Fotoreportage

Freiheit durch Verzicht

Der Hamburger Fotograf Dmitrij Leltschuk, der selbst aus Weißrussland stammt, wohnte drei Wochen lang bei „Downshiftern“ in seinem Heimatland – Menschen, die sich bewusst von der Konsumgesellschaft abwenden und ein einfaches Leben in der Natur vorziehen.

(aus Hinz&Kunzt 244/Juni 2013)

Ob Hunde, Pferde  oder Hühnerküken: Wenjamin liebt am Landleben als „Downshifter“ vor allem die Tiere. In Minsk hat sich der Achtjährige oft gelangweilt, hier hat er immer zu tun. Am liebsten hilft er seinem Vater Walentin auf dem Hof und beim Fischen.
Ob Hunde, Pferde
oder Hühnerküken: Wenjamin liebt am Landleben als „Downshifter“ vor allem die Tiere. In Minsk hat sich der Achtjährige oft gelangweilt, hier hat er immer zu tun. Am liebsten hilft er seinem Vater Walentin auf dem Hof und beim Fischen.

Da steht ein Pferd auf dem Flur! Zumindest fast. Denn die Wiese, auf der Stute Maschka grast, ist für Walentin im Grunde nur die Verlängerung seiner kleinen Holzhütte nebenan. Drinnen, draußen – für Walentin macht das kaum einen Unterschied, schon lange nicht mehr. Fünf Jahre ist es her, dass der Ökonom mit seiner Frau, drei Kindern und einigen befreundeten Familien von Minsk raus aufs Land zog, um dort ein einfaches Leben in der Natur zu führen. „Downshifting“ heißt dieser bewusste Abschied von Bequemlichkeit und Konsum – und Walentin gehört in Weißrussland zu den Pionieren dieser welt­weiten Bewegung.

„Für ihn bedeutet Downshifting allerdings in erster Linie Freiheit, gerade durch den Verzicht“, erzählt Dmitrij Leltschuk, der im vergangenen Sommer für seine Fotoreportage drei Wochen bei Walentin und seiner Familie lebte – Fischfang auf einem klapprigen Holzboot, Hasenjagd im Gemüsegarten, Naturklo und „duschen“ mit eiskaltem Brunnenwasser inklusive. „Da habe ich mich schon manchmal nach einem heißen Bad gesehnt“, gesteht Dmitrij und lacht. „Ich bin halt durch und durch Großstadtmensch.“

Dmitrij kam 1999 zum Studieren aus Minsk nach Hamburg. Bis heute fährt er immer wieder nach Weißrussland, um mit Fotoreportagen auf Missstände in seinem Heimatland aufmerksam zu machen. Auch beim Downshifting interessierte ihn vor allem der soziale Hintergrund.

Dass gerade junge Familien in Weißrussland immer häufiger diese Lebensform wählen, geschehe meist aus Notwendigkeit: „Die Mieten in Großstädten sind extrem hoch, außerdem gibt es dort kaum Jobs“, erzählt Dmitrij. Dazu komme der Wunsch nach einer besseren Bildung für die Kinder. „Städtische Schulklassen sind oft überfüllt, in den Dörfern gibt es stattdessen Unterricht in Kleingruppen.“

Zudem wollen viele Eltern, dass ihre Kinder in einem gesunden Klima aufwachsen, ohne Umweltverschmutzung – und ohne Lärm. Die Ruhe war es denn auch, die Dmitrij während seines Aufenthalts am meisten beeindruckt hat. „Sie war so intensiv, dass ich sie sogar spüren konnte.“

Auch sonst wird es den Familien nicht langweilig, schließlich versorgen sie sich weitestgehend selbst und müssen sich jeden Tag als Landwirte, Handwerker und Köche beweisen. „Klar, dass die einzelnen Arbeitsschritte deshalb ziemlich lange dauern“, sagt Dmitrij. Einige Downshifter arbeiten außerdem von zu Hause aus an Laptops als Programmierer, verdienen sich so ein bisschen Geld dazu. „Das hat mich erst überrascht“, erinnert sich Dmitrij. Aber dann habe er gelernt: „Downshifting folgt keinen strengen Regeln, die Bewegung will auch niemanden missionieren. Jeder entscheidet selbst, was für ihn ein ‚einfaches Leben‘ bedeutet und worauf er verzichten will.“

Auf Gemeinschaft will jedenfalls keiner verzichten: Der Zusammenhalt untereinander ist groß, jeder hilft jedem, alle teilen ihren wenigen Besitz. Körperliche Arbeit empfinden die Familien nicht als Last, stattdessen freuen sie sich über die sicht-, fühl- und auch essbaren Ergebnisse am Ende des Tages. „Das ist es, was Walentin mit der ‚Freiheit‘ meint, die er hier gefunden hat“, sagt Dmitrij. „Er ist unabhängig, teilt sich seine Zeit selbst ein. Alles, was er schafft und produziert, macht er ausschließlich für sich und seine Familie.“ Daher komme auch die große Zufriedenheit, die Dmitrij bei allen Down­shiftern entdeckt hat. „Sie empfinden sich als eins mit ihrer Umwelt, als Teil des großen Ganzen. Sie vermissen in ihrer Abgeschiedenheit nichts.“

Anders als Dmitrij, der sich während seines Aufenthalts eine schlimme Erkältung einfing. „Normalerweise wäre ich sofort zum nächsten Arzt oder zur Apotheke gegangen“, erzählt er. „Aber hier draußen gab es ja beides nicht.“ Stattdessen verordnete Walentins Frau Nastja ihm Bettruhe und bereitete bitteren Tee zu – mit Heilkräutern aus dem Garten. Dmitrij grinst. „Hat letztlich auch geholfen.“

Fotos: Dmitrij Leltschuk
Text: Maren Albertsen

Mehr Fotos in der Juni-Hinz&Kunzt und unter www.dl-photo.blogspot.com

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