Flüchtlinge in Harvestehude

„Wir brauchen eine Willkommenskultur“

Die geplante Flüchtlingsunterkunft in Harvestehude sorgt weiter für Gesprächsstoff: Ist die Nachbarschaft wirklich „gespalten“? Heidrun Petersen-Römer von der Flüchtlingsinitiative Harvestehude sagt: „Nein, wir bekommen viel Zuspruch.“

Heidrun Petersen-Römer vor dem ehemaligen Kreiswehrersatzamt, in das Flüchtlinge einziehen sollen. Sie freut sich auf die neuen Nachbarn.
Heidrun Petersen-Römer vor dem ehemaligen Kreiswehrersatzamt, in das Flüchtlinge einziehen sollen. Sie freut sich auf die neuen Nachbarn.

Helfe mit, wer kann! Das ist für Heidrun Petersen-Römer eine Selbstverständlichkeit. Wenn bald Flüchtlinge in ihrem Stadtteil untergebracht werden, will sie sie jedenfalls herzlich willkommen heißen. „Das sind traumatisierte Menschen, die ihre gesamte Existenz aufgeben und unter großen Schwierigkeiten versuchen, hier ihr Leben neu zu gestalten. Die brauchen Unterstützung“, sagt die Zweite Vorsitzende des Vereins „Flüchtlingshilfe Harvestehude“. 52 Mitglieder hat der Verein, seit er im Februar gegründet wurde, noch einmal genau so viel haben Interesse bekundet: Schüler ebenso wie Sozialarbeiter, Rentner und Ärzte. „Es geht um gute Nachbarschaft. Darum, den Flüchtlingen zu signalisieren: Ihr seid hier willkommen“, sagt Petersen-Römer.

Dass ihr Stadtteil „gespalten“ sei, wie Boulevardmedien berichten, sieht Petersen-Römer nicht. „Das sind eigentlich bloß drei Krakeeler, die durch die Presse geschleift werden“. Bei einer Info-Veranstaltung sprachen die Gegner von „einem Horrorhaus“ und „völlig isolierten Menschen in dieser Gegend“. Fragten: „Wo sollen die denn hier überhaupt einkaufen?“. FDP und CDU kritisieren die „horrenden Kosten“ von rund 20 Millionen, die für Kauf und Umbau des ehemaligen Kreiswehrersatzamtes entstehen.

„Wenn nicht wir, wer dann?“

CDU-Politiker Andreas Wankum krittelt, dass „die Vereinsmitglieder überwiegend nicht in unmittelbarer Umgebung der Sophienterasse leben.“ Wankum hatte sich in der Vergangenheit bereits für die Vertreibung von Bettlern in der Innenstadt ausgesprochen. Zudem ist er Geschäftsführer der Immobilienfirma OneVest, die zuletzt geplante Sozialwohnungen in Barmbek als Eigentumswohnungen verkaufte. Sein Vorwurf stößt beim Verein Flüchtlingshilfe Harvestehude auf Unverständnis – zumal 20 Mitglieder sehr wohl in unmittelbarer Nachbarschaft wohnen würden. „Will Herr Wankum unterstellen, dass die Entfernung zum Flüchtlingsheim mit dem Grad des Engagements zu tun hat?“, fragt Heidrun Petersen-Römer. „Dürfen sich Hamburger nur in ihren Stadtteilgrenzen engagieren, wenn es um so wichtige humanitäre Fragen und eine Willkommenskultur geht?“

Persönlich habe ihr noch kein Nachbar gesagt, dass er Angst vor der neuen Situation habe. „Das ist eher so ein Grummeln, von dem man hört.“ Klar sei: Es werde Veränderungen geben. Etwa, was den Wert der Immobilien betrifft. „Das will ich auch nicht kleinreden“, so Petersen-Römer. Aber gerade weil es ihr und den Menschen in Harvestehude so gut gehe, könnten sie helfen. „Wenn nicht wir, wer dann? Ginge es den Flüchtlingen denn besser, wenn sie in Billstedt wohnen würden, also in einem Stadtteil, der genug eigene Probleme hat?“, fragt sie.

Ideen, wie man die Flüchtlinge unterstützen kann, gibt es schon viele: Deutsch mit ihnen lernen, übersetzen, mit zu Behörden gehen, Fahrräder zur Verfügung stellen. „Man möchte ja auch die Stadt erkunden. Wir suchen noch nach gebrauchten Rädern.“ Außerdem seien Gartenprojekte und Theatergruppen denkbar. „Wir werden uns an den Bedürfnissen der Flüchtlinge orientieren“, so Petersen-Römer. Mit dem Betreiber fördern & wohnen ist man im Gespräch.

Unterstützung vom Luxus-Investor

Fördern und wohnen plant, an den Sophienterrassen 220 Flüchtlinge unterzubringen, vor allem Familien. Insgesamt sollen 23 Wohnungen entstehen: Von kleinen Zwei- bis zu großen Acht-Zimmer-Wohnungen für mehrere Familien. Zudem ist ein Kinderspielplatz auf dem rund 4000 Quadratmeter großen Areal geplant.

Aber schon gibt es Gerüchte, der ursprünglich geplante Eröffnungstermin Ende 2014 könne nicht mehr gehalten werden – es laufe auf Anfang 2015 hinaus. Zu konkreten Zeitangaben will sich die Sozialbehörde „auch mit Rücksicht auf die unabhängige Meinungsbildung im Bezirk“ nicht äußern, so Sprecher Marcel Schweitzer. Der Bezirk Eimsbüttel muss noch über den Bauantrag und eventuelle Änderungen entschieden. Schon drohen die Gegner der Flüchtlingsunterkunft mit Klagen – was das Vorhaben weiter verzögern könnte. Doch weder dem Bezirk noch der Sozialbehörde liegt bis heute Entsprechendes vor.

Stattdessen kommt Unterstützung von unverhoffter Seite: Der Luxus-Immobilieninvestor, der an der Sophienterrasse zurzeit hochpreisige Villen und Wohnungen neu baut, will die Flüchtlingen finanziell unterstützen und Geld etwa für die Hausaufgabenhilfe und die Gartengestaltung bereit stellen. Uwe Schmitz von der Frankonia Eurobau im „Hamburger Abendblatt“. „Diese Familien brauchen unsere Hilfe, und deshalb kann ich nicht verstehen, wenn es Nachbarn gibt, die etwas dagegen haben.“

Text: Simone Deckner
Foto: Dmitrj Leltschuk

Nächstes Treffen des Vereins am 18.6. im Wilhelm-Gymnasium, Klosterstieg 17, Kontakt zum Verein: hendrikjeblandow@web.de

3 Kommentare zu “„Wir brauchen eine Willkommenskultur“

  1. Seit gestern, 29.9., ist die gute Nachricht über Genehmigungen zum Umbau des Kreiswehrersatzamts in Harvestehude öffentlich geworden.
    Nach jahrzehntelanger Trägheit beim Hamburger Senat ist das gleichzeitig ein positives Zeichen und ein Tropfen auf dem heißen Stein, besonders in der jetzigen gespannten Lage, in der absolut unzumutbare Zustände in Flüchtlingsunterkünften ins Licht rücken:
    Um die 1100 Personen leben in Stellingen teils seit 8 Monaten beengt in Containern und Zelten. Und das, obwohl diese Form der Unterbringung höchstens für 3 Monate vorgesehen war. Sie kommen aus Kriegsgebieten und weiteren Ländern, in denen Übertretungen der Menschenrechte Leute in die Flucht treiben. Oft haben sie lange, extrem strapazierende Fluchtwege hinter sich. Darunter sind viele Familien mit Kindern, auch mit schwer traumatisierenden Erfahrungen. Konflikte bleiben unter solchen Umständen leider nicht aus. Noch heute sind 237 von ihnen in Zelten untergebracht.
    Unter diesen Umständen sind der geplante Umbau, die Bemühungen im Bezirk und vor allem die aktive Unterstützung in der Nachbarschaft positive Zeichen gegenüber der Untätigkeit innerhalb von Politik und Verwaltungsapparaten und weit verbreitetem Misstrauen in der Hamburger und bundesdeutschen Bevölkerung. Hoffen wir auf schnelle Verwirklichung und zügige Umsetzung weiterer Projekte dieser Art. So kurz vor dem Herbst und dem Winter ist unbürokratische (Not-)Hilfe nicht nur gefragt, sie ist sogar unerlässlich geworden. Also, mehr davon! Eine Hamburgerin diesseits der Alster 🙂

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