Wer von Hartz IV lebt, kann oft nicht mitmachen

Birgit Sokolowski (54), seit 20 Jahren Leiterin der Elternschule Mümmelmannsberg, über Kinderarmut in Hamburg und notwendige Maßnahmen im Kampf dagegen.

(aus Hinz&Kunzt 218/April 2011)

Hinz&Kunzt: Wie begegnet Ihnen Kinderarmut bei Ihrer Arbeit in der Elternschule?
Birgit Sokolowski: Kinder aus ärmeren Familien leiden sehr darunter, keine angesagten Klamotten tragen zu können und von bestimmten Angeboten ausgeschlossen zu sein. Ab der zweiten Monatshälfte kommen Eltern mit ihren Kindern generell seltener zu uns – da ist das Geld schon knapp. Arme Kinder leiden körperlich und psychisch. Das ist hier in Mümmelmannsberg ganz genauso wie in anderen Großsiedlungen.


218-SokolowskiH&K:
Sind heute mehr Kinder von Armut betroffen als früher?
Sokolowski: In armen Familien wird nur selten gesund – oder überhaupt – gekocht, oft werden billige Fertiggerichte zubereitet. Wir bekommen außerdem häufiger Anrufe von Familien, die dringend eine Schuldnerberatung brauchen. Die Armut nimmt also zu. Dabei gibt es in Mümmelmannsberg insgesamt nicht weniger Beschäftigte als zum Beispiel in Eppendorf. Allerdings sind viele Menschen hier im Stadtteil im Niedriglohnsektor beschäftigt und daher oft zusätzlich auf Hartz IV angewiesen.

H&K: In Debatten über Kinderarmut heißt es oft, die Eltern könnten nicht vernünftig mit Geld umgehen. Sind also die Eltern verantwortlich für Kinderarmut?
Sokolowski: Eltern sind immer mitverantwortlich. Deshalb bieten wir zum Beispiel auch Kochkurse an oder zeigen Eltern, wie sie für ihre Kinder ein schönes Faschingsfest veranstalten können. Denn Eltern stärken heißt letztlich Kinder stärken. Aber ein Euro bleibt ein Euro: Wenn ich von Hartz IV lebe, kann ich an bestimmten kulturellen Angeboten nicht teilhaben, egal wie sparsam ich haushalte. Hartz IV reicht zum Überleben.

H&K: Was halten Sie von neuen Maßnahmen wie dem Bildungspaket?
Sokolowski: Nett gemeint, aber letztlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Mit dem Bildungspaket hat ein Kind nun zehn Euro im Monat zur Verfügung, beispielsweise für Musikunterricht. Aber welche Musikschule bietet schon einen Kurs für zehn Euro an? Wichtiger wäre es, dass wir mehr kostenlose Projekte wie unseren Kinderchor oder Ausflüge anbieten könnten.

H&K: Was fordern Sie im Kampf gegen die Kinderarmut?
Sokolowski: Ich bin für eine Art bedingungsloses Grundeinkommen für Kinder von mindestens 500 Euro im Monat. Ansonsten wünsche ich mir mehr Unterstützung für alle sozialen Einrichtungen, die Familien von Anfang an begleiten, besonders durch mehr Personal. Ich bin auch für gebührenfreie Kita-Plätze und ein kostenloses HVV-Ticket – alles, was Familien wirklich Teilhabe am kulturellen und sozialen Leben in der Stadt ermöglicht.

Interview:
Maren Albertsen
Foto: Mauricio Bustamante

Im Rahmen der Reihe „Hamburg! Gerechte Stadt“ diskutiert Birgit Sokolowski am 3. Mai mit der Soziologin Ariadne Sondermann, Dr. Wolfgang Hammer von der Sozialbehörde und Petra Thiel  von der Evangelischen Kirchengemeinde St. Georg-Borgfelde zum Thema „Kinderarmut – kein Geld dagegen übrig?“. Ort: Elternschule Mümmelmannsberg, Kirchnerweg 6, 16.30–18.30 Uhr, Eintritt frei.


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