Neustart: Ali Turans teurer Name

Das wahre Märchen vom großen Konzern, der einen kleinen Mann um seinen Nachnamen bitten musste

(aus Hinz&Kunzt 122/April 2003)

„Bezahlen Sie einfach mit Ihrem guten Namen!“ Dieser Werbeslogan hat für Ali Turan aus Rothenburgsort seit ein paar Wochen einen neuen Klang. Genau genommen seit der Weltkonzern Volkswagen seine neue Familienkutsche vorgestellt hat und dafür ihm, dem 26-jährigen Autoteilehändler, eine sechsstellige Summe bezahlen muss. Denn das Auto heißt fast so wie Ali – und der hatte seinen Familiennamen in allen Varianten schützen lassen, so wie das sonst die Werbe- und Marketingstrategen der großen Konzerne tun.

Dabei ist der 26-jährige Ali Turan alles andere als ein „Global Player“, sondern ziemlich „local“. Denn seine Firma mit kleinem Verkaufsraum, vollgeparktem Hof und Werkstatt ist ein Ort, wo man mit einem Auto samt seiner Beulen und Macken gut aufgehoben ist. Im Regal liegen Scheinwerfer, Batterien und andere Ersatzteile. Der Chef, eher klein und kräftig, im dunklen Anorak, umrundet den Verkaufstresen, begrüßt einen Kunden und geht mit ihm auf den Hof. Sekunden später beugt er sich sich fachmännisch über eine geöffnete Motorhaube. Hinten in der kleinen Halle steht ein ausgebauter Motorblock neben einem aufgebockten Golf, an einem Mercedes beulen zwei junge Männer in blauen Overalls gerade die Tür aus, daneben lernt ein Azubi, ein Rad zu wechseln. Mit der chromglänzenden Werbewelt, in der Autos wie fliegende Teppiche über kurvige Panoramastraßen gelenkt werden, hat das hier nichts zu tun.

1998 übernahm Ali die Werkstatt von seinem Vater – da hatte er seine Einzelhandelskaufmann-Lehre gerade beendet und liebäugelte mit einem Betriebswirtschaftsstudium. Die erste Zeit als Chef war alles andere als leicht: „Ich hatte Ärger mit dem Finanzamt, die wollten eine riesige Steuernachzahlung von mir – mehr als ich bis dahin je verdient hatte.“ Schließlich pfändeten sie alle Konten, „und dann kamen noch Gerüchte auf, die Werkstatt Turan würde schlecht arbeiten.“ Er ging den Gerüchten nach und stellte fest, „dass es nicht um uns ging, sondern um eine andere Werkstatt, die Touran heißt.“

Kein Wunder eigentlich, denn in der Türkei, aus der Alis Eltern stammen, ist der Name ungefähr so verbreitet wie Mayer und Meyer. Ali beschloss, seinen Familiennamen schützen zu lassen. Den Tipp hatte ihm ein Schulfreund gegeben. Als dann im März 2002 ein Fax von VW kam, hielt er das für einen Scherz dieses Freundes. „Ich habs einfach weggeschmissen.“ Doch ein paar Tage später hatte er einen Brief aus Wolfsburg in den Händen: Wir freuen uns, Ihnen mitzuteilen, dass wir planen, unseren neuen Van „Touran“ zu nennen. Als Gegenleistung für die Rechte an Ihrem Namen bieten wie Ihnen ein Auto an. Etwas in der Art schrieben sie ihm. „Ich habe abgelehnt, schließlich stehen hier genug Autos auf dem Hof.“

Ali Turan grinst, und man ahnt, dass er kein einfacher Verhandlungspartner ist. VW wurde das erst langsam klar. Der Mann mit dem potenziellen Markennamen fuhr nämlich einfach in den Urlaub, nachdem er Angebote von 3000 bis 30.000 Euro kurzerhand ausgeschlagen hatte. „Mein Name ist mir einfach mehr wert“, versichert Ali Turan. Dabei guckt er nicht nur treuherzig, sondern meint das wirklich ernst. „Mir ist nicht egal, wo überall Turan drauf steht, bei einem Staubsauger hätte ich das für kein Geld der Welt gemacht!“

Im Urlaub bekam er plötzlich Anrufe von VW-Mitarbeitern, die Türkisch sprachen – was überflüssig war, denn der Mann mit dem türkischen Allerweltsnamen spricht fließend Hamburgisch. Experten könnten vielleicht sogar heraushören, dass er in Rothenburgsort geboren und aufgewachsen ist. Irgendwann im Laufe des Sommers ist es wohl auch in Wolfsburg klar gewesen, dass man sich entweder nach einem anderen Namen umsehen sollte oder endlich ein handfesteres Angebot auf den Tisch legen muss. Man kann darüber nur mutmaßen – denn VW spricht nicht darüber. Jedenfalls hat Ali Turan im vergangenen August einen Vertrag unterschrieben, in dem er eine sechsstellige Summe für seinen Namen bekommt. Wie hoch sie genau ist, darf er nicht sagen.

Ist er jetzt ein reicher Mann, der seine Werkstatt demnächst zumacht und in die Sonne fliegt? Ungläubig schaut er einen an, dann beschreiben seine kräftigen Hände einen großen, unbestimmten Kreis, der von den Azubis bis zu den Ersatzbatterien reicht: „Ohne Arbeit? Das ist nichts für mich, ich kann überhaupt nicht still sitzen.“ Nein, auch den alten Traum vom Studium wolle er nicht unbedingt verwirklichen. „Gerade weil das Geld wie ein Geschenk gekommen ist, will ich etwas Solides damit machen.“

Erst mal hat er seine Schulden bezahlt und „einen riesigen Fernseher gekauft“. Bei diesem Satz grinst er wie ein Kind, das einen Bonbonladen plündern durfte. Aber gleich sieht er wieder aus wie ein erwachsener Mann, spricht davon, dass er sich Immobilienangebote unterbreiten lasse, um vielleicht doch wegzuziehen aus der Eiffestraße, „irgendwohin ins Grüne“. Weil das besser sei für seinen Sohn.

Während er erzählt, kommen immer wieder Leute rein, Kunden und Angestellte, er grüßt, lacht, stellt Fragen und gibt Antworten auf Türkisch und Deutsch. Offensichtlich ist er auch für seine Leute kein anderer geworden. Muss er jetzt Schnorrer und Schmeichler fürchten? Wieder ein verständnisloser Blick und eine knappe Antwort: „Mit solchen Leuten bin ich nicht befreundet!“ Doch ja, natürlich kämen jetzt manchmal Bittbriefe oder dubiose Geldanlage-Angebote. Aber Ali Turan bleibt gelassen: „Ich werde erst spenden, wenn ich etwas gefunden habe, bei dem ich sicher bin, dass es solide ist und das Geld was bewirkt.“ Ansonsten vielleicht etwas mehr Urlaub als bisher. „Aber nicht zu lange, sonst suche ich mir dort eine Werkstatt und arbeite da ein bisschen mit“, lacht er. Sein Unternehmen ausbauen? „Vielleicht ein bisschen, aber nicht zu groß, das macht nur Probleme.“

Offensichtlich sind Ali Turans Träume längst nicht so groß und teuer, wie das, was sich Marketingstrategen bei VW für ihre Werbespots ausdenken. Deshalb konnte der Autoteilehändler aus Rothenburgsort auch ganz gelassen mit dem Weltkonzern aus Wolfsburg verhandeln.

Sigrun Matthiesen

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