Sportfreunde Stiller

Laut gegen Leerstand

Von Münchner Musikern fürs Leben lernen: Neben Fußballhymnen und schnörkelloser Rockmusik machen die Sportfreunde Stiller auch gegen Leerstand mobil. Sie halfen, ein leer stehendes Haus vor dem Abriss zu retten. Nachahmung dringend empfohlen.

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Rüdiger Linhof, Florian Weber und
Peter Brugger (von oben) sind nicht nur dem Bandnamen nach dicke Kumpel, die gemeinsam Musik machen. Sie engagieren sich auch gegen rechts, für fairen Handel oder das Münchner Straßen­magazin „Biss“.

Gestatten: Sie san a bayerische Band. Doch spätestens seit ihrer Fußballhymne „’54, ’74, ’90, 2006“ sind die Sportfreunde Stiller auch außerhalb des Freistaats so bekannt wie Lederhosen oder der FC Bayern. Das passt: Denn die Sportfreunde lieben Fußball. Und Rockmusik ohne Schnörkel. „Ein Kompliment“, „Ich, Roque“, zuletzt die Single „Applaus, Applaus“ sind gute Beispiele dafür, wie die Band funktioniert. „Gute-Laune-Musik“, sagt unser Fotograf Daniel Cramer. Von den Fans werden Peter Brugger (Gesang/Gitarre), Rüdiger „Rüde“ Linhof (Bass) und Florian „Flo“ Weber (Schlagzeug, Gesang) liebevoll „Sportis“ genannt. Wie ihr früherer Fußballtrainer Hans Stiller die Jungs rief, ist nicht überliefert – wohl aber, dass er beim Bandnamen Pate stand.

Sie sind Freunde. Seit 17 Jahren machen sie nun schon ­gemeinsame Sache. „New York, Rio, Rosenheim“ ist ihr erstes Album nach einer längeren Auszeit. Der Titel: ein Bekenntnis. Mögen sie auch durch ferne Länder touren, das Herz der ­Sportis, es hängt noch immer an der Heimat. In Germering bei München sind sie aufgewachsen. Ihre Jugend verbrachten sie in den Proberäumen der bayerischen Hauptstadt. Abends zogen sie durch die Kneipen des bunten Glockenbachviertels – das man sich in etwa wie eine Mischung aus St. Georg und der Schanze vorstellen kann.

Promis schwingen den Pinsel

Dort, genauer: In einem Haus, das 15 Jahre leer stand, in der Müllerstraße 6, hat sich die Geschichte abgespielt, die uns – neben ihrer Musik – aufhorchen ließ: In einem YouTube-Video (huklink.de/renovierung) kann man sehen, wie eine Gruppe Menschen mit Gorillamasken eine heruntergekommene Wohnung entert. Sie packen Wandfarbe, Pinsel und allerhand Werkzeug aus, fangen an zu streichen, hämmern, sägen. Dazu rappt die Combo „Moop Mama“. Am Ende des Videos ist die einst schäbige Wohnung aus den 50er-Jahren nicht wiederzuerkennen: Alles strahlt, die Küche ist neu, das Bad modernisiert, auf dem Esstisch steht eine Blume. Man möchte am liebsten sofort einziehen. Dabei sind die Wohnungen laut Eigentümer, der Stadt München, angeblich „unrenovierbar“ und sollen abgerissen werden. Das Verblüffende: Unter den Gorillamasken verbergen sich Münchner Prominente wie der Ex-Fußballprofi Mehmet Scholl, der Kabarettist Dieter Hildebrandt, der Filmemacher Marcus H. Rosenmüller und – die Sportis.

„Das war ein Rollkommando“, sagt Rüde und lacht. „Es hat vielleicht zwei Tage gedauert, dann war die Wohnung tipptopp in Ordnung.“ Die meisten Helfer seien ganz normale Bürger gewesen, die Promis nur da, um mediale Aufmerksamkeit zu erregen. Organisiert wurde die Aktion von der Goldgrund Family – dahinter verbirgt sich mit Till Hofmann der Chef der Münchner Lach- und Schießgesellschaft, ein guter Freund der Sportis. Die Renovierung ist eine von vielen Aktionen, mit denen Goldgrund auf Mietwucher, Leerstand und Vertreibung in München aufmerksam machen will.

„Ich bin in einer Genossen­schafts­wohnung auf­gewachsen“ – Bassist Rüde

Der Band gefällt, dass in der Müllerstraße angepackt wurde. Rüde: „Dass man nicht nur sagt: ‚Ich bin dagegen‘, sondern auch sagt: ‚Ich bin für etwas und ich zeig’ euch mal, wie ich das haben will.‘“ Sich für bezahlbaren Wohnraum zu engagieren, ist für den Bassisten eine „Herzenssache“ gewesen, erzählt er: „Ich weiß, was es bedeutet, eine Wohnung zu haben, die einen existieren lässt. Ich bin genau so aufgewachsen. Wir haben in einer Genossenschaftswohnung gelebt. Mein Vater ist Lokführer, wir hatten nur wenig Geld. Bis ich 18 war, habe ich mir mit meinem Bruder ein zwölf Quadratmeter großes Zimmer geteilt.“ Seine erste eigene Wohnung: ebenfalls eine genossenschaft­liche. Bloß weil die Bude bezahlbar war, habe er überhaupt eine Perspektive gehabt, konnte sich etwa in Ruhe nach einer Ausbildung umsehen. Dass alles anders kommen sollte und er mit Peter und Flo später durch ausverkaufte Hallen touren würde, ahnte damals noch keiner.

Bis zu ihrem Durchbruch mit „Die gute Seite“ (2002) war es ein langer Weg. „Wir kennen die Situation, dass man in München keinen Proberaum findet“, sagt Schlagzeuger Flo. „In 17 Jahren sind wir bestimmt über zehn Mal umgezogen. Das ist natürlich kein Vergleich mit der Wohnungsknappheit, aber wir beobachten das schon länger, dass sowohl die Mieten als auch die Preise für Eigentum explodieren.“ Tatsächlich: In München sind die Mieten am teuersten in ganz Deutschland. Für neu vermietete Wohnungen muss man laut einer Umfrage des Statistikportals Statista durchschnittlich 13,77 Euro für den Quadratmeter hinblättern (Hamburg: 11,15 Euro) – kalt. Eine Entwicklung, über die sich Sänger und Gitarrist Peter Brugger beim Interview in Rage redet: „Das kann ja nicht sein, dass in der Stadt nur reiche Menschen leben und alle anderen raus müssen!“ Als Band, die viel unterwegs ist, beobachten sie zudem, wie sich unsere Großstädte immer mehr einander gleichen: „Das Flair einer Stadt leidet darunter wahnsinnig. Ich habe per se nichts gegen schöne, neue Häuser. Aber dann muss daneben auch was mit Geschichte stehen.“

Wenn er über St. Pauli spricht, wird der eben noch energiegeladene Rüde nachdenklich: „Wenn ich mir die Reeperbahn jetzt so anschaue: In den letzten zwölf Jahren hat die Stadt mehr und mehr ihr Gesicht verloren. Dieses verlebte Gesicht der Reeperbahn, das verbinde ich mit Hamburg. Was da jetzt zugelassen wird an Veränderungen! Nicht mehr lange und das geht den Bach runter.“

Die Sportfreunde Stiller sind sozial engagiert. Die Renovierungsaktion ist nicht die erste Sache, für die sie sich stark gemacht haben: Sie haben bei Aktionen gegen rechts mitgemacht, sind 2008 mit dem Song „Antinazibund“ beim Bundesvision Song Contest aufgetreten. Sie unterstützen eine Fair-Trade-Kampagne und auch das Münchner Straßenmagazin „Biss“. Das wollte aus einem ehemaligen Münchner Frauen- und Jugendgefängnis das „Hotel Biss“ machen: Darin sollte 40 Jugendlichen in besonderen sozialen Schwierigkeiten eine Ausbildung im Hotelfach ermöglicht werden. Doch der Freistaat vergab das Haus anderweitig. Auch eine Unterschriftenaktion, an der sich mehr als 15.000 Menschen beteiligten, änderte daran nichts.

„Wir wollen positive Enden finden“ – Sänger Peter Brugger

Aber als Fußballfans wissen die Sportfreunde: Niederlagen gehören zum Spiel. Man braucht sich auch bloß ihr neues ­Album anzuhören. Darauf sind Songs unverbesserlicher Optimisten. Die von Freundschaft erzählen. Von der Liebe. Und davon, wie wichtig es ist, seinen Schmerz mit anderen zu ­teilen. „Bei all dem Scheiß, vor dem wir auch nicht die Augen verschließen wollen, stellen wir fest: Wir wollen positive Enden finden“, sagt Peter. „Und in der Musik kann man ja auch einfach große Gedanken hinstellen. Wenn nicht da, wo sonst?“ Der 41-Jährige singt etwa in „Wunder fragen nicht“ über – was wohl: Wunder. Oder das Titelstück „New York, Rio, Rosenheim“: Es ist ein Loblied auf den eigenen Mut, Dinge verändern zu wollen („Die Welt ist groß genug / wir sind nicht allein / zündet ein Leuchtsignal in New York, Rio, Rosenheim“). Rüde pflichtet ihm bei: „Am Anfang eines ­jeden Tuns steht der Glaube daran, dass es Sinn macht. Optimismus hat für mich ganz stark mit Gestalten und Handeln zu tun. Aus diesem Grund hat irgendjemand irgendwann ja auch Hinz&Kunzt gegründet.“

Den Sportis ist bewusst, wie gut sie es getroffen haben: „Wir sind so privilegiert in dem, was wir erleben dürfen“, sagt Peter. „Wir haben wahnsinnig viele euphorische Momente im Leben, das beeinflusst uns schon sehr.“ Einfluss ist das Stichwort. Es bringt uns zurück zum Anfang, in die renovierte Wohnung in der Müllerstraße 6. Nachdem Hunderttausende das Video klickten und die Presse ausführlich berichtete, besuchte schließlich auch Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) das Haus. Und er befand: Die Gruppe habe „einen für junge Leute höchst attraktiven Wohnraum mit durchaus zeitgemäßer technischer Ausstattung“ geschaffen. Und das mit Materialkosten von nur 3000 Euro.

Udes Order: Die übrigen Wohnungen sollen „unverzüglich“ wieder „in einen bewohnbaren Zustand versetzt werden – nach dem Vorbild der provisorischen Sanierung“. Vom ­Abriss redet erst mal keiner mehr. Die Wohnungen werden jetzt mindestens bis 2015 bewohnt. Dann soll erneut beraten werden. Rüde ist, wie soll es anders sein, optimistisch: „Die Aktion hat solche Wellen geschlagen, dass sie letztendlich die Vernunft werden walten lassen.“

Text: Simone Deckner
Fotos: Daniel Cramer

 

In München stehen schätzungsweise 1000 Wohnungen leer. In Hamburg sind es laut Mieterverein 2000. Viele davon befinden sich im städtischen Eigentum. Bereits 2011 haben wir Hamburgs schönste Leerstände dokumentiert (huklink.de/leerstaende). Zwar erlaubt das neu geregelte Hamburger Wohnraumschutzgesetz Leerstand für nur drei Monate und droht mit Bußgeldern von bis zu 50.000 Euro bei Verstößen.  In der Praxis fehlt jedoch das Personal, um Leerstandsanzeigen (wie unter www.leerstandsmelder.de) zu verfolgen.

Die Goldgrund Family und ihre Aktivitäten finden Sie im Internet unter www.goldgrund.org

Das Album „New York, Rio, Rosenheim“ ist Ende Mai bei Universal Music erschienen. Weitere Infos unter www.sportfreunde-stiller.de

Am 20. Juli spielen die Sportfreunde Stiller beim Deichbrand-Festival, Seeflughafen Cuxhaven/Nordholz, Walter-Carstens-Straße 1, 27637 Nordholz, Festival vom 18.–21. Juli, Tagestickets ab 57,50 Euro, www.deichbrand-festival.de

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