„Geld machen kann jeder, etwas bewegen nicht!“

Uwe Wichmann war obdachlos und verkaufte zehn Jahre lang Hinz&Kunzt, dann machte er sich mit einer Film-Service-Firma selbstständig. Jetzt sind er und seine Angestellten ein unverzichtbarer Teil der ZDF-Erfolgsserie „Notruf Hafenkante“

(aus Hinz&Kunzt 203/Januar 2010)

Mit seiner Firma BLOCKER KOLLEKTIV sorgt Uwe Wichmann dafür, dass  Schauspieler, Kameraleute und Tontechniker freie Bahn am Filmset haben
Mit seiner Firma BLOCKER KOLLEKTIV sorgt Uwe Wichmann dafür, dass Schauspieler, Kameraleute und Tontechniker freie Bahn am Filmset haben

Schon auf den ersten Blick sieht Uwe Wichmann nicht aus wie ein typischer Firmenchef. Schwarze Zimmermannshose, schwarze Fleecejacke, ein breites Grinsen, Vollbart. Seine langen Haare wehen im Wind. Und in der Tat ist Wichmann  kein gewöhnlicher Arbeitgeber. Seine gehobene Stellung etwa ist ihm eher unangenehm. „Chef zu sein ist schrecklich“, sagt der 54-Jährige, „das passt überhaupt nicht zu mir. Ich hasse es, wenn meine Jungs Chef zu mir sagen.“
Gerade haben Wichmann und seine Mitarbeiter vom „Blocker Kollektiv“ alle Hände voll zu tun, denn es ist ein Drehtag. An der Kehrwiederspitze mitten im Hafen entsteht eine neue Folge der ZDF-Erfolgsserie „Notruf Hafenkante“. Die Studio-Hamburg-Produktion erzählt Geschichten aus einem fiktiven Hamburger Polizeikommissariat, das in dem kleinen Backsteingebäude auf der Kehrwiederinsel untergebracht ist. In Wirklichkeit ist das schöne alte Gebäude Sitz der Hamburger Wasserschutzpolizei und der Hafenfeuerwehr.
So ein Drehtag ist ohne Uwe Wichmann und seine Leute undenkbar. Als „Blocker“ stellen sie rot-weiße Verkehrshütchen auf, winken mit Fahnen und spannen Absperrbänder, damit Schauspieler, Kameraleute und Tontechniker freie Bahn haben. Sie sperren am Filmset Straßen ab, achten auf die Sicherheit und darauf, dass keine Passanten ungewollt ins Bild laufen. Außerdem bewachen sie nachts Set und Requisiten. „Einmal mussten wir eine ganze Nacht einen Kirschbaum im Alten Land bewachen“, erinnert sich Wichmann grinsend, „weil die Leute von der Requisite da extra Kirschen für einen Werbespot drangeklebt hatten. Wenn da nachts die Vögel drangegangen wären und wegen so was ein Drehtag ausgefallen wäre, das hätte ein Heidengeld gekostet.“
Von seinem Beruf spricht Wichmann mit leuchtenden Augen. Wenn er allerdings aus seinem bewegten Leben erzählt, dann wirkt sein Blick ein wenig gequält.
Wichmann hat viel durchgemacht. Schon während seiner Ausbildung bei einer Filmproduktionsfirma und seiner Arbeit als Requisiteur und Bühnentechniker am Hamburger Schauspielhaus hat er Probleme mit dem Alkohol. Auch als er danach als Fotograf arbeitet, bekommt er seine Sucht nicht in den Griff. Ende der 80er-Jahre landet er auf der Straße, kommt manchmal in Notunterkünften oder bei Freunden unter. An die drei Jahre als Obdachloser denkt er ungern zurück. „Das war eine schreckliche Zeit, die ich meistens verdränge“, sagt er, „es ist entsetzlich, wenn man keine eigene Wohnung hat.“ Dass er nicht völlig untergeht, verdankt er vor allem seiner besten Freundin Berit Knobel. In den 70er-Jahren waren sie einen Sommer lang ein Paar. „Dann haben wir aber festgestellt, dass wir als beste Freunde viel besser miteinander klarkommen“, sagt Wichmann. Berit spornt ihn an, etwas an seiner Situation zu ändern. Über sie kommt er 1994 zu Hinz&Kunzt. Fast zehn Jahre lang verkauft er in Ottensen und Övelgönne, am liebsten aber abends in Bars und Kneipen. Langsam lernt er so wieder, mit Menschen umzugehen. Für seine Stammkunden denkt sich der kreative Wichmann dabei immer etwas Neues aus. „Ich hab mit meinem improvisierten Straßentheater alle zum Lachen gebracht“, sagt er, „ich hatte Feuerwerk dabei oder habe altes Micky-Maus-Spielzeug verschenkt.“ Hinz&Kunzt preist er stets als „die beste Zeitung des mitteleuropäischen Kulturkreises“ an.
Schließlich findet er über Hinz&Kunzt auch wieder eine Wohnung. Dass er dann noch den Alkohol besiegt – dabei hilft ihm ein eigentlich tragischer Zwischenfall. Er hatte einmal einer alten Freundin geholfen, ihren Lebensgefährten aus der Wohnung zu werfen, weil der sie ausnutzte und schlug. Drei Jahre später lauert der Mann ihm auf und sticht ihn brutal nieder. Wichmann muss mehrere Wochen in einem Krankenhausbett liegen und kommt ins Grübeln. „Ich habe über alles nachgedacht, was ich angestellt habe“, erinnert er sich, „meine Seele hat sich aufgebäumt, und ich habe mir geschworen, dass jetzt Schluss mit dem Trinken ist.“
Tatsächlich schafft Wichmann es, trocken zu bleiben. Über seinen Bruder kommt er zum Blocken, er profitiert dabei von seinen Erfahrungen beim Theater. Den Entschluss, sich trotz seiner Angst vor der ganzen Bürokratie selbstständig zu machen, fällt Wichmann dann im Sommer 2003 während eines gemeinsamen Urlaubs mit Berit in Schweden. „Das war eine wunderbare Zeit“, erinnert er sich, „wir waren zwei Wochen lang in einem kleinen Haus mitten im Wald, da konnten wir richtig Kraft tanken und Zukunftspläne schmieden.“ Gemeinsam bauen sie die Firma auf, Berit kümmert sich um die Buchhaltung und verwaltet das Geld. „Ohne sie hätte ich das alles niemals geschafft“, sagt Wichmann, „wir haben sehr viel gearbeitet und gekämpft, um so weit zu kommen.“
Es ist ein harter Schlag für ihn, als Berit im Januar 2009 im Alter von nur 50 Jahren an einer Herzschwäche stirbt. „Mit ihr konnte ich über alles reden“, sagt er, „ihre Unterstützung fehlt mir sehr.“
Trotzdem macht Wichmann mit der Firma weiter. Zuletzt blockte er sogar für „Soul Kitchen“, den neuen Film von Starregisseur Fatih Akin. Wichmann hat drei Festangestellte und elf Mitarbeiter auf 400-Euro-Basis. „Das sind alles Leute, die es auch nicht einfach hatten“, sagt Wichmann. „Wenn ich nur Kohle machen wollte, würde ich einfach ein paar Studenten anstellen. Aber ich will was verändern. Geld machen kann nämlich jeder, mit seiner Firma was bewegen aber nicht.“
Um seine Mitarbeiter kümmert sich Wichmann deswegen auch nach Feierabend. Jonni zum Beispiel ist 22 Jahre alt und war ein wenig auf die schiefe Bahn geraten. Wichmann hilft ihm mit den Behörden und sorgt dafür, dass der junge Mann seinen Führerschein macht. Sein großes Vorbild ist dabei stets der Unternehmer und Keksbäcker Hermann Bahlsen, der für seine Arbeiter Wohnungen baute und eine Betriebskrankenkasse einrichtete. „Ich will so wie Bahlsen sein“, sagt er, „ein wirklich sozialer Chef.“
Und dann klingelt schon wieder Wichmanns Handy, zum dritten Mal in zehn Minuten. Als Klingelton ertönt in voller Lautstärke die Titelmelodie der  Krimiserie „Tatort“. Das mit den ständigen Anrufen ist bei Wichmann wie bei jedem anderen Unternehmer.

Text: Hanning Voigts
Foto: Mauricio Bustamante

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *