Nolde – ein Fest der Farben

Seit 50 Jahren zeigt das Ernst Barlach Haus im Jenischpark Kunst des 19. bis 21. Jahrhunderts. Gestiftet wurde das Museum von Unternehmer Hermann F. Reemtsma. Benannt ist es nach dem berühmten Künstler, dessen Werke die Nazis als „entartet“ bezeichneten. So ging es auch dem Maler Emil Nolde. Zum Jubiläum zeigt das Museum dessen frühe, farbenfrohe Werke.

(aus Hinz&Kunzt 228/Februar 2012)

Eins der ersten unter den frühen Nolde-Werken: „Exotische Figuren“ aus dem Jahr 1911. Farbintensive Bilder und eigenwillige Figurenkompositionen sind typisch für diese Schaffensphase.

Nur wenige Schritte von dem weißen klassizistischen Jenisch Haus entfernt steht ein schmuckloser, rechteckiger Bau. Hinter der schlichten Fassade wird seit 50 Jahren moderne Kunst gezeigt. Interessant ist vor allem die Geschichte des Hauses, das aus Liebe des Unternehmers Hermann F. Reemtsma zur Kunst Ernst Barlachs entstand.

Hermann Fürchtegott Reemtsma (1892–1961) traf 1934 Ernst Barlach (1870–1938) in dessen Atelier in Güstrow. Der in Wedel geborene Bildhauer arbeitete am liebsten mit Holz. Seine Figuren und das persönliche Treffen bewegten Reemtsma. „Nach meiner Rückkehr von dieser ersten Begegnung (…) und der erst angehenden Berührung mit seiner Kunst, empfand ich einen Zwang, den Künstler zu bitten, seine seit langem geplante Arbeit an dem Fries ‚Die Lauschenden‘ – eine Reihe von neun Gestalten aus Eichenholz – zu vollenden.“ Das ist das Bekenntnis zu einem Künstler, der von den Nationalsozialisten verfemt wurde. Auch wenn das Unternehmen Reemtsma von der Zusammenarbeit mit den Nazis bisweilen profitierte.

Auch Barlachs Verhältnis zu den Nazis war zwiespältig. Er hatte sich mit der Kulturpolitik im Dritten Reich zunächst arrangiert. Erste Konflikte gab es 1934 um das „Magdeburger Totenmal“, einer Skulptur Barlachs zu Ehren der Opfer des Ersten Weltkriegs, die von den Machthabern als zu pazifistisch und unheroisch zurückgewiesen wurde. Später sollte Barlach im Auftrag Adolf Hitlers Figuren für die Reichskanzlei ausführen. Dazu kam es nicht. Mehr als 400 von Barlachs Werken wurden als „entartete Kunst“ eingestuft. Ab 1937 hatte er von der „Reichskammer der Bildenden Künste“ Ausstellungsverbot.

Als Reemtsma Barlach beauftragte, den „Fries der Lauschenden“ fertigzustellen, war diesem das hochwillkommen: Er hatte schon länger daran gearbeitet, doch seinen Auftraggebern war das Geld ausgegangen – und er steckte selbst wirtschaftlich in Schwierigkeiten. 1935 war das Ensemble komplett und wurde im Privathaus des Unternehmers aufgestellt.

1938 stirbt Barlach, aber Reemtsma engagiert sich weiter für dessen Kunst und stellt seine Werke nach 1945 übergangsweise in einem hergerichteten Bauernhof in der Lüneburger Heide aus. Zehn Jahre später überlegt Reemtsma erstmals, die Sammlung in einem eigenen Haus der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 1960 gründet er eigens dafür die Hermann-F.-Reemstma-Stiftung und das Ernst Barlach Haus. Die Stadt Hamburg schenkt Reemtsma dafür das Grundstück in traumhafter Lage neben dem Jenisch Haus.

Den Auftrag für den Bau erhält Werner Kallmorgen für seinen formal sehr strengen und ungewöhnlichen Entwurf. In seinem Gutachten schreibt der Hamburger Architekt: „Dieser Platz innerhalb der romantischen Landschaft des englischen Parks … verlangt den Kubus. Das Jenisch Haus selbst ist ein Musterbeispiel für die starke Spannung zwischen kubischem Baukörper und romantischer Landschaft, noch verstärkt durch den Farbkontrast weiß gegen grün. Das Barlach Haus sollte sinngemäß dies im Jenisch Haus angeschlagene Spannungsmotiv zwischen Haus und Land aufnehmen und variieren.“
Auch jedes Detail im Innenraum hat der Architekt sorgfältig durchdacht. Im Gegensatz zu anderen Museen sind die Räume dunkel gehalten, damit die Silhouetten der Skulpturen besser zur Geltung kommen. Lediglich für den „Fries der Lauschenden“ plant Kallmorgen auf Wunsch des Bauherrn Lichtschlitze und eine „gute, natürliche Beleuchtung“ ein. Im November 1962 wird das Ernst Barlach Haus eröffnet. „Das Haus ist von heute, der modernste Museumsbau in Deutschland“, schrieb die „Zeit“. Hermann F. Reemtsma erlebte das alles nicht mehr, er starb kurz vor der Grundsteinlegung 1961.

Seine Stiftung führt seine Arbeit bis heute fort. Dutzende von Ausstellungen, aber auch Konzerte und Theateraufführungen haben seit 1962 im Barlach Haus stattgefunden. Darunter waren große Namen wie Henry Moore, Picasso oder Georg Baselitz vertreten, aber gerade in den letzten Jahren auch zeitgenössische Künstler wie 2008 die Hamburger Bildhauerin Mariella Mosler, die 500 Kilogramm Liebesperlen zu Skulpturen verarbeitete, oder Georg Winter, der die Besucher mit Satellitentrümmern im Innenhof des Museums überraschte.

Zurzeit leuchten von den Wänden die farbenfrohen Bilder des Barlach-Zeitgenossen Emil Nolde. Auch Noldes Kunst wurde von den Nazis als „entartet“ eingestuft. Dabei hatte der Künstler anfangs durchaus Sympathien für das Dritte Reich, auch antisemitische Äußerungen von ihm sind dokumentiert.
Die aktuelle Ausstellung „Emil Nolde. Puppen, Masken und Idole“ zeigt frühe Werke (bis 1929) und eine eher unbekannte Seite des norddeutschen Künstlers. Der für seine Blumen- und Landschaftsbilder berühmte Expressionist (1867–1956) war nämlich auch ein begeisterter Sammler. Chinesische Bronzetiere, russische Püppchen, friesisches Steinzeug und afrikanische Masken: In seinem Haus in Nordfriesland scharte Emil Nolde Skurrilitäten aus der ganzen Welt um sich. Aus diesen Schätzen entstanden Figurenstillleben, von denen das Barlach-Haus jetzt 30 zeigt, außerdem mehr als 100 Zeichnungen, Textilien und Masken.

Nach Nolde wird der britische Bildhauer Tony Cragg erstmals seine organisch wirkenden Skulpturen in Hamburg vorstellen. Einen besseren Ort dafür als den schmucklosen Kubus im Jenischpark kann es kaum geben.

Text: Sybille Arendt

Ernst Barlach Haus, Jenischpark, Baron-Voght-Straße. Nolde-Ausstellung bis 28.5., Di–So, 11–18 Uhr, Fr+Sa, 11–21 Uhr, 6/4 Euro,  bis 12 Jahre frei. Das gesamte Programm findet sich unter www.barlach-haus.de

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