Schauspieler Hannes Stelzer

„Ich spiele gerne die zwielichtigen Typen“

Hannes Stelzer stand 1946 zum ersten Mal auf der Bühne und 1961 zum ersten Mal vor der Kamera. Ein Besuch bei einem Schauspieler, der nur zwei Klappen braucht und der den Teufel besiegen kann.

(aus Hinz&Kunzt 252/Februar 2014)

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Er ist zur See gefahren, hat an der Oper gesungen, in zahlreichen TV- und Kinoproduktionen in Ost und West brilliert: Bei Hannes Stelzer ist auch mit 89 immer noch ein bisschen Luft für Neues.

Neulich ist Hannes Stelzer ein ganz verrücktes Ding passiert: Er wachte des Nachts auf, es ging ihm gesundheitlich gar nicht gut. „Hannes, sagte ich zu mir“, erzählt Hannes Stelzer, „Hannes, du hast ja eigentlich das Alter, vielleicht geht das heute Nacht zu Ende.“ Und wie er da so lag in seinem Bett, fiel ihm plötzlich eine Textzeile ein. Hannes Stelzer hebt den Zeigefinger, sagt mit pointierter Stimme: „Es war die Nacht, in der ich sterben sollte.“

Er setzt eine kleine, wohldosierte Pause, legt den Kopf schief, lässt sein schelmisches Lächeln aufblitzen, wird wieder ernst und sagt dann: „Da kriegt natürlich jeder erst mal einen Schreck – aber der Text ging weiter: ,Trotzdem ich eigentlich noch keinen Bock hatte, ich wollte noch gar nicht sterben.‘ Aus diesen Zeilen habe ich dann eine Ballade geschrieben, die davon erzählt, dass der, der mich da so beunruhigen wollte, gar nicht Gevatter Tod war, sondern der Teufel, der mich holen wollte.“

Der verschwand sofort, als am frühen Morgen die Sonne den ersten Lichtstrahl schickte. „Tja, so entstehen meine Gedichte, meine Lieder, die ich dann in meinen Computer tippe“, sagt Hannes Stelzer, der 89 Jahre alt ist. Und er zeigt auf seinen Schreibtisch, wo sein Laptop liegt; auf seine Gitarre, die auf einem Ständer ruht; auf lose Notenblätter, die sich auf einem kleinen Tischchen gesammelt haben.

Er möchte ein Buch über die Alzheimer-Erkrankung seiner Frau schreiben. Den Mittelteil hat er schon.

Aus familiären Gründen hat es ihn vor ein paar Jahren aus Berlin nach Hamburg, dann in den Stadtteil Bramfeld verschlagen, und Letzteres hat einen ernsten und traurigen Hintergrund: Er wollte hier in einem Altenstift nahe bei seiner an Alzheimer erkrankten Frau leben, mit der er am Ende 64 Jahre verheiratet war. Doch sie stirbt, kurz bevor ein kleines Apartment für ihn frei wird, in das er dennoch gezogen ist.

Er möchte gern darüber ein Buch schreiben, der Mittelteil steht schon, aber immer wenn er an den Anfang oder an das Ende kommt, spielt sein Blutdruck verrückt, dann geht einfach nichts mehr. Aber was soll’s und was hilft’s: Das Manuskript liegt da und wenn er nicht weiterkommt, hat er ja auch noch seine Gedichte und vor allem seine Filme.

Er schaut sich um, weist auf die Türen, die zu Bad, Küche und Schlafraum führen: „Wir hatten in Berlin eine große Wohnung, und sich so zu verkleinern war im ersten Augenblick natürlich eine Katastrophe. Hier im Wohnzimmer kann ich nicht mal eine Couch hinstellen, ich bin räumlich also recht beschränkt“, erzählt er. „Aber ich habe meine Arbeitsecke und ich habe hier nichts auszustehen.“ Er weist nach draußen, wo viel Grün zu sehen ist; wo ein Plattenweg zu den anderen Häusern führt: „Und ich habe sehr angenehme Nachbarn. Wissen Sie, ab einem gewissen Alter ist es schön, wenn man unter seinesgleichen ist, abends nach zehn Uhr ist hier Ruhe. Es wohnt sich hier sehr gut, was will ich mehr.“

Eigentlich will er Skilehrer, Schornsteinfeger oder Schiffskoch werden.

Allerdings muss er aufpassen, dass er auch alle grüßt! Er, der für das Stift gerade eine Hymne geschrieben hat und der auch hier im Haus immer wieder einen seiner Lieder- und Lesungsabende vor großem Publikum veranstaltet. Dafür nimmt er natürlich keinen Eintritt, sondern bittet stattdessen um Spenden. Beim letzten Mal ging der Erlös an Hinz&Kunzt. „Ich bin hier der bunte Hund“, sagt Hannes Stelzer. „Ich darf niemanden übersehen, nicht dass es heißt: ,Der Hannes hat mich heute gar nicht gegrüßt, der hat das wohl nicht mehr nötig! Der wird langsam arrogant!‘“ Arrogant zu sein, das hat Hannes Stelzer nun wirklich nicht mehr vor – trotz der gut 70 Film- und der mehr als 180 Fernsehproduktionen, die er vorweisen kann.

„Wissen Sie, 1946 stand ich das erste Mal auf der Bühne, 1961 drehte ich meinen ersten Film“, sagt er. Dabei war das alles gar nicht vorgezeichnet; er kann keinen in seiner Familie vorweisen, der vor ihm künstlerisch unterwegs war, außer einem Urgroßvater vielleicht, der Kantor gewesen sein soll. So beginnt alles in der Schule: „Ich war in der Schule der beste Sänger, Knabensopran, konnte das hohe C, und mein Musiklehrer meinte zu mir: ,Hannes, du müsstest mal Opernsänger werden.‘“ Aber er will zuerst Skilehrer werden, dann Schornsteinfeger, dann, schon realistischer, zieht es ihn zur See: Schiffskoch, das wäre was! Er beginnt eine Ausbildung zum Schiffsingenieur, kommt zur Marine, wird eingezogen, ist bei der Kriegsmarine.

Zurück im zerstörten Deutschland, in seiner sächsischen Heimatstadt Görlitz, trifft er einen ehemaligen Schulkumpel, der Akkordeon in einer Tanzkapelle spielt und der sich an seine Sangeskünste erinnert: „Ich hab ihm ,Sentimental Journey‘ vorgesungen, und er hat mich sofort zu seinem Kapellmeister geschleppt, denn die suchten gerade einen Gesangsgitarristen, und der sagte: ,Du bist ein dufter Sänger, du spielst eine dufte Gitarre, den Rest erarbeitest du dir.‘“ So wechselt Hannes Stelzer über Nacht den Beruf, das Fach, hat bald eine eigene Tanzkapelle, studiert schließlich im Hauptfach Gesang an der wiedereröffneten Hochschule in Ostberlin und kommt an die Oper. „Ich war Charaktertenor, ich bin ein Spieltalent von Haus aus, da kann ich gar nichts dafür. Mein erster Regisseur sagte über mich: ,Dem brauchst du nichts zu sagen, der macht alles richtig und singen kann er auch.‘“

Es folgen erfolgreiche Jahre an der Oper in Zwittau, in Schwerin, in Potsdam. Stelzer singt und spielt so ziemlich alle Rollen des Repertoires. Doch dann hat er mit einer Stimmbandlähmung zu kämpfen, von der er sich zwar wieder erholt, aber seine Stimme hat gelitten. „Zum Glück hatte ich da schon Film und Fernsehen gemacht. Die fragten mich: ,Sag’ mal, willst du nicht ganz vor die Kamera wechseln?‘ Das habe ich dann gemacht.“

„Ich bin von Haus aus Christ.“

Er ist im DDR-Polizeiruf ebenso zu sehen wie in aufwendigen Klassiker­verfilmungen der DEFA, auch Radio macht er. Hannes Stelzer hat eine eigene Musiksendung; er soll im Rundfunk eine leitende Position einnehmen, doch dafür müsste er in die Partei eintreten: „Das war keineswegs so, dass das alles Idioten waren, die nur die rote Fahne anbeteten, aber ich bin von Haus aus Christ. Mein Chef meinte: ,Hannes, du wärst mein idealer Nachfolger, und das macht doch nix: Du wohnst in Potsdam, da gehst du dort in die Kirche und hier in Berlin gehst du zur Partei.‘ Und ich: ,Das kannst du, das können andere – aber der Hannes kann das nicht.‘“ Also bleibt er freiberuflich tätig und findet sofort Anschluss, als die DDR endet. Er spielt nun im Tatort, bei der Küsten­wache, bei Jenny Berlin, im Groß­stadt­revier; ist in Filmen wie „Sommer vorm Balkon“ oder „Die Friseuse“ zu sehen.

„Ich spiele am liebsten die zwielichtigen Typen, aber die sind knapp. Ganz brutale Leute zu spielen, das fällt mir ein bisschen schwer, weil mir von Haus aus die Brutalität fremd ist, und weil ich mich dann beim Spielen sehr verkehren muss“, sagt er. Und er setzt hinzu: „Ich bin in Fachkreisen dafür bekannt, dass ich auch die kleinste Rolle gestalte. Wenn ich aber ein Drehbuch lese und merke, aus der Rolle kann ich nichts machen, dann gebe ich sie ab.“

Einen richtigen Spitznamen habe er auch: der Zwei-Klappen-Mann. Erste Klappe: Schon ganz gut, aber das eine und andere ist noch zu verbessern. Bei der zweiten Klappe sitze dann jede ­Geste, jeder Satz. „Weil ich vorher bei den Proben voll arbeite!“

„Bei ,Gute Zeiten, schlechte Zeiten‘ werden aber pro Tag 27 Minuten produziert – da leidet die Qualität drunter.“

Deshalb hadert er durchaus mit dem heutigen Fernsehen, dem heutigen Film: „Zu viele Filme werden so durchgedroschen. Die Gage wird gedrückt, statt zehn Tage wird nur acht Tage lang gedreht. Normalerweise sagt man, dass an einem Tag vier, fünf Minuten Film gemacht werden. Bei ,Gute Zeiten, schlechte Zeiten‘ werden aber pro Tag 27 Minuten produziert – da leidet die Qualität drunter.“ Auch bei GZSZ hat er schon mitgespielt. Davor hätte Hannes Stelzer seine Schauspielerlaufbahn beinahe schon beendet: „Es gibt ja für jemanden in meinem Alter nur noch wenige Rollen. Na gut – ich kann einen spielen, der im ­Altersheim sitzt.“ Aber sein Gesichtsausdruck verrät, dass ihn solche Rollen nicht reizen.

Es sind junge Leute aus der Hamburger Filmerszene, die ihn 2005 in die Filmwelt zurückholen und mit denen er zwei wunderbare Kurzfilme realisiert, die auf vielen Festivals Anklang finden: „Draußen“, über die ersten Schritte ­eines langjährigen, nun entlassenen Strafgefangenen in die für ihn neue Welt; und „Heim“, ein Schwarz-Weiß-Film irgendwo nahe des Hamburger Hafens gedreht, der mit dem Genre des Krimis spielt und in dem Hannes Stelzer sein ganzes Können zeigt.

So kann es ruhig weitergehen: „Ich hab im letzten Jahr fünf Filme gehabt“, sagt er, und Stolz schwingt in seiner Stimme mit. Okay – es waren keine Hauptrollen dabei, aber das muss ja auch nicht mehr sein. Hannes Stelzer steht nun aus seinem Sessel auf, er reckt sich und streckt sich, freut sich auf den Tag, der noch vor ihm liegt, denn der Hannes, der hat nicht nur heute noch ziemlich viel vor.

Text: Frank Keil
Foto: Dmitrij Leltschuk

Kurzfilm: „Heim“ mit Hannes Stelzer in der Hauptrolle

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