„Mit ein wenig Fantasie ist alles möglich“

Die 19-jährige Susan Seddiq Zai will Schriftstellerin werden. Damit das klappt, besucht sie derzeit die Erzählwerkstatt für Jugendliche auf der Schute im Wilhelmsburger Veringkanal.  In ihrem ersten Roman geht es um Glück, Unglück und um Wilhelmsburg.

Schreibt an ihrem ersten Buch: Susan Seddiq Zai (19) aus Wilhelsmburg
Schreibt an ihrem ersten Buch: Susan Seddiq Zai (19) aus Wilhelmsburg

(aus Hinz&Kunzt 221/Juli 2011)

Schon komisch: Immer wenn sie sich sicher ist, dass ihr das Kapitel für ihr erstes Buch so richtig super gut gelungen ist, sagt ihre Schreibtrainerin: „Na ja, da müssen wir aber noch dran arbeiten.“ Und wenn sie an sich zweifelt, wenn sie die getippten Seiten am liebsten zerreißen will, lobt sie ihre Trainerin in den höchsten Tönen.

„Tja“, sagt Susan Seddiq Zai, „ich muss wohl noch lernen, mich richtig einzuschätzen.“ Und so freut  sich die 19-Jährige auf die Erzählwerkstatt für Jugendliche, auf der orangefarbenen Schute, die fest vertäut im Veringkanal in Wilhelmsburg liegt.

Zweimal hat sie schon an der Erzählwerkstatt teilgenommen – und beim letzten Mal den ersten Preis gemacht: eben eine Begleitung durch eine Schreibtrainerin, der Schriftstellerin Katrin Mc Clean, die mit Bücherschreiben ganz normal ihr Geld verdient. Per E-Mail schicken sie sich die Seiten hin und her, treffen sich zwischendurch auch persönlich. „Die Arbeit mit Katrin macht nicht nur viel Spaß“, sagt sie, „sie zwingt mich auch regelmäßig an den Schreibtisch – statt nur von tollen Formulierungen zu träumen.“

Mag sie verraten, wovon ihr erster Roman handelt? Nur so viel: „Es geht um Glück, es geht um Unglück und es geht um Wilhelmsburg.“ Denn Wilhelmsburg ist ihre Heimat. „Ich hab ja eigentlich einen Migrationshintergrund“, sagt sie und rollt ein wenig theatralisch mit den Augen. Aber mal im Ernst: Ihre Eltern kommen zwar ursprünglich aus Afghanistan, aber sie ist in Wilhelmsburg geboren, mitten im Reiherstiegviertel aufgewachsen, dort zur Schule gegangen und sie kennt schlicht jeden Winkel des Viertels.

Was ihr Sorge macht: dass ihr Stadtteil gerade auf den Kopf gestellt wird, dass im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) überall gebaut wird. Klar gebe es Häuser, die dringend saniert werden müssten. Aber ob sich die Bewohner dann die Mieten noch leisten können – Menschen wie ihre Eltern, die seit Jahren einen Pizzadienst betreiben? Sie ist da skeptisch.

Noch mal zurück zu ihrem Buch, denn ihr Held ist ein Mann, 70 Jahre alt. Woher weiß denn die 19-Jährige, wie man so mit 70 tickt? „Mit ein wenig Fantasie ist alles möglich“, sagt sie ernst: „Ich stelle es mir eben vor, das geht schon.“ Überhaupt ist sie beim Schreiben schon immer gerne in die Gestalt von Männern geschlüpft. „Mich interessiert nicht so sehr, was ich kenne, denn das kenne ich ja schon“, sagt sie.

Schon früh hat sie Geschichten aufgeschrieben. „Ich war ein fantasievolles Kind“, sagt sie selbstbewusst. „Ich hab meiner jüngeren Schwester zum Einschlafen nicht aus Büchern vorgelesen, sondern mir lieber Geschichten ausgedacht.“ Na ja – und irgendwann hätten ihre Eltern das mitgekriegt und gemeint, sie solle die doch mal aufschreiben. „Ganz wichtig waren aber auch meine Lehrer – schon in der Grundschule haben die zu mir gesagt, ich hätte echt Talent.“ Und sie schaut über den Kanal und sagt nachdenklich: „Ich bin wirklich gefördert worden.“

Hörprobe
„Das Casting“ von Susan Seddiq Zai

Text: Frank Keil
Foto: Cornelius M. Braun

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