Lindhorst sucht den Super-Hahn

Zum 33. Mal treffen sich in Lindhorst bei Hittfeld die Geflügelzüchter zu einem skurrilen Brauch: dem Wettkrähen der Hähne

(aus Hinz&Kunzt 172/Juni 2007)

Am Bierwagen knutscht das erste Pärchen. Mädchen aus dem Dorf sitzen auf Bänken und kichern. Junge Männer klopfen Sprüche, alte Männer klopfen Skat. Kraut wird auf Brötchenhälften geschaufelt, Bratwürste tunken in Senfkleckse, Nackensteaks brutzeln auf dem Grill. Der ganze Festplatz in Lindhorst duftet. Brathähnchen gibt es nicht – wegen der Pietät.

In guten Jahren zieht das Wettkrähen 2000 Menschen nach Lindhorst – und es ist ein gutes Jahr, die Sonne scheint, kein Regentropfen.

Der Titelverteidiger – ein silberner Zwergwyandotte-Prachthahn mit strengem Blick – kommt in einer Transportbox, getragen von seinem Züchter Reiner Dettmann. Einen Namen hat der Hahn nicht. „Man muss sich ja manchmal trennen von so einem Tier, ein Name würde das noch schwerer machen“, erklärt Dettmann. Der 68-Jährige hat noch zwei andere Gockel für den Wettbewerb dabei. Und einen Reservehahn.

„Meine Frau findet das ja nicht so toll mit den Hühnern“, erklärt er. Weil sie in den Rabatten scharren. Wenn er heute ankäme mit der Idee, im Garten den Stall für 28 Hühner und vier Hähne zu bauen – wahrscheinlich würde nichts draus werden. „Damals, vor 20 Jahren, wurde noch mehr gemacht, was ich gesagt habe, das ist heute anders“, sagt er. Grummelt etwas von „Emanzipation“. Lacht aber dabei. Was soll’s, das Machtgefüge in einer Beziehung unterliegt eben wie alles im Leben der Zeit.

Vor 20 Jahren, da war er noch beim Kieswerk in Hittfeld beschäftigt, in leitender Position. Er war mit seiner Frau gerade nach Neugraben gezogen, an den Stadtrand, wo der Wald anfängt, hatte sein eigenes Haus gebaut, mit dem großen Garten. Zufällig kam er an einer Ausstellung des Geflügelzuchtvereins Hamburg Süd vorbei. Nur ein paar Hühner in Käfigen, aber mit Züchtern, die stolz und bereitwillig erklärten. Reiner Dettmann verliebte sich: „Ich war gleich eingenommen von der Schönheit der Tiere.“ So fing es an.

Schön ist das Züchterleben, wenn die Nachbarskinder kommen, Küken bewundern. „Oder wenn ich die Hühner rauslasse, mit ihren unterschiedlichen Farben, und die rennen über meinen grünen Rasen.“ Nur wenn der Habicht kommt oder der Fuchs, dann ist es nicht schön.

Reiner Dettmann setzt den Titelverteidiger in den Käfig Nummer 27 – die Startnummer hat er bekommen, als er das Startgeld von 2,50 Euro gezahlt hatte. Die lange Reihe Käfige erstreckt sich quer über den Festplatz. Jeder Käfig hat eine Nummer, manche auch Schilder mit dem Namen des Insassen. Je nach Humor des Besitzers „Sir Henry von Uchte“, „Wotan da Silver“ oder „Killerplautze“. Alles ist zu sehen, was der Natur in den vergangenen Jahrhunderten zum Thema Federn, Schnabel und Kamm eingefallen ist. Groß und klein, fett und sehnig, farbenfroh und hässlich – 61 Käfige, zwischen den Käfigen Sperrholzplatten. „Wenn sie sich sehen könnten, die würden sich durch den Draht ziehen“, raunt einer im Publikum. Die Schaulustigen sind durch ein rot-weißes Absperrband von den Hähnen getrennt.

Auf der anderen Seite der Käfige nehmen die Preisrichter Platz, auf weißen Gartenstühlen. Jeder beobachtet drei Hähne. Eine Stunde lang, mit einer Strichliste. Es zählt nur der Schrei, Gackern und Gurren wird nicht gewertet. Als Entlohnung gibt es eine Packung Erfrischungsstäbchen.

Jürgen Niemeyer schreitet die Käfige ab. Er ist die Eminenz der Hähne, Vorsitzender des „Nutzgeflügel-Zuchtverein Klecken und Umgebung von 1921“, kräftig, wie es 73-Jährige selten sind. Seit 1950 ist er Geflügelzüchter – seit es wieder losging, nach dem Krieg. Den Gürtel trägt er offen – Autorität hängt längst an keinem Dresscode mehr. Er greift zum Megafon, Publikum und Hähne recken die Hälse – das Wettkrähen, Höhepunkt des Jahres, ist eröffnet.

Und dann passiert – nichts.

Natürlich, die Hähne krähen weiter, wie sie es schon die ganze Zeit tun. Es ist nicht so, dass sie sich mehr ins Zeug legen, jetzt, wo gezählt wird. Ein paar Minuten sind die Zuschauer etwas stiller, aber spätestens, als auch Jürgen Niemeyer wieder in Richtung der Bierstände gegangen ist, läuft alles weiter wie bisher. Nur die Preisrichter zählen angestrengt.

„Die Zwerghähne krähen mehr“, erklärt Hans-Heinrich Beecken, Jugendwart des Vereins. Wie beim Boxen sei das, quasi unterschiedliche Gewichtsklassen. Dann kommt er etwas näher, setzt nach: „Du kannst nicht alle Hähne über einen Kamm scheren.“ Pure Lebensweisheit in Lindhorst.

Mit Hähnen hat Beecken nichts zu tun. Er ist Taubenzüchter, durch und durch. Wie man es nur wird, wenn man seine Passion gegen Widerstände durchsetzen muss. Vor allem die Eltern – Landwirte – hielten nichts von dem brotlosen Unterfangen. Er züchtet nicht irgendwelche Tauben, sondern Kunstflugtauben. Sagt’s und überreicht seine Visitenkarte. Drauf sind zwei Tauben, die kometengleich zur Erde schießen. „Das Fernsehen war auch schon bei mir.“ Großer Züchterstolz.

Mit dem Nachwuchs stehe das in der Geflügelzucht gar nicht so schlecht. 20 Jugendliche hat der Verein. „Mein Sohn ist heute mit zwei Hähnen dabei.“ Der 16-Jährige züchtet chinesische Seidenhühner, eine der ältesten Rassen. „Sehen etwas aus wie eine Mischung aus Hahn und Kaninchen.“ Die Tochter, zehn Jahre, kommt mehr nach dem Vater. Züchtet Tauben, „Arabische Trommeltauben“, ist vergangenes Jahr Jugendeuropameisterin geworden. Großer Vaterstolz.

Jürgen Niemeyer geht von Züchter zu Züchter, die in Grüppchen zusammenstehen, fachsimpeln. Ein besonders fetter Hahn sorgt mit seiner quäkenden Stimme für Lacher im Publikum.

Wer, wenn nicht Niemeyer, kann alle Fragen beantworten, die geblieben sind? Man will nachbohren, wie jemand auf die Idee kommen kann, als Hobby ausgerechnet Geflügel zu züchten. Will das Abgründige erkennen an der Zucht, der gesteuerten Reproduktion. Der Mensch als Schöpfer des perfekten Lebewesens, des Herrenhuhns? Niemeyer winkt ab. „Ich mag Tiere. Und die Geselligkeit. Den anderen wird’s genauso gehen.“

Irmgard Schorlemmer regt sich auf. Seit mindestens 20 Jahren hat die heute 73-Jährige schon als Zählerin beim Wettkrähen geholfen. Aber heute schweigen die Hähne. Dafür schreit Irmgard Schorlemmer: „Jetzt macht doch mal was!“ Ziemt sich eigentlich nicht für eine Unparteiische.

Bringt aber sowieso nichts. Als Jürgen Niemeyer das Megafon zückt, um das 33. Wettkrähen zu beenden, die Blätter mit den Strichlisten von Menschen mit wichtigen Gesichtern eingesammelt werden, da ist einer ihrer Hähne völlig stumm geblieben. Wie 19 andere an diesem Tag.

Bei der Siegerehrung geht ein Raunen durchs Publikum. Läppische 150 Rufe reichten dieses Jahr für den Sieg. Die Erinnerungen sind noch frisch an 1998, an den Hahn, der gar nicht aufhören wollte zu krähen. 344 Rufe. Rekord für die Ewigkeit?

Der Gewinner – Axel Förster aus Rosengarten – posiert für die Lokalpresse mit seinem New-Hampshire-Hahn und Pokal. Eifrig sammeln die Züchter ihre Gockel ein. Die Blasmusik spielt „Rosemarie“. Später wird Frau Dettmann ihren Mann und seine geschlagenen Hähne abholen. Ruhe in Lindhorst. Bis sie im nächsten Jahr wiederkommen, die stolzen Züchter und ihre Hähne.

Marc-André Rüssau

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