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Ritalin

Hamburg: Hauptstadt der Zappelkinder?

27. März 2014 | Von | Kategorie: Hinz&Kunzt 254/April 2014

Zahlen des Monats

(aus Hinz&Kunzt 254/April 2014)

In keinem anderen Bundesland verschreiben Kinder- und Jugendpsychiater
so viel Medizin, um Kinder ruhigzustellen, wie in Hamburg.
Das ergibt sich aus Daten des Verbands der Ersatzkassen (VDEK).

50 Prozent

über dem Bundesdurchschnitt liegt die Verordnungsrate von Ritalin in Hamburg, ­
so das Ergebnis einer Auswertung von Arzneimittelabrechnungen. Das Psychopharmakon wird in der Regel Kindern verordnet, bei denen Psychiater ein sogenanntes Zappelphilipp-Syndrom (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, ADHS) diagnostizieren. ­
Während in Hamburg 18,6 Tagesdosen pro 1000 Kinder verschrieben wurden,
waren es in Berlin nur 9,8 und in Mecklenburg-Vorpommern sogar nur 6,7.

Der VDEK bezeichnete die Hamburger Daten als „besorgniserregend“. Ritalin dürfe bei der Behandlung von Verhaltensauffälligkeiten nicht erste Wahl sein, sondern müsse „immer ­eingebettet sein in ein therapeutisches Gesamtkonzept“. Der Medizinische Dienst der ­Krankenversicherung (MDK) Nord beklagt: „Es gibt in Hamburg einzelne Ärzte, die den Wirkstoff ganz besonders wichtig finden und auch bei Indikationen verordnen, für die das Medikament nicht gedacht ist.“ Allerdings müsse auch die große Zahl der niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiater berücksichtigt werden: „Sprich: viele Ärzte, also viele ­Diagnosen, also viele Medikamente.“ Kritiker merken an, dass bis zu einem Drittel der ­gezählten Kinder und Jugendlichen nicht aus Hamburg, sondern aus dem Umland stamme.

Unter Ärzten ist der zunehmende Einsatz von Ritalin umstritten: Die einen behaupten, das Medikament stelle sicher, dass ADHS-Kinder im modernen Schulbetrieb nicht untergingen. Die anderen meinen, es gebe keine Belege dafür, dass Lernfähigkeit, Schulleistungen oder Sozialverhalten sich durch die Einnahme des Psychopharmakons verbessern würden.

Der in dem Medikament enthaltene Wirkstoff Methylphenidat ist in Deutschland seit 1954 zugelassen. Zur Mode-Medizin bei der Behandlung von verhaltensauffälligen Kindern wurde Ritalin jedoch erst seit den 1990er-Jahren, wie eine bundesweite Studie zeigt:

184-mal

häufiger als 20 Jahre zuvor verschrieben Psychiater das Mittel im Jahr 2009.

Bundesweit gelten 620.000 Kinder und Jugendliche als ADHS-krank – Tendenz steigend. Rund die Hälfte der Betroffenen wird mit Psychopharmaka behandelt.

Text: Ulrich Jonas

„ADHS – Verschreiben wir zu viele Medikamente?“ – Rundschreiben der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg: www.huklink.de/ritalin

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