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Graz: Ein Pfarrer kämpft gegen das Bettelverbot

30. März 2011 | Von | Kategorie: 2011: Hinz&Kunzt-Ausgaben 215–226, Archiv, Hinz&Kunzt 218/April 2011

Seit 15 Jahren setzt sich Armenpfarrer Wolfgang Pucher für bettelnde Roma ein und hilft ihnen auch in ihrem Heimatdorf.

(aus Hinz&Kunzt 218/April 2011)

Am 1. Mai wird in Graz vermutlich ein Bettelverbot in Kraft treten. Verboten ist dann das öffentliche Um-Hilfe-Bitten, und zwar in jeder Form: stumm, mit Worten oder Gesten. Aggressives Betteln und Betteln mit Kindern ist schon seit Jahren verboten.
218-BettelverbotDas Verbot richtet sich gegen Roma aus der Slowakei, Rumänien und Bulgarien. In Salzburg, Wien und Tirol ist ein generelles Bettelverbot längst in Kraft. Dort war es eine kurze Geschichte, kaum einer hat sich dagegen gewehrt. Das ist in Graz ganz anders. Dass dort etwa tausend Menschen vor dem Landtag gegen das Gesetz demonstrierten, dass es einen Eklat im Landtag gab, eine Unterschriftenliste und Erklärungen von 134 Organisationen, das liegt vor allem an Armenpfarrer Wolfgang Pucher und seiner Vinzenzgemeinschaft. Und Pucher kündigt jetzt schon an: „Wenn das Bettelverbot in Kraft tritt, werden wir  vors Verfassungsgericht gehen.“
Seit 15 Jahren, seit die Roma aus der Slowakei nach Graz kommen, um zu betteln, kümmert sich Puchers Gemeinde um die rund 150 Menschen, die übers Jahr verteilt kommen. „Wir haben sie aus ihren schäbigen Unterkünften rausgeholt, aus öffentlichen Toiletten, aus kleinen Autos, in denen sie zu fünft im
Winter übernachtet haben, oder aus Abbruchhäusern“, sagt der 72-Jährige. Seitdem schlafen die Roma im VinziNest und werden dort auch mit Essen versorgt. Und Pucher lernte die Sorgen und Nöte der Menschen kennen: Die meisten kamen aus einem südslowakischen Dorf namens Hostice, hatten bis zur Wende Arbeit auf den Kolchosen. Nach der Wende dann das Aus für die Wirtschaft – am untersten Rand standen die Roma. Sie hatten kaum eine Chance auf einen der wenigen Jobs. Je ärmer die Gegend wurde, desto größer wurde die Kluft zwischen den Roma und den anderen. Die Erwachsenen bekamen keine Arbeit mehr, und die Kinder wurden einfach in Sonderschulen gesteckt, egal wie begabt sie waren. Das bestätigte jetzt auch ein Forschungsbericht der Uni Graz. Von der Sozialhilfe können die Roma ihre Familien jedoch nicht ernähren, so die Wissenschaftler. Wer fit und flexibel ist, versucht deshalb in eine Metropole zu kommen und dort für ein paar Wochen zu betteln. „Die Familien sind auf diese Einnahmen angewiesen“, sagt auch Pucher.
In Hostice baute die Vinzenzge­meinschaft gemeinsam mit anderen Organisationen eine Siedlung für zwölf Familien. Bis dahin hatten sie in einem Elendsquartier gewohnt. Pucher gründete eine kleine Nudelmanufaktur und initiierte eine Essiggurkenproduktion. „10.000 Gläser Gurken wurden im vergangenen Jahr produziert und in Österreich verkauft“, sagt Pucher. Außerdem gibt es ein Projekt, in dem arbeitslose Mädchen einen Computerkurs machen, Blumengestecke fabrizieren und selbst angebaute Kräuter verpacken. „Das Dorf blüht richtig auf“, sagt der Armenpfarrer. Er fügt stolz hinzu: „Hier leben Menschen, die das erbettelte Geld gut anlegen und damit ihre Familien unterstützen.“ Trotzdem hetze die Boulevardpresse weiter. Immer wieder werden neue Gerüchte verbreitet, dass die Roma kriminell seien, dass es sich um organisierte Banden und Menschenhändler handle. „Dabei hat mir der Polizeidirektor vor Weihnachten persönlich gesagt, dass auch 2010 keine kriminellen Machenschaften vorliegen.“ Aber rationale Argumente nützen nichts. „Der  Zorn der Vertreibungswütigen wächst sukzessive.“ Pucher kann sich das nur so erklären: „Die Politiker haben Angst, dass sie sonst bei den Wahlen Stimmen an die Rechtsradikalen verlieren.“
Entmutigen lässt sich Pucher nicht. Er glaubt, dass er mit einer Klage vor dem Verfassungsgericht Erfolg haben wird. Und er hat allen Grund zu der Annahme: Als die kleine Gemeinde Fürstenfeld ein Bettelverbot erließ, ist er damit vors Verfassungsgericht gezogen und hat Recht bekommen. Das Bettelverbot wurde gekippt. Pucher: „Diese Peinlichkeit wollte ich der Stadt Graz eigentlich ersparen.“

Text: Birgit Müller
Foto: Lunghammer, Illustration: Toni Schröder

Mehr zum Thema lesen Sie auf den Webseiten der St. Vinzenzgemeinschaft unter www.vinzi.at, der Direkthilfe Roma unter www.direkthilferoma.at und in der Kleinen Zeitung unter www.kleinezeitung.at

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