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Zusammen ist man weniger allein

11. Mai 2012 | Von | Kategorie: 2009: Hinz&Kunzt-Ausgaben 191 – 202, Archiv, Hinz&Kunzt 202/Dezember 2009

Wohnungslose spielen die Bremer Stadtmusikanten – und zeigen im Theaterstück und bei den Proben, wie viel Energie in denen steckt, die in unserer Gesellschaft vermeintlich nicht bestehen können.

(aus Hinz&Kunzt 202/Dezember 2009)

Die Hornköppe mit ­Theaterpädagogin Thurid Schwerdtfeger (mit Schal), Regisseur Sven J. Olsson (mit Kappe) und Holger Nuss, Leiter der Wohnunterkunft Hornkamp (der, auf den alle gucken)

Pech für Landjäger Hugo: Zwar hat er den Einbrecher geschnappt, aber der überrumpelt ihn, haut ab und verhöhnt ihn: „Bist eben doch ein blöder Hund.“ Hugo weiß: Seinen Job ist er nach diesem Misserfolg los.

Betrübt schleicht Hugo-Darsteller Konstantin Kliesch durch den Pro­benraum. Der 35-Jährige gehört zu den „Hornköppen“, die die „Bremer Stadtmusikanten“ neu interpretieren. Die Fabel wird zur Geschichte einer Hausbesetzung. Konstantin und die anderen Schauspieler sind wohnunglos und leben – daher der Name der Truppe – in der Unterkunft Hornkamp.

Hugo (der Hund) ist einer von vieren, die in der Gesellschaft keinen Platz mehr haben. Egon (der Esel) ist zu alt: Er kann als Packer mit jüngeren Kolle­gen nicht mithalten. Kitty (die Katze) arbeitet als Freudenmädchen – doch die Chefin wirft sie raus: „Deine ­Falten sind so tief wie der Andreasgraben.“ Und die Stimme des einstigen Opernsängers Hadrian (der Hahn) ist nicht mehr geschmeidig genug für die große Bühne. Gemeinsam ziehen sie gen Bremen. Dort würden ständig Stadtmusikanten gesucht, haben sie gehört. Und auf dem Weg vertreiben sie eine Gaunerbande aus deren Haus und ziehen selbst ein. Einmal endlich sind sie die Sieger – weil sie zusammenhalten.

Konstantin Kliesch, 35, hat keine Angst vor der großen Bühne: „In eine andere Rolle zu schlüpfen liegt mir“

Das Theaterstück basiert auf einer Er­zählung von Iring Fetscher, der das Grimm’sche Märchen von den Stadtmusikanten als Vorlage für die Geschichte einer „alternativen Hausbeset­zung“ nahm. „Das Stück lag schon Jahre bei mir in der Schublade, ehe mir klar wurde, dass es von denen gespielt werden muss, die es betrifft, die ihre eigene Geschichte im Schauspiel miterzählen“, sagt Autor Sven J. Olsson, der bei den Hornköppen Regie führt.

Für ihn unterscheidet sich die Arbeit mit den Hornköppen kaum von der mit anderen Laienschauspielern: „Alle haben die gleichen Zweifel: Kann ich das? Kriege ich den Text hin? Schaffe ich es auf der Bühne vor Publikum? – Das ist ganz normal.“ Auch „Landjäger“ Konstantin Kliesch war sich zu Beginn nicht sicher, ob er seine Hauptrolle packt: „Ich war echt skeptisch – so viel Text!“ Der sitzt nach drei Monaten Proben gut. „Ich lerne in jeder freien Minute“, sagt er. Die Schauspieler treffen sich auch am Wochenende, um gemeinsam zu üben.
Regisseur Olsson wundert’s nicht: „Alle waren von Anfang an begeistert dabei“, sagt er. „Die kamen zur ersten Besprechung nach dem Motto ,Her mit dem Text‘. Sie sind immer pünktlich und top vorbereitet. Die haben eine Energie, das ist unglaublich!“ Die brauchen die Hornköppe auch, wenn sie bald auf die Bühne des Monsun Theaters treten. Lampenfieber? Konstantin Kliesch bleibt gelassen: „Ich werde bestimmt nervös sein. Aber gemeinsam schaffen wir das.“

Text: Beatrice Blank
Fotos: Benne Ochs

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