Momentaufnahme

„So gut wie jetzt war es lange nicht mehr.“

Jörg Petersen, 38, verkauft vor Aldi in Hittfeld.

(aus Hinz&Kunzt 250/Dezember 2013)

Endlich zu Hause: Seine Kunden in Hittfeld geben Jörg ein Gefühl von Heimat, das er vorher nie hatte.
Endlich zu Hause: Seine Kunden in Hittfeld geben Jörg ein Gefühl von Heimat, das er vorher nie hatte.

Mehr als zwei Kilometer zieht sich die Landstraße vom Bahnhof Hittfeld bis zum Aldi-Markt am Göhlenbach. Bis vor zwei Monaten war das der tägliche Fußweg für Hinz&Künztler Jörg zu seinem Verkaufsplatz. „Die Leute haben irgendwann angefangen, mir aus dem Auto zuzuwinken oder freundlich zu hupen“, sagt der 43-Jährige.

Inzwischen muss Jörg nur noch selten die Hittfelder Landstraße entlang­spazieren. „Die Kunden haben mich immer gefragt: ‚Wann ziehst du hierher?‘“, erzählt Jörg. Manche seien sogar mit ihm zu Wohnungsbesichtigungen gegangen. Ohne Erfolg. Anfang September hat es dann doch noch geklappt. „Ich habe eine Wohnung im Haus einer Kundin bekommen.“ Jetzt muss er nur noch nach Hamburg rein, um weitere Hinz&Kunzt-Ausgaben zu holen.

Wenn Jörg von seiner neuen Wohnung und all dem Glück erzählt, das ihm derzeit widerfährt, strahlt er über das ganze Gesicht: „Es begann alles mit dem Albert-Hammond-Konzert in der Fa­brik.“ Der Musikliebhaber und passionierte Autogrammjäger hatte Freikarten für den Auftritt im Mai dieses Jahres geschenkt bekommen. „Es war toll, ich saß in der zweiten Reihe“, sagt Jörg. „Am Ende haben wir alle vor der Bühne getanzt.“ Was der Hinz&Künztler nicht ahnen konnte: Am nächsten Tag flimmerte seine Tanzeinlage im Bericht des Hamburg Journals auch über die Bildschirme seiner Kundschaft in Hittfeld. „Die kannten mich bis dahin nur als Verkäufer“, so Jörg.

Das Interesse an ihm nahm sprunghaft zu. Auch die Hilfsbereitschaft: „Nach dem Einzug hat es keine Woche gedauert, da hab ich alles gehabt“, sagt Jörg. Fast sein gesamter Hausstand stammt von seiner Kundschaft. Sogar bei seinem Umzug erhielt er Unterstützung von einem Kunden. Rückblickend sagt Jörg: „Ich habe, bevor ich nach Hittfeld kam, nie irgendwas richtig auf die Reihe bekommen.“ Zu Hause in Bredstedt bei Husum hätte es nur Ärger mit seinem Vater gegeben. Seine Ausbildung brach er ab. Stattdessen ging er nach Berlin, jobbte als Propagandist für eine Schallplattenfirma und als Barkeeper. Mitte der 1990er-Jahre kam er nach Hamburg, fand hier Arbeit bei der Post. „Aber ich hab einen auf groß gemacht.“ Er häufte Schulden an, verlor seine Arbeit und daraufhin auch seine Wohnung. „Ich habe dann etwa drei Jahre richtig Platte gemacht.“

Die Zeit ist vorbei. Seit drei Jahren ist er weg von der Straße. Damals begann er Hinz&Kunzt zu verkaufen. In Barmbek fand er ein Zimmer zur Untermiete. Mal fiel die Heizung aus. Dann wiederum hatte er keinen Strom. Trotzdem: Diese Behausung war ein erster Schritt nach vorne.

Seine aktuelle Glückssträhne ist für ihn ein ganz neues Gefühl. „So gut wie jetzt war es lange nicht mehr“, sagt Jörg. Ob er nicht Angst hat, dass alles wieder zusammenbricht? Jörg denkt kurz nach, dann schüttelt er den Kopf. „In Hittfeld ist mein Leben eigentlich gläsern.“ Täglich stehe er vor seinem Supermarkt. „Wenn ich mir hier etwas zuschulden kommen lasse, hätte das Konsequenzen.“ Das Risiko will er nicht eingehen. „Ich bin noch nie irgendwo richtig zu Hause gewesen“, sagt Jörg. Jetzt ist er endlich angekommen. Er sagt: „Ich bin jetzt ein Hittfelder.“

Hinz&Kunzt: Hast du Pläne für die Zukunft?
Jörg: In meiner neuen Wohnung habe ich mich endlich anmelden können. Ich bin wieder krankenversichert und würde mir nun gerne die Zähne richten lassen.

Text: Jonas Füllner
Foto: Mauricio Bustamante

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