ICH HABE EINEN TRAUM

„Ich habe einen Traum“. Unter diesem Motto stand in den Jahren 2004 und 2005 für einige Monate das Titelblatt des Straßenmagazins. Dafür haben Hinz&Künztler und von ihren Wünschen und von ihren Ängsten erzählt:

 Stefan: „Ich stehe morgens am Supermarkt mit einer ganzen Truhe voller Würstchen, einem Bräter und der Zusage des Marktleiters, dass ich hier vor Weihnachten Würstchen verkaufen darf. Ich habe ziemlich investiert. Aber jetzt kommt der Marktleiter auf mich zu und sagt: „Es tut mir Leid, aber das mit den Würstchen klappt leider doch nicht. Ich habe keinen Platz mehr, und außerdem schließen wir den Laden.“ Ich stehe da, wie angewurzelt, und muss zuschauen, wie der Laden immer leerer wird. Die restliche Ware wird auf Lastwagen verladen und abtransportiert. Einen Augenblick später ist der Markt auch schon leer und in seine Einzelteile zerlegt. Nur noch Wellblechwände liegen da, und auch die werden auf die Hänger geladen. Und dann sind alle weg. Kein Supermarkt mehr, keine Kunden, keine Kinder. Nichts. Nur meine Kühltruhe mit Würstchen, mein Bräter und ich. Zum Glück bin ich dann aufgewacht. Meine Güte, das war nur ein Traum, habe ich mich versucht zu beruhigen. Und natürlich steht der Supermarkt noch, und ich verkaufe zwar keine Würstchen, dafür aber meine Hinz&Kunzt – wie immer. Aber ich kann mir vorstellen, woher dieser Traum kam. Ich stehe momentan etwas unter Druck: Ich zahle meine Schulden zurück, und das heißt, ich lebe fast ausschließlich vom Verkauf der Zeitung. Und am Abend vor meinem Traum kam eine Durchsage im Supermarkt: „Werte Kunden, heute bekommen Sie an unserem Imbiss eine Thüringer mit Brötchen für nur einen Euro.“ Das ist ja nun wirklich nichts Beängstigendes, im Gegenteil, aber irgendwie hat mich das wohl schwer beschäftigt.“

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Ralph: „Ich bin bei meiner Oma aufgewachsen, und eine meiner schönsten Erinnerungen ist, als ich mit ihr beim Zirkus Krone auf dem Heiligengeistfeld war. Ich muss acht Jahre alt gewesen sein. Es gab so tolle Nummern und interessante Tiere, aber trotzdem: Der Höhepunkt und das, was ich kaum erwarten konnte, waren die Clowns. Als die in Riesenschuhen durch die Manege torkelten, immer über ihre eigenen Füße stolperten, da lachten alle Zuschauer – und ich am lautesten. Manchmal sind Clowns ja auch richtig traurig. Aber selbst dann muss man über sie lachen. Mein Traum ist es, selbst ein Clown zu sein. Oder vielleicht ist es auch kein Traum, weil ich eigentlich immer ein Clown bin. Ich mache einfach gerne Spaß und möchte andere, gerade auch meine Käufer, zum Lachen bringen. Vielleicht auch, weil das Leben oft nicht zum Lachen ist. Man muss halt immer das Beste draus machen. In jeder Lebenslage. Mit Lachen kann man vieles überspielen. Und danach fühlt man sich besser – und die anderen auch. Toll war: Bei unserem Weihnachtsfest, zu dem Oldie 95 eingeladen hatte, gab es auch einen Zirkus. Man durfte mitmachen – und sie haben mich als Clown in die Manege geholt. Ich hatte natürlich nur eine ganz kleine Rolle, wurde aber ein bisschen verkleidet als so eine Art Automechaniker – natürlich war ich der, der immer vom Wagen überfahren wurde. Aber egal, die anderen haben gelacht – und ich hatte wahnsinnigen Spaß.“

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Pinki: „Schon als Kind war es mein Traum, mal zur See zu fahren. Vor allem deshalb, weil man als Seemann oder Seefrau viel erlebt, andere Länder bereist und viele Menschen kennen lernt. Aber mein Wunsch, zur See zu fahren, hat noch einen anderen Grund: Auf einem Schiff kommt keiner an mich ran, da fühle ich mich am sichersten. Die Leute an Bord kennst du sowieso. Und wenn jemand zu Besuch kommt, muss er die Gangway hoch – du siehst ihn und kannst dich auf ihn einstellen. Schon als Jugendliche war mein Wunsch abzuhauen so groß, dass ich mich mit 14 an Bord eines Frachters geschlichen habe. Ich hatte keine Angst, zu Hause hatte ich mehr Angst. Ich machte es mir im Beiboot gemütlich und lebte von meinem mitgebrachten Proviant. Ich brauchte nicht viel. Nach zwei Wochen wurde mir langweilig, und ich kriegte doch Hunger. Ich streckte nur kurz den Kopf aus dem Beiboot, und der Kapitän entdeckte mich. Aber er hat zum Glück nicht geschimpft. Er sagte mir gleich, dass er mich im nächsten Flieger nach Hause schicken würde, was er auch tat.Vorher durfte ich in der Küche helfen und Kartoffeln schälen. Ich habe es genossen. Später hat es bei mir nicht mehr mit der Seefahrt geklappt. Heute wünsche ich mir, dass ich nur irgendeinen Job kriege. Am liebsten würde ich nachts arbeiten. Denn nachts fühle ich mich sicherer, wenn ich wach bin.“

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Manni: „Mein größter Traum ist es, einmal in meinem Leben in Urlaub zu fahren. Jetzt, wo ich drüber nachdenke, fällt mir erst auf, dass ich noch nie in Ferien gefahren bin. Dass ich mit 17 von Zuhause abgehauen bin, kann man nicht rechnen. Als ich in der Binnenschifffahrt gearbeitet habe, hatte ich manchmal ein bis drei Tage frei – aber weggefahren bin ich nie. Dazwischen habe ich als Kellner gearbeitet und in der Küche, in der Fabrik an der Stanze, als Vertreter und in einer Drückerkolonne – und dann war ich arbeitslos. Nicht mal auf Balkonien habe ich Urlaub gemacht. Schließlich hatte ich nie einen Balkon. Ich bin ja schon froh, dass ich über Hinz&Kunzt eine Wohnung bekommen habe. Manchmal sitze ich zu Hause am Fernseher und sehe mir Reisedokumentationen an. Dann stelle ich mir vor, dass ich selbst dort wäre. Übrigens: So ein Ballermann-Urlaub auf Mallorca würde mich gar nicht reizen. Unter Palmen in der Südsee zu faulenzen wäre schon toll, aber wenn schon Traum, dann wäre es eher die Route 66. Ich würde ein Wohnmobil haben, in dem mein Hund Charly und ich viel Platz hätten. Ich glaube, auf dieser Straße überquert man drei Breitengrade und fährt durch zig Staaten.Wir würden anhalten, wo wir wollten, würden die herrlichsten Landschaften sehen und immer draußen sein, ganz unterschiedliche Menschen und Mentalitäten kennen lernen. Und in meinem Traum hätte ich natürlich auch den Führerschein…“

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Sam (und Hundepapa Bahne): „Goldtaler aus Schokolade, die schmecken klasse. Aber ich bräuchte viele echte Goldtaler. Dann würde mir mein „Papa“ Bahne einen Hundepalast bauen, einen zweistöckigen, mit einem Schlafzimmer oben und einer Spielwiese unten. Das kann der. Der ist nämlich Tischler, zumindest fast. Den Abschluss hat er versaut wegen der Drogen. Aber jetzt geht’s wieder bergauf mit ihm, weil Papa seine Gerichtssachen geregelt hat. Er muss noch eine Haftstrafe von drei Monaten wegen einer alten Sache absitzen. Dann ist er sauber. Und seine Drogensucht kriegt er hoffentlich auch unter Kontrolle. Er geht jetzt jeden Tag in die Heroinambulanz. Alles wegen mir, sagt er. Ich bin nämlich sein Baby. Ich glaub ihm. Denn immerhin sind wir jetzt schon nicht mehr obdachlos, sondern haben zusammen ein Zimmer. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass Papa immer für mich da ist – und dass ich ein hübsches Frauchen kriege.“

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Anna: „Blumen mag ich gern und Rosen am meisten. Mein Traum ist, einmal einen eigenen Garten zu haben und von Blumen umgeben zu sein. Ich würde auch Kohl und Rüben anpflanzen und im Sommer kämen mich Freunde besuchen. Aber es würde mir auch schon genügen, wenn ich mit Blumen arbeiten könnte. Mein anderer Traum ist das Fliegen. Wenn ich daran denke, bekomme ich Gänsehaut. Gänsehaut, weil ich Angst habe, dass das Flugzeug herunterfällt und ich kaputt bin. Aber auch, weil es bestimmt wunderbar ist, so hoch oben zu sein – und unten ist alles ganz klein. Ich hätte schon fliegen können. Mit meinem Mann nach Sizilien. Aber ich hatte ja Angst. Meinen Mann habe ich hier in Deutschland kennen gelernt. Ich war aus Polen nach Deutschland gekommen, weil ich dort keine Arbeit hatte. Ich dachte, in Deutschland kriege ich Arbeit. Das denken in Polen viele. Aber ich habe auch hier keine bekommen, war obdachlos und illegal. Geholfen haben mir polnische Freunde – wir halten zusammen. Und dann habe ich mich in Salvatore verliebt. Plötzlich hatte ich einen Mann und eine Aufenthaltserlaubnis. Eines Tages, da bin ich ganz sicher, habe ich nicht mehr so viel Angst, und dann fliege ich mit nach Italien.“

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Sabrina: „Manchmal träume ich davon, eine Prinzessin zu sein. Ich wäre so eine Art Prinz William, natürlich in weiblich. Der gefällt mir. Er versucht, dem Volk nahe zu sein. Und das wäre ich auch. Ich würde sehen, wie ich den Menschen helfen kann. Besonders würde ich auf die Kinder achten. Wenn Kinder misshandelt würden, dann würde ich sie in einem meiner Kinderheime aufnehmen, in denen es viele und liebevolle Erzieher und Psychologen gäbe. Sie würden die Kinder deshalb so gut verstehen, weil sie meistens das gleiche Schicksal erlitten hätten. Ich würde in einem Schloss wohnen und hätte viele Diener, die ich gut behandeln würde. Auch ich würde zu tollen Partys gehen und schicke Klamotten anziehen. Ich würde mir einen Reitlehrer nehmen und hätte einen Schimmel oder schwarzen Hengst. Meine Drogensucht hätte ich überwunden, die Therapie hätte angeschlagen, weil ich mich auf mein Leben als Prinzessin freue. Immerhin: Im wirklichen Leben habe ich schon meinen „Prinzen“, den ich sehr gerne habe und der einen so schönen Charakter und innere Werte hat. Und im wirklichen Leben ist vielleicht auch das Prinz-Sein nicht immer witzig: Ständig verfolgen einen die Paparazzi, und nur weil Prinz William einmal einen Joint geraucht hat, galt er gleich als drogenabhängig, und ganz England stand Kopf.“

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Peter: „Mein Traum ist, mit dem Truck durch Amerika zu fahren. Lkw-Fahrer bin ich ja schon, den Führerschein hat mir Ende der 80er-Jahre das Arbeitsamt bezahlt. Ich bin dann gut fünf Jahre gefahren, habe mit einem 40-Tonner Paletten voller Cola-Dosen ausgeliefert. Nach Frankreich und Skandinavien, aber auch nach Osteuropa, noch bevor der Eiserne Vorhang fiel. Klar, wir hatten unseren Lkw geschmückt, die Wimpel von etlichen Ländern hingen oben an der Windschutzscheibe, und in der Weihnachtszeit hatten wir einen blinkenden Tannenbaum. Der Truck, den ich mir für meinen Amerika-Trip erträume, ist ein Scania mit fetter Haube und zwei Michelin-Männchen am Führerhaus. Und damit bin ich ja noch bescheiden, die Amis haben viel heißere Trucks. Mich faszinieren die langen Straßen dort, kilometerweit geradeaus.Am liebsten würde ich mit anderen im Konvoi auf der Route 66 fahren, die von Chicago nach Los Angeles führt. Ob so eine Tour anstrengend ist? Nein, ich finde es viel anstrengender, einen Tag lang Zeitungen zu verkaufen, als einen 40-Tonner zu steuern. In den USA war ich bisher nie.Aber ich hab’ schon 300 Euro für eine Reise angespart. Vielleicht klappt es ja mal.“

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 Marko: „Wenn’s irgendwie geht, schaue ich immer Formel 1. Am liebsten bei Freunden oder in der Kneipe, denn bei mir im Zelt habe ich natürlich keinen Fernseher. Manche Rennfahrer bewundere ich richtig. Michael Schumacher beispielsweise oder – als er noch lebte – Ayrton Senna. Schumi hat übrigens auch auf einer Kart-Bahn angefangen – und er trägt einen roten Overall – wie ich auf dem Foto. Früher waren alle Wagen und Motoren ziemlich unterschiedlich. Wer also einen guten hatte, hatte auch mehr Chancen. Heute haben die sich technisch viel mehr angeglichen, und es kommt viel mehr darauf an, was einer aus dem Wagen rausholt. Rennfahrer finde ich deswegen so toll, weil es nicht nur um den Geschwindigkeitsrausch geht, sondern auch darum, jederzeit die Kontrolle über das Fahrzeug zu behalten. Ich hatte mich früher, als ich noch als Notars- und Rechtsanwaltsgehilfe gearbeitet habe, sogar erkundigt, ob man mal mitfahren darf. Das geht, kostet allerdings die Kleinigkeit von 12.000 Euro. Selbst wenn ich das Geld gehabt hätte, hätte ich es nicht dafür ausgeben. Übrigens: Im Alltag kann ich Raser nicht leiden; ich selbst bin ein sehr umsichtiger Fahrer. Ich könnte mir nie verzeihen, einen schweren Unfall zu verursachen, bei dem womöglich eine Frau und ein Kind umkommen.“

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Hannelore: „Eigentlich wollte ich das immer, ein Engel sein und anderen eine Freude machen. Neulich habe ich vor meinem Verkaufsplatz vor Minimal in Alsterdorf eine Geldbörse gefunden. Da war auch viel Geld drin. War für mich klar, dass ich die sofort bei Minimal abgebe. Ich weiß ja, wie es ist, kein Geld zu haben. Wahnsinnig gern stricke ich auch kleine Socken für Frühchen. Das mach’ ich für den Verein Kinderluftbrücke von Witta Pohl. Vielleicht will ich deswegen so gern ein Engel sein, weil ich mit meinem Leben so zufrieden bin. Inzwischen. Denn früher war ich sehr unglücklich. Mein Mann war Alkoholiker, ich pflegte seine Mutter, und dann hat auch noch unser Sohn mit zehn Jahren einen Gehirntumor gekriegt. Die Ärzte hatten ihn schon aufgegeben, aber ich habe gekämpft – und gebetet. Mein Sohn hat alles gut überstanden. Ich habe gewartet, bis meine Kinder groß waren, dann habe ich mich von meinem Mann getrennt. Wenn ich es nicht getan hätte, hätte ich mich irgendwann vor ein Auto geworfen. Ich habe aber zum Glück Harry, meinen heutigen Freund, kennen gelernt. Der sagte zu mir: „Ich komme mit dir, einer muss ja auf dich aufpassen.“ Er hat mir immer geholfen. Auch als ich vor acht Jahren Krebs bekam. Seitdem lebe ich von heute auf morgen und genieße jeden Tag neu.“

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Karins Traum, eine richtige Familie zu haben, ist in Erfüllung gegangen. Aber für sie, Thorsten und Baby Lynn ist das nicht nur schön, sondern auch eine gewaltige Aufgabe. Denn Karin und Thorsten sind drogenabhängig. Die beiden haben uns zu sich nach Hause eingeladen. Lesen Sie den Artikel „Hausbesuch bei Baby Lynn“

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