„Guck mal! Das da bin ja ich!“

Mit einem riesigen Wandbild verzierten Künstler vor knapp 28 Jahren einen ehemaligen Luftschutzbunker in Eppendorf. Das Werk verewigte viele Bewohner der angrenzenden Falkenried-Terrassen. Nun bröckelt der Putz, und die Restaurierung des Bildes droht an den Kosten zu scheitern.

(aus Hinz&Kunzt 212/Oktober 2010)

Ortstermin vorm Hochbunker in den Falkenried-Terrassen in Eppendorf. Eine kleine Schar hat sich versammelt, Bewohner der alten Arbeiterwohnungen, und zwei Künstler, die den Bunker einst komplett mit einem Wandbild verschönerten – im Sommer 1982 war das. Das Bild zeigt die damaligen Bewohner der umliegenden Terrassenhäuser, in eine beigefarbene Dünenlandschaft versetzt. Aber jetzt muss das Bunkerbild restauriert werden. Nicht nur, weil hier und da die Farben verblassen. Der Putz lockert sich, reißt in großen Fladen auf – hängt bedrohlich locker an der Fassade und könnte bald herunterfallen.

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Eine Figur nach der anderen wird begutachtet: „Die alte Frau da, das ist Oma Harz. Die hatte Ratten im Backofen“, sagt eine Frau mit adrett geschnittenen, silbergrauen Haaren. Die anderen schauen sie verblüfft an: „Die war doch im Tierschutzverein.“ Sie macht weiter: „Und das da ist Ines, die hat direkt über mir gewohnt. Wenn die wütend war, dann spielte sie Klavier, und sie spielte immer falsch.“
Die Frau selbst ist nicht auf dem Wandbild abgebildet: „Mein Mann und ich, wir haben uns damals gedrückt“, sagt sie. Sie will auch ihren Nachnamen nicht nennen. Monika – das reiche doch. „Ich bin scheu“, sagt Monika nur und lacht verlegen. Sie zeigt lieber auf weitere Figuren hoch über uns: „Kennt ihr noch Toni, die so schwer gehört hat, die mal Nonne war?“ Die Frau im blauen Kleid da, das sei Fortuna. „Sie und ihr Mann wollten eine neue Weltgesellschaft gründen, irgendwie indisch oder buddhistisch; da hat es immer gebimmelt. Und jedes Jahr kriegte Fortuna ein Kind“, erinnert sich Monika. Und dann erschießt ihr Mann einen anderen. „Wie, das wisst ihr nicht mehr?“, fragt sie ungläubig in die Runde. „Der hatte zwei Diener, die wurden hier vor den Terrassen festgenommen, richtig wie im Film, von der GSG 9, hatten aber nichts damit zu tun“, erzählt Monika noch. Die Begeisterung packt sie: „Hier war immer was los“, sagt sie. „Immer!“ Seit mehr als 30 Jahren wohnt sie nun hier.
Die Terrassen haben eine bewegte Geschichte hinter sich: Als schlichte Wohnungen für Arbeiter um die Jahrhundertwende gebaut, verfallen die Häuser in den 60er-Jahren, als Eppendorf ein Stadtteil war wie vor Kurzem noch das Schanzenviertel. 1973 gründet sich erst eine Mieterinitiative, dann 1988 die Mietergenossenschaft Falkenried-Terrassen eG.: Die Häuser gelangen in die Hände der Mieter. Sie werden von Grund auf saniert.
Heute gehören der Genossenschaft mehr als 320 Wohnungen, verteilt auf fünf Terrassengänge: Nicht Wachstum und Profit sind das Ziel, sondern preiswerten Wohnraum zu erhalten. Die Innenhöfe sind begrünt; Stühle und Bänke aus Holz oder aus Plastik warten darauf, dass man sich hier niederlässt. Stockrosen verzieren die Häuserwände. Ein Idyll, mitten im trubeligen, teuren Eppendorf.
Eine Tür vom Bunker öffnet sich, ein Mann im Blaumann kommt heraus: Georg Günther wartet die riesige Satellitenschüssel, die auf dem Bunkerdach steht, damit die Fassaden der Häuser nicht mit lauter kleinen Schüsseln verschandelt werden. „Antennen-Georg“ nennen sie ihn liebevoll.
Er schaut kurz aufs Wandbild: „Ich bin ja mehr für die Zukunft“, sagt er knapp: „Von mir aus kann das übermalt werden; kann Platz gemacht werden für Neues.“ Auch er legt nun den Kopf in den Nacken und schaut sich das Bild an. „Mann, ist das lange her“, entfährt es ihm und er streicht sich demonstrativ durch sein graues Haar. Er atmet einmal tief ein – und einmal tief aus. Zeigt dann auf die zwei Figuren, die unter einem Ruderboot, das sie kopfüber tragen, verschwinden: „Der da in den kurzen Hosen, das bin ich.“ Der andere ist Peter, der hatte das Ruderboot: „Das wollten wir hier im Hof reparieren. Wir trugen es rein, und da sagte Sören: ‚Bleibt mal stehen, cooles Foto.‘“ Aus dem Foto entstand dann das Bild. Nun stimmt er mit ein in den Chor der anderen: Rät mit, wer wer ist; überlegt mit, ob der da noch lebt und wo die Familie hingezogen ist, die auf dem Bild auf einer Bank sitzt.
„Mann, war das ein Sommer, 1982“, erinnert er sich an die Wochen, als der Bunker bemalt wurde: „Kein Regen in Sicht und heiß war’s; wir sind da nachts das Gerüst hoch und nackt oben auf dem Bunker rumgerannt.“ Er lacht: „Damals, als wir noch jung waren!“ Er wiegt nun doch den Kopf hin und her: „Wär’ ja doch schade, wenn das jetzt wegkäme.“
Er holt den Schlüssel hervor, schließt den Bunker auf, führt durch sein Reich. Im Inneren befinden sich ein Proberaum für eine Band, eine Werkstatt, die alle nutzen können, und Lagerräume für die Bewohner. Denn die Wohnungen sind nun mal so klein, dass kein Platz vorhanden ist, etwas unterzustellen, was man grad nicht braucht.
Draußen erinnern sich unterdessen Eckart Keller und Sön­ke Nissen-Knaack an die Wochen in jenem Sommer, als sie das Bild malten. Sie sind nämlich nicht einfach gekommen, haben ein Gerüst aufgestellt und haben drauflos gepinselt, was ihnen in den Sinn kam: Es sollte ein Wandbild aller für alle werden. „Wir haben Flugblätter verteilt und hier im Hof ein Modell vom Bunker aufgestellt. Jeder konnte vorbeikommen, Ideen und Vorschläge einbringen, was auf das Bild soll. Und jeden Samstag gab es das Bunker-frühstück.“
Dieser Idee der Nachbarschaft, des gemeinsamen Entscheidens, ist die Genossenschaft auch heute verpflichtet. Und so gibt es keine Warteliste für die Wohnungen, die stur abgearbeitet wird: Man muss sich für die Wohnungen persönlich bewerben. „Wie bei einem Job“, sagt Sabine Schwabroh vom Vorstand der Genossenschaft: „Man muss sich vorstellen und dann wird geschaut, ob’s passt.“ Manche würden sich immer wieder bewerben – jahrelang. „Wir achten darauf, dass die Mischung unter den Bewohnern stimmt: dass es Alte gibt und junge Familien und Leute mit mehr Geld und welche mit weniger – von jedem etwas.“
So war das schon immer: „Wir haben hier Leute, die kamen aus der Obdachlosigkeit, und wir haben welche, die sind als Studenten eingezogen und sind heute vielleicht dabei, Chefarzt zu werden.“ Die Fluktuation ist gering, die Wohnungen sind begehrt: „So eine Nachbarschaft gibt es ja kaum noch – mit allen Höhen und Tiefen.“
Das Bild zu renovieren, das kostet. Damals hat die Kulturbehörde das Wandbild aus dem Topf für Kunst im öffentlichen Raum bezahlt. Dazu gibt es einen Vertrag zwischen der Kulturbehörde und dem Bundesvermögensamt, dem der Bunker damals gehörte, gültig bis 2012: Demnach ist die Kulturbehörde für den Erhalt der Fassade zuständig. So hoffen sie, dass sie die Behörde dazu bewegen können, die Vereinbarung auch einzuhalten. Alle nötigen Unterlagen liegen vor.
Die beiden Künstler jedenfalls sind voller Tatendrang. „Von uns aus kann es jederzeit losgehen“, sagt Eckart Keller. In seinem Wagen steht schon das Modell, wie die neue Bunkergestaltung aussehen könnte. Denn natürlich gibt es die Idee, Bewohner von heute in das Bild einzuarbeiten. Aber vorzeigen will er das Modell noch nicht: Es muss doch noch mit allen besprochen werden, mit den Bewohnern ringsum. „Es geht eben nicht darum, dass ich mich nur als Künstler ausdrücke, allein als Individuum“, sagt Sönke Nissen-Knaack. „Das mache ich bei mir im Atelier.“ Sondern darum, den Bunker so zu gestalten, dass alle sich darauf wiederfinden. Und denken: Das da, das bin ja ich.

Text: Frank Keil
Foto: Mauricio Bustamante

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