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„Leben könnte ich in Deutschland nicht“

31. Mai 2010 | Von | Kategorie: 2010: Hinz&Kunzt-Ausgaben 203 – 214, Archiv, Hinz&Kunzt 208/Juni 2010

(aus Hinz&Kunzt 208/Juni 2010)

Lucille Eichengreen verlor während des Holocaust ihre Familie und kämpfte um ihr Leben. Immer wieder kehrt sie in ihre Geburtsstadt Hamburg zurück, um davon zu berichten.

Die Frage kommt jedes Mal: Ob sie den Deutschen eigentlich vergeben kann? Ob sie ihnen verziehen habe? Lucille Eichengreen schaut dann stets geradeaus, bevor sie antwortet. Lucille Eichengreen hat Deutschland im März 1946 verlassen und ist in die USA ausgewandert, lebt in Kalifornien. Sie ist heute in Hamburg, um einer Schulklasse der Max-Brauer-Gesamtschule von ihrem Leben zu erzählen. Ein Leben, das in Hamburg begann, am 1. Februar 1925.
Sie wächst als Kind jüdischer Eltern in gutbürgerlichen Verhältnissen auf, in einer großen Wohnung in der Straße Hohe Weide in Eimsbüttel. Ihr Vater hat ganz in der Nähe in der Lindenallee einen Weinhandel, Import-Export. Regelmäßig fährt die Familie im Sommer in die Sommerfrische an die See. Ein Hausmädchen kümmert sich um die Kinder, die reiten lernen und Tennis- und Musikunterricht erhalten.
Doch als die Nazis im Januar 1933 an die Macht kommen, spürt die Familie schnell, dass sich ihr Leben ändern wird: Lucille, das Mädchen, das noch eben unbeschwert im Hinterhof spielen konnte, wird nun als „Drecksjüdin“ beschimpft – auch von den Kindern, die im selben Haus wohnen: „Wir waren ganz gut befreundet und plötzlich wurde mit uns nicht mehr gesprochen. Und wenn ich ‚Guten Morgen‘ gesagt habe, war ‚Heil Hitler‘ die Antwort.“

Zur Schule geht sie in der Karolinenstraße; in die private Israelitische Töchterschule. Bald darf sie als Jüdin kein Freibad mehr besuchen, nicht mehr ins Kino gehen. Die Lehrer ermahnen ihre Schülerinnen, sich unauffällig zu benehmen: „Wir sollten eigentlich unsichtbar sein.“ Das bleibt nicht ohne Folgen: „Meine Noten wurden schlechter, ich konnte mich nicht mehr konzentrieren. Ich begann häufig ohne Anlass zu weinen.“ Das ist erst der Anfang.

Es ist der 10. November 1938, sie biegt in die Rentzelstraße ein, will über die Eisenbahnbrücke ins Karolinenviertel zu ihrer Schule gehen, da bemerkt sie den Brandgeruch. Sieht, wie vor der niedergebrannten Synagoge am Bornplatz Leute stehen, sich unterhalten und laut lachen. Hört daheim, wie die Erwachsenen voller Panik durcheinander reden; sich erzählen, wohin man die verhafteten Männer verschleppt hat.

Verzweifelt versucht der Vater Ausreisepapiere zu bekommen: „Unser Leben war ein Albtraum. Wir lebten in ständiger Angst“, erzählt Lucille Eichengreen. Sie müssen in immer kleinere Wohnungen umziehen und sich den weniger werdenden Platz mit immer mehr Menschen teilen. Konten und Sparbücher sind gesperrt, nur gelegentlich dürfen sie Geld abheben. Der Betrieb des Vaters ist längst beschlagnahmt.

Am ersten Tag des Krieges wird ihr Vater von der Gestapo verhaftet und ins Gefängnis Fuhlsbüttel gesteckt. Nur einmal dürfen sie und ihre Mutter ihn im Stadthaus in der Innenstadt besuchen. Sie dürfen ihn nicht umarmen, sie dürfen ihm nicht einmal die Hand reichen. Er kommt ins KZ Oranienburg, dann nach Dachau. In unregelmäßigen Abständen erreichen sie Briefe mit dem immer gleichen Inhalt: „Mir geht es gut. Ich liebe euch sehr.“ Im Februar 1941 kommen zwei Männer von der Gestapo und überreichen ihrer Mutter einen Pappkarton mit der Asche ihres Mannes.

Im Oktober sind sie an der Reihe: Die Familie muss sich am Dammtor-Bahnhof einfinden, zusammen mit Juden aus ganz Hamburg. Die Menschen werden auf Lastwagen geladen, es geht zum Hannoverschen Bahnhof, ein Güterbahnhof im Schatten des Hauptbahnhofes. Von hier aus werden bis zum Februar 1945 mehr als 7600 Menschen in die Lager in Polen und im Baltikum deportiert: Juden und Roma und Sinti; alles Hamburger Bürger. Nach Fahrplan, ordentlich mit Kelle und Pfeife von Hamburger Bahnbeamten abgefertigt.
Lucille kommt mit ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester ins Getto nach Lodz, muss dort hart arbeiten. Die Bedingungen sind unmenschlich: „In drei Jahren habe ich keine Milch gesehen. Kein Ei, wenig Zucker. Und wenn man Essen bekam, hat man es meistens in zwei Tagen aufgegessen. Es musste aber für sieben, acht Tage reichen.“ Ihre Mutter und ihre Schwester überleben das nicht.

Es ist jetzt sehr still in der Klasse. Selbst die, die eben noch auf ihr Handy geschaut haben, blicken nun nach vorne, wo Lucille Eichengreen erzählt, wie sie von Lodz nach Auschwitz und von dort zurück nach Hamburg kam, in ein Lager im Hamburger Freihafen. „Für einen Moment dachte ich: Jetzt wird es mir leichter gehen. Aber es war nur ein Traum. Wir haben bei Blohm & Voss gearbeitet, bei der Deutschen Werft.“ Sie müssen die Bombenschäden an den Werftanlagen reparieren, mit bloßen Händen Stahlträger bergen. Sie kommt in noch ein weiteres Lager, nach Sasel, im Nordosten von Hamburg, wird dort auch im Büro eingesetzt: „Denn ich konnte deutsch sprechen, die anderen Häftlinge haben nur polnisch gesprochen. Ich habe mir die 40 SS-Leute, die dort gearbeitet haben, alle Hamburger, gemerkt. Ich habe ihre Namen öfter aufschreiben müssen, es gab keine Schreibmaschine. Wozu ich mir die Namen gemerkt habe, wusste ich nicht.“

Doch sie wird es wieder wissen, als sie nach Kriegsende für die Briten als Übersetzerin arbeitet und sich plötzlich an die Namen erinnert: Die Männer werden verhaftet und in Celle vor Gericht gestellt. Lucille Eichengreen ist als Zeugin geladen. Abends, wenn sie nach dem Prozess in ihr Zimmer zurückkehrt, findet sie unter der Tür kleine Zettel vor: „Wir werden dich finden, wir werden dich umbringen“, steht da­rauf. Und sie beschließt, Deutschland zu verlassen: „Ich kam nach Amerika, wo eine Schulfreundin von mir lebte. Ich habe geheiratet und nach und nach habe ich ein neues Leben begonnen“, beschließt sie ihren Vortrag.

Nun ist es an den Schülern zu fragen. Und sie fragen: Wie schlecht sie in der Schule wurde und wie sie das als Erwachsene nachgeholt hat. Wie sie das alles ausgehalten hat, die ständige Angst um ihr Leben, den Hunger, die Kälte. Auch auf die Frage einer Schülerin geht sie ein, wie das war, als sie im Getto im Totenhaus zwischen all den bis zur Decke gestapelten Toten ihre Mutter entdeckte, und wie sie sie beerdigt hat.

Und wie ist das nun mit dem Verzeihen? „Nein“, kurz und knapp kommt es über ihre Lippen: „Es gibt bei mir weder Versöhnung noch Verzeihen.“ Macht dann eine Pause, um das Thema der Entschädigung anzuschneiden. Abgesehen davon, dass man niemanden für den Tod seiner Eltern und seiner Schwester, für jahrelange Todesangst entschädigen kann, lässt sie eine Zahl sprechen: 2000 Euro hat sie als sogenannte Entschädigung bekommen, für drei Jahre Schuften im Getto, Tag für Tag, 12 bis 14 Stunden.

Wie viele Überlebende hat Lucille Eichengreen lange gezögert, Hamburg wieder zu besuchen. Erst 1991 war es soweit, 50 Jahre, nachdem ihre Odyssee durch die Lager begann. Wie es ihr heute in Hamburg ergehe, will ein Schüler wissen. „Am Anfang war es schlimm“, sagt sie. „Aber seit ich vor Studenten spreche und in Schulen gehe, wird es leichter.“ Jüngst hat sie dafür, dass sie trotz allem Erlittenen immer wieder Schulklassen besucht, die Ehrenmedaille der Stadt Hamburg bekommen. Aber das ändert nichts an ihrer distanzierten Haltung gegenüber den Deutschen, den Hamburgern. Die haben sich schließlich nicht mal große Mühe gegeben, die Verbrechen des Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Sie kommt noch mal auf den Prozess gegen ihre letzten Peiniger zurück, die SS-Männer im Saseler Lager: „Die meisten haben nur kurze Gefängnisstrafen bekommen, nur der Kommandant hat 20 Jahre bekommen. Die Wachmannschaften sind dann später zum Zoll und zur Post gegangen. Sie haben weitergearbeitet und später eine gute Pension bekommen, und die Sache war vergessen.“ Zum Abschluss sagt Lucille Eichengreen: „Es ist schwierig, aber ich komme. Doch leben könnte ich in Deutschland nicht.“

Text: Frank Keil

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