Gesichter der globalen Rezession

Leon, 64, Griechenland

„Es ist sein letzter Ausweg…seine eigene Art, seine Privatsphäre zu schützen“, erklärt Anda Alamanou, Pressesprecher der griechischen Notunterkunft Klimaka, als er uns das erste Mal den 64-jährigen Leon vorstellte. Der Mann wollte seinen Nachnamen nicht verraten, nicht für dieses Interview und nicht für andere. Dies obwohl er keine Skrupel damit hatte, detailliert über Glück und Unglück in seinem Leben zu sprechen.

Leon ist ein „Neo-Obdachloser“, einer der Tausenden von Griechen, die von der jüngsten schweren Wirtschaftskrise hart getroffen wurden und nun kein Zuhause haben. In den aktuellen Schätzungen beläuft sich in Griechenland die Zahl der Personen, die als „Neo-Obdachlose“ bezeichnet werden auf 20.000.

Er lebt seit letztem Oktober bei Klimaka, einer Nicht-Regierungsorganisation im Stadtzentrum Athens. Der Mann, der von Beruf Ikonenmaler ist, eine aufrechte Haltung, leuchtende braune Augen und einen gepflegten weißen Bart hat, strahlt Selbstvertrauen, ja sogar Optimismus aus. Und in der Tat, er ist sowohl selbstbewusst als auch optimistisch. „Ich bin eine optimistische obdachlose Person“, sagt er und lächelt schüchtern.

Leon (rechts) vor der Notunterkunft Klimaka. Der 64-Jährige hat kein eigenes Dach über den Kopf – doch er ist sich sicher, dass es für ihn bald wieder aufwärts geht.

Leon kann seine Familiengeschichte bis nach Konstantinopel zurückverfolgen. Seine Familie zog nach Athen, als er noch ein Kind war. Sein Vater wollte, dass er einmal ein Arzt würde – etwas, das er zu erreichen versuchte. 1965 zog er nach London, wo er sich in der London School of Medicine einschrieb. Sechs Monate später brach er das Studium ab, da er nicht mit den oft schauerlichen Realitäten des menschlichen Körpers umgehen konnte. „Ich konnte es einfach nicht tun. Der Gestank, der aus den menschlichen Knochen kam, als unser Dozent sie in einem 45-Grad-Winkel zersägte….er ist noch immer in meiner Nase. Es war einfach nicht auszuhalten. Und schließlich wollte ich ja schon immer zur Kunstschule gehen.“

Und so kehrte Leon ein Jahr später nach London zurück und schrieb sich in der Harrow Art School ein, welche er vier Jahre später abschloss. Als er nach Griechenland zurückkehrte, fand Leon Arbeit in der Reisebranche. Seine erfolgreiche Karriere in dieser Branche hielt für fünf Jahre an. 1977 wurde er als Englischlehrer angestellt. Seine Liebe für die Kunst jedoch war eine Flamme, die nicht erlosch. „1994 entschied ich mich dazu, meine Zeit meiner Liebe für die Künste zu widmen. Ich wusste, dass es für mich kaum möglich war, meinen Lebensunterhalt als Maler zu verdienen, aber ich hatte damals genügend Geld gespart, um ohne schlechtes Gewissen, meine neue Karriere zu beginnen.“ Leon wurde Ikonenmaler – er fühlte, dass dies der einzige Weg sei, wie er seine Liebe zur Malerei und eine Möglichkeit auf ein anständiges Einkommen vereinen könnte.

Die Wirtschaftskrise änderte alles

„Für eine Weile lief es ganz gut. Ich hatte Arbeit, da ich schnell einen soliden Kundenstamm aufbaute. Es gab sogar eine Zeit von zwei Jahren, von 2003 bis 2004 [als Athen die Olympischen Spiele durchführte], als das Geschäft wirklich sehr gut lief. Es ging bis 2009, als sich plötzlich alles änderte, da sich die Wirtschaftskrise bemerkbar machte. 2010 hatte ich nur noch die Hälfte der Aufträge, die ich vorher hatte. 2011 war es noch ein Zehntel. Meine Schulden stapelten sich, ich konnte meine Miete nicht mehr bezahlen und ich wusste, dass ich einer Sackgasse entgegenlaufe. Eines Nachts im letzten September, klopfte es an meiner Tür. Er war mein Vermieter mit einem Räumungsbescheid. Ich erwartete seinen Besuch am nächsten Tag, aber ich hatte keine Lust, meine Sachen zusammenzupacken.“ „Wieso haben Sie Ihre Sachen nicht gepackt?“, fragte der Vermieter wütend. „Ich brauche nichts“, sagte Leon. „Behalten Sie es.“ Und so packte Leon ein paar wenige Kleidungsstücke in eine Tasche und ließ alles andere dort.

„In den ersten Tagen, an denen ich auf der Straße schlief, war ich ganz überwältigt von dem Gefühl der Erleichterung“, sagt Leon. „Das erste Mal, seit ich mich erinnern konnte, musste ich mir keine Sorgen um Geld, Schulden und andere Verpflichtungen machen.“ Agios Panteleimon-Platz wurde zu seiner Unterkunft. Er schlief für etwa 45 Tage auf der Straße, bis sein Sohn es schaffte, ihm ein Bett bei Klimaka, einer Notunterkunft einer Nicht-Regierungsorganisation zu finden.

„Mein Sohn ist 30 Jahre alt. Als er rausfand, dass ich obdachlos war, kam er sofort zur Hilfe. Er gab mir Geld und er fand mir eine Unterkunft. Er tat alles, was er tun konnte. Er kommt mich auch regelmäßig besuchen“, sagt Leon. „Ich weiß, dass er mich zu sich nach Hause nehmen würde, aber er lebt mit meiner Ex-Frau und sie würde nichts davon wissen wollen“, fügt er an.

Trotz seiner Obdachlosigkeit scheint Leon nichts zu bereuen. „Ich habe ein wunderbares Leben gelebt. Ich bin um die ganze Welt gereist. Ich habe sogar mehr Reisen gemacht, als ein angehender Rentner sich je erträumen kann. Ich hatte einen tollen Freundeskreis, mit denen ich ausging. In Tavernen, Cafés, ins Kino, wohin auch immer. Ich habe alle Dinge getan, die eine normale Person machen würde. Ich bin ein Optimist und ich weiß, dass ich aus dieser Situation wieder rauskomme“, sagt er wieder und wieder. Dieser Optimismus ist nicht unbegründet.

Leon weigert sich aufzugeben

Im Alter von 64 erwartet Leon, seine Pension im nächsten Jahr zu bekommen (Altersrente bekommt man in Griechenland im Alter von 65 Jahren) Nach vielen Jahren, in denen er große Beiträge an die staatliche Rentenkasse geleistet hatte, sollte sein monatlicher Scheck genug sein, um seine eigene Wohnung zu mieten. Dazu kommt das zusätzliche Einkommen, das sich Leon durch den Verkauf seiner religiösen Zeichnungen erhofft. So sieht man das Bild eines Mannes, der sich weigert aufzugeben. Im Gegenteil; Leon freut sich wahnsinnig auf die Zukunft. Aus diesem Grund ist er Teil einer Minderheit – eine Person, die in Griechenland lebt und die noch immer Grund hat, sich auf die Zukunft zu freuen. Andere haben nicht so viel Glück.

Hoffentlich wird Leon weiterhin in der Unterkunft Klimaka wohnen bleiben. Dort bekommt er ein Bett und eine tägliche Portion Essen. Die Mitarbeiter von Klimaka kauften ihm die Instrumente und Leinwände, die er braucht, um seine religiösen Bilder zu malen, die er hin und wieder verkauft, um etwas Geld zu verdienen.

Was war nun das Schwierigste, mit dem Leon in der letzten Zeit konfrontiert war? Ein Mangel an Privatsphäre seit er in der Unterkunft Klimaka wohnt, antwortete er. Und die größte Angst für die Zukunft? Die Zukunft seines Sohnes. Leon, wie alle Eltern, fragt sich, was sein Sohn mit seinem Leben machen wird. Doch noch wichtiger ist vielleicht, dass er sich die Welt vorstellt, in welcher seine potentiellen Enkel leben könnten. „Es ist beängstigend.“

Text: Chris Alefantis/Street News Service
Foto: Myrto Papadopoulos

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