ihnen eine Möglichkeit geben, mit dem Fotografieren Geld zu verdienen und so den Kreislauf der Armut zu durchbrechen.

Janneke arbeitete zunächst mit fünf Jugendlichen aus Peru, stellte ihnen Kameras zur Verfügung, gab ihnen Fotografierunterricht und begann 2006 mit dem Vertrieb der ersten Grußkarten in holländischen Eine-Welt-Läden. Heute arbeiten insgesamt 35 Jugendliche in Peru und Indien für FairMail, Ende dieses Jahres kommt Marokko als drittes Produktionsland hinzu. Immer mehr Geschäfte in Europa verkaufen mittlerweile die Karten, auch übers Internet sind sie erhältlich. Auf der Rückseite der Karten stehen Name und Alter des Fotografen, jeder Interessierte sieht dadurch sofort, wen er mit seinem Kauf konkret unterstützt: Jeder Teenager bekommt die Hälfte des Gewinns vom Verkauf der Karten mit seinen eigenen Motiven, der jeweilige Verdienst kann also ganz unterschiedlich ausfallen.

„Für die Jugendlichen ist das natürlich noch mal ein extra ­Ansporn, sich richtig anzustrengen“, sagt Janneke. Qualität bei den Aufnahmen sei „absolut wichtig“. Andererseits gehe es ihr aber nicht darum, professionelle Fotografen auszu­bilden. „Die Fotografie ist letztlich nur Mittel zum Zweck“, erläutert sie. „Die Jungs und Mädchen sollen selbstbewusster werden, Verantwortung übernehmen und ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen.“ So wie Dhiraj: Gerade hat er seine Bachelorarbeit in ­Politikwissenschaften fertig geschrieben, ist seinem Traum, für die Regierung zu arbeiten, wieder ein Stückchen näher ­gerückt. „Dabei konnte ich nicht mal Englisch, bevor ich bei FairMail anfing“, erzählt er. Gute Fotos machen, das verdiente Geld in die Ausbildung stecken, fleißig lernen und dann ­alles wieder von vorn – so sieht Dhirajs Alltag heute aus. Viermal pro Woche für jeweils vier Stunden arbeitet er für FairMail. Auch später, als Politiker, will er weiter ­fotografieren. „Ich finde es toll, mithilfe der Bilder ­meine Gefühle auszudrücken“, sagt er. „Ich will vor allem glückliche Momente festhalten.“

Für manche Fotos bittet er seine Freunde oder Familie um Mithilfe, inszeniert dann sorgfältig Motive, die er sich vorher überlegt hat. Andere entstehen ganz ­spontan, mittlerweile hat er ein Auge für Szenen, die sich gut auf Postkarten machen: „Wenn mir etwas gefällt, drücke ich deshalb einfach ab.“ Besonders gern mag er das Foto, dass er von einem meditierenden Yogi am Ufer des ­Ganges gemacht hat. „Ich bin selbst sehr gläubig und bete häufig in den Tempeln in unserem Viertel“, sagt er. „Der Yogi ist ein Vorbild für mich, denn er strahlt Ruhe und Kraft aus, er ist eins mit sich und der Welt.“ Aber auch seine anderen Fotos, vor allem seine Landschaftsaufnahmen, findet Dhiraj gut gelungen. Auch wenn das natürlich nicht die Hauptsache sei. „Viel wichtiger ist, dass die Bilder auch den Käufern gefallen.“

Deshalb nutzt er die Reise auch für Werbung in ­eigener Sache: Einen Stapel seiner Post- und Klappkarten hat er stets bei sich, genügend für die nächsten Stationen in Deutschland und Europa. Insgesamt fünf Länder mit FairMail-Vertriebsstätten bereist er innerhalb von drei Wochen, danach geht es zurück nach Indien, zurück zu seiner Familie und seinen Freunden. „Egal, wie viel Geld ich einmal verdiene“, sagt er, „ich könnte mir nie ­vorstellen, aus Varanasi wegzuziehen.“ Aber vielleicht ist ja irgendwann eine zweite Auslandsreise drin. Wo es dann hingehen soll, weiß Dhiraj schon genau: „Nach London.“ Allerdings nicht wegen Big Ben oder der ­Tower Bridge. „Ich liebe Kricket“, erzählt Dhiraj. „Und die haben da ein tolles Stadion.“

Text: Maren Albertsen
Fotos: FairMail

FairMail wurde 2006 in Peru durch die holländische Soziologin Janneke Smeulders gegründet, das Hauptbüro ist heute in Amsterdam. FairMail erhält keine Zuschüsse, Spenden oder Hilfsgelder, sondern finanziert sich ausschließlich aus dem ­Erlös des Kartenverkaufs. Die in Deutschland erhältlichen Karten kosten zwischen 1,20 und 2,40 Euro. Viele der Karten, die wir hier abdrucken, kann man nur über den Web-Shop (www.fairmail.info/products/cards) bestellen – die Begleittexte sind dann in nieder­ländischer Sprache und haben ein anderes Format.

Weitere Infos zum Projekt finden Sie unter www.fairmail.info. 

In Hamburg können Sie in neun Geschäften FairMail-Karten kaufen: 
Weltladen Osterstraße, Osterstraße 171
Vitalien, Dorotheenstraße 178
Weltladen Ottensen, Bahrenfelder Straße 176
Fair Wind Eine Welt Laden, Königsstraße 54
In vier Engelhardt-Reformhäusern: Eppendorfer Baum 9 ­(Eppendorf), Wandsbek Quarree 8–10 (Wandsbek), Heegbarg 31 (Poppenbüttel), Blankeneser Bahnhofstr. 4 (Blankenese)
Schacht & Westerich Papierhaus GmbH, Große Bleichen 36

 

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