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Arbeitslos und arm

Ohne Job droht ein Leben in Armut

12. Januar 2012 | Von | Kategorie: Nachrichten

70 Prozent der Arbeitslosen sind armutsgefährdet. Die Quote liegt weit über EU-Durchschnitt und steigt seit der Einführung von Hartz IV stetig. Die Diakonie macht schlecht bezahlte Arbeit und unzureichende Sozialleistungen verantwortlich.

Prekär: Wer seine Stelle verliert, hat oft kaum Geld in der Tasche. Foto: Dr. Klaus-Uwe Gerhardt / pixelio.de

Wer hierzulande seinen Job verliert, den erwartet mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Leben in Armut – anders als in vielen anderen europäischen Ländern. 2009 wirtschafteten in Deutschland 70 Prozent der Erwerbslosen unter der Armutsschwelle. Das geht aus Erhebungen der europäischen Statistikbehörde Eurostat aus dem Jahr 2010 hervor. Gleichzeitig waren, so das Statistische Bundesamt, 15,6 Prozent der Gesamtbevölkerung von Armut bedroht.

Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens in seinem Land zur Verfügung hat. Laut Statistischen Bundesamt lag die Grenze in Deutschland 2010 bei monatlich 826 Euro. Der Anteil der von Armut bedrohten Erwerbslosen ist seit 2005 stetig gestiegen. Damals lag die Quote laut Eurostat bei gut 40 Prozent.

Arbeitslose in Deutschland sind nicht nur im Vergleich zur Gesamtbevölkerung viel häufiger von Armut bedroht, ihre Lage ist auch im europäischen Vergleich schlecht: In keinem anderen Land ist die Quote so hoch. Die zweithöchste Quote hat Litauen mit 55 Prozent. Der EU-Durchschnitt liegt bei 45,3 Prozent.

Seit den sogenannten Hartz-Reformen im selben Jahr erhalten viele deutsche Arbeitslose nur noch 52 Wochen lang vom früheren Einkommen abhängiges Arbeitslosengeld und sind dann direkt auf Arbeitslosengeld II („Hartz IV“) angewiesen. Laut Eric Seils, Forscher der Hans-Böckler-Stiftung, beträgt der Anteil der Arbeitslosen, die Arbeitslosengeld I erhalten, hierzulande nur noch rund 35 Prozent. In anderen Ländern seien das deutlich mehr. Dort erhalten Arbeitslose deutlich länger vergleichbare Leistungen: In Spanien zum Beispiel 103 Wochen, in Dänemark erhalten Arbeitslose vergleichbare Leistungen jedoch für 208 Wochen, in Finnland für 136, in Spanien für 103.

„Die kurze Anspruchsdauer auf Arbeitslosengeld I in Verbindung mit der Abschaffung der Arbeitslosenhilfe hat eine rekordverdächtig hohe Armut unter Arbeitslosen in Deutschland zur Folge“, sagt Seils. Klar mache das ein Vergleich mit dem Nachbarland Österreich, wo diese Quote mit 41 Prozent viel niedriger ist: „Dort ist die Bezugsdauer von Arbeitslosengeld mit 39 Wochen noch kürzer, es gibt aber anschließend die sogenannte Notstandshilfe, vergleichbar mit der damaligen deutschen Arbeitslosenhilfe.” Die Arbeitslosenhilfe wurde bis 2005 in Deutschland nach dem Arbeitslosengeld gezahlt und war wie dieses einkommensabhängig.

Verschärft würde die Lage in Deutschland durch „eine relativ hohe Arbeitslosenquote, was bedeutet, dass es auch viele Langzeitarbeitslose gibt.” Besonders gefährdet sind laut Seils Geringqualifizierte: Sie schaffen es kaum, mit ihren geringen Löhnen über die Runden zu kommen, mit den noch niedrigeren Sozialleistungen erst recht nicht.

Der Bundesverband des Diakonischen Werkes führt das schlechte Abschneiden Deutschlands auf „schlecht bezahlte Stellen, prekäre Beschäftigung und andauernde Befristungen“ zurück. Dass mehr als zwei Drittel der Erwerbslosen in Deutschland unterhalb der Armutsrisikogrenze leben sei „nicht hinnehmbar“, sagt Diakonie-Präsident Johannes Stockmeier. Immer mehr Menschen seien dem Drehtüreffekt aus schlechter Arbeit und unzureichenden Sozialleistungen ausgesetzt: „So verfestigt sich Armut und Auswege werden verbaut.“ Es sei „eine Sozialpolitik nötig, die gute und zum Leben ausreichende Arbeit, hinreichende Hilfen für Erwerbslose und bedarfsgerechte Hartz-IV-Regelsätze zum Maßstab hat“.

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