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Ein Zaun, ein Klo, ein Sheriff

27. Oktober 2011 | Von | Kategorie: 2011: Hinz&Kunzt-Ausgaben 215–226, Archiv, Hinz&Kunzt 225/November 2011

Erst streitet sich ganz Hamburg über einen Zaun, mit dem Bezirksamtsleiter Markus Schreiber (SPD) Obdachlose vertreiben will. Dann ist diese Kuh vom Eis, und schon geht’s in die nächste Runde: eine Toilettenanlage, die angeblich 500.000 Euro kosten muss. Muss sie das wirklich? Das wollten wir von Andreas Utt wissen, angestellt bei Hering Bau, Deutschlands Marktführer für öffentliche Toiletten. Ortstermin unter der Kersten-Miles-Brücke.

(aus Hinz&Kunzt 225/November 2011)

Kostet 300.000 Euro: Eine Toilette wie eine Doppelhaushälfte

Andreas Utt schüttelt den Kopf. Dieser ganze Toilettenstreit ist ihm ein Rätsel. „Man ist ja von Hamburg einiges gewohnt“, sagt er. „Elbphilharmonie und so, aber das hier ist das Sahnehäubchen.“ 500.000 Euro für eine Toilettenanlage an dieser Stelle! Wahnsinn!
Der Vertriebsmitarbeiter von Hering Bau hat einen dicken Ordner aufgeschlagen und zeigt auf ein Foto: Sieht aus wie eine Doppelhaushälfte, ist aus Backstein und die größte WC-Anlage, die Deutschlands Marktführer für öffentliche Toiletten derzeit im Angebot hat. Es ist in etwa das Modell, das derzeit durch die Medien geistert und das unter die Kersten-Miles-Brücke für Touristen und Obdachlose gebaut werden sollte. Kostenpunkt bei Hering Bau mit Einbau und allem Schnickschack: um die 300.000 Euro plus Mehrwertsteuer.

Aber schon beim Betrachten des Fotos sieht jeder Laie: Das Gebäude sprengt komplett den Rahmen, passt gar nicht an, geschweige denn unter die Brücke. Außerdem: „So eine riesige Anlage würde man eher an eine Autobahn stellen, nicht in den städtischen Bereich“, sagt Utt. Für einen Standort wie diesen „ist so eine Anlage völlig ungeeignet und gar nicht notwendig“. Obwohl die Toilette am Hauptbahnhof gebaut hat und Andreas Utt mit dem Bezirk Mitte über die Sanierung einer anderen Toilette im Gespräch ist, hat ihn bislang niemand nach seiner Meinung gefragt.
Und die ist: Unter der Kersten-Miles-Brücke könnte man eine Ein-Zellen- oder Zwei-Zellen-Toilette aufstellen. Mit nettem Backstein als Außenmauer beispielsweise. Und da es dort keinen Anschluss an die Kanalisation gibt, würde das Ganze über eine Klärgrube gelöst. Kostenpunkt: um die 30.000 Euro netto bis maximal um die 90.000 Euro.Sinnvoller in Bezug auf die Touristen sei allerdings, die vorhandenen Toiletten an den Landungsbrücken auszubauen oder zusätzliche auf dem Parkplatz davor zu bauen. Aber längst nicht in der diskutierten Größenordnung. Die einzige Toilettenanlage, die ein ähnliches Ausmaß wie die „Doppelhaushälfte“ hat, ist die unten im Hauptbahnhof. Andreas Utt: „Und die ist ausgelegt auf 1000 Leute pro Tag.“ Unter der Brücke brauche das kein Mensch.

Im Nachhinein fragt man sich natürlich: Wer hat eigentlich diese Riesenanlage und diese Wahnsinnsumme ins Spiel gebracht? Alle am runden Tisch waren sich einig, dass eine Toilette die Beschwerdelage deutlich entspannen würde. Denn nicht nur die Obdachlosen pinkeln wild, sondern auch die Touristen. Markus Schreiber hatte dann vom runden Tisch den Auftrag bekommen, die Kosten für eine geeignete Toilette zu recherchieren.
Später sagt Schreiber, auch er sei erstaunt gewesen, als die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) diese Riesensumme von knapp 500.000 Euro genannt habe. Die BSU wehrt sich allerdings: Sie habe doch nur den Preis für die Anlage angefragt, die Schreiber in Auftrag gegeben habe – und das sei eben diese Riesenanlage gewesen. Miteingerechnet sei nicht nur die Toilette gewesen, sondern auch der Anschluss an die Kanalisation. Was Markus Schreiber seinen Mitstreitern am runden Tisch allerdings vorenthielt: Der Toilettenexperte in der Behörde hegte massive Zweifel, ob die Anlagengröße nötig sei.

Im Gegenteil beruhigte Schreiber seine Mitstreiter dahingehend, dass es einen „Toilettentopf“ in der BSU gebe und dass diese Kosten normal seien. Das haben die Mitglieder des runden Tisches erst mal hingenommen. Vielleicht auch, weil man nach dem ganzen Ärger um den Zaun so glücklich war, eine gemeinsame Lösung zu finden. Erst als sich das Ganze gesetzt hatte, kam auch uns die Summe komisch vor und wir fragten einen Tag später beim führenden Hersteller nach. So kam dann der Termin mit Andreas Utt zustande.

Wie auch immer: Im Moment gibt es viel Aufregung um eine halbe Million Euro, eine Summe, die glücklicherweise so nie ausgegeben werden wird. Jedenfalls nicht für diese Toilette. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Keiner redet mehr über die guten Ergebnisse des runden Tisches. Die sind: Dass Straßensozialarbeiter unter der Brücke eingesetzt werden und dass womöglich Schlafplätze für Obdachlose mit Hund geschaffen werden sollen. Wir werden uns jedenfalls jetzt wieder um unser Kerngeschäft kümmern: die Menschen auf Hamburgs Straßen und um ein friedliches Miteinander zwischen Arm und Reich in dieser Stadt.

Das mit dem friedlichen Miteinander ist allerdings so eine Sache. Wir waren so froh, dass wir auch mit Markus Schreiber am runden Tisch so gut zusammengearbeitet haben. Aber wird dieses Miteinander von Dauer sein? Der nächste Streit steht schon ins Haus. Die überdachten Flächen am Hauptbahnhof sollen quasi privatisiert werden. Die Deutsche Bahn soll ein Sondernutzungsrecht erhalten. Schreibers Begründung für die Sondernutzung: Hier halten sich zu viele Obdachlose und Trinker auf.

Persönlich darauf angesprochen macht Markus Schreiber einen halben Rückzieher: Die Obdachlosen und Trinker sollen nicht wirklich vertrieben werden, sagt er: „Wenn wir sauber machen wollen und sie sich beispielsweise weigern, aufzustehen, können wir nichts machen. Das ist anders, wenn die Bahn ein Sondernutzungsrecht hat. Dann kann die Polizei räumen.“Will man das politisch wirklich?

Putzen nach Polizeieinsatz? „Die gehen dann schon von selbst, wenn einmal die Polizei gekommen ist“, sagt Schreiber dazu. Deshalb will eine Stadt einen ganzen Bereich „privatisieren“? Man kann doch mit den Leuten reden! Zumal es in dieser Stadt andere Möglichkeiten der Problembewältigung gibt. Seit mehr als zehn Jahren gibt es einen runden Tisch in der City, an dem auch Geschäftsleute und soziale Initiativen sitzen.

Unnötig zu sagen, dass Markus Schreiber dort Mitglied ist. Und unnötig zu sagen, dass er jederzeit die Möglichkeit hat, dort seine Probleme vorzutragen. Das hat er aber nie getan, auch nicht in Sachen Hauptbahnhof. Natürlich könnte man auch einen eigenen runden Tisch für den Bahnhof und seine Umgebung ins Leben zu rufen. „Den gibt’s schon“, sagt Markus Schreiber. Wie bitte? Alle Projekte, die wir kennen, haben sich genau darüber beschwert: dass Schreiber eben nicht mit ihnen reden, sondern nur „sein Ding durchziehen“ würde. „Doch, den gibt’s“, bekräftigt der City-Bürgermeister. Wer daran sitze? Er zählt auf: Vertreter der Innenbehörde – „deren Idee war das Ganze übrigens, nicht meine!“ –, Vertreter der Polizei, Vertreter des Bezirksamtes und der Sozialbehörde und der Bundesbahn natürlich. Aber, lieber Herr Schreiber, so etwas nennt man doch Behördentreffen oder Meeting. Ein runder Tisch heißt so, weil da die zusammenkommen, die Konflikte miteinander haben. In diesem Falle wären das besagte „Obdachloser und Trinker“ oder soziale Einrichtungen, die mit ihnen arbeiten. Mit denen, so Schreiber, sei auch ein Treffen geplant. Allerdings, so räumt er ein, „eher zum Kennenlernen“.

Kloexperte Andreas Utt glaubt übrigens nicht, dass man die Obdachlosen vom Hauptbahnhof vertreiben kann. Das sei doch in allen Städten gleich, sagt er. „Bochum zum Beispiel hat das jahrelang versucht.“ Dort habe man sogar – wie in Hamburg auch – die Urinale abgebaut. „Das bringt nichts, wenn es keine Toiletten gibt, dann pinkeln Männer, egal ob obdachlos oder nicht, eben wild“, so Utt. Das stinke dann richtig. Bochum habe dazugelernt. Hat jetzt ein quasi geruchsfreies Urinal in einer Ecke des Bahnhofs angebracht. Aber genug von Toiletten. Obwohl Andreas Utt sicher auch zu den anderen Fällen, die Markus Schreiber gerade in Arbeit hat, etwas zu sagen hätte.

Die dritte Baustelle des Bezirksamtsleiters ist der Bauwagenplatz Zomia in Wilhemsburg. Auch da geht es um Vertreibung – und ums Prinzip. Gerade hat der City-Bürgermeister den Bewohnern die Räumungsverfügung zugestellt. Und das, obwohl die BSU die Notwendigkeit nicht sieht. Und obwohl der Platz derzeit auch sonst nicht gebraucht wird.

Kurzzeitig hatte das Bezirksamt Mitte sogar die friedlichen Protestcamper vor der HSH-Nordbank auf dem Kieker. Bis hin zur Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) haben Politiker aller Couleur Verständnis für die Demons­tranten. Nur in Hamburg gab es Ärger: Schreibers Mitarbeiter drohten ihnen ein Bußgeld und die polizeiliche Räumung an, wenn sie die Zelte nicht abbauen würden. Ein paar Stunden später nahm Schreiber glücklicherweise alles zurück und toleriert die Camper jetzt.

Übrigens, das Thema ist toilettentechnisch auch interessant: Bislang durften die Camper bei der HSH-Nordbank aufs Klo gehen, jetzt wird auf dem Platz ein Dixie-Klo aufgestellt. Aber Spaß beiseite! Wir wüssten wirklich gerne: Warum ist Markus Schreiber eigentlich immer so auf Zoff gepolt? Warum kann man nicht in Ruhe über die Probleme reden? Und zwar, bevor Porzellan zerschlagen ist? Denn geredet wird ja doch, allerdings immer erst später, wenn alle schon auf Zinne sind.

Ist es immer noch dieser Schill-Schock? Dass vor mehr als zehn Jahren die SPD abgewählt wurde, weil sie bestimmte Rufe nach Sicherheit und Ordnung nicht ernst genommen hat? Aber man kann doch solche Rufe und die dazugehörigen Bürger ernst nehmen – und trotzdem mit Augenmaß agieren.
Oder ist es die Enttäuschung darüber, dass seine Genossen ihn nicht zum Senator oder wenigstens Staatsrat gemacht haben, wie er sich das erhofft hatte? Man wird ja den Eindruck nicht los, dass Schreiber nicht nur gegen Obdachlose, Trinker, Bauwagenbewohner und  seit neuestem auch gegen Schrebergärtner schießt, sondern sogar gegen die eigenen Genossen im Senat.

Diese Fragen können wir leider nicht beantworten. Wir können nur sagen, was wir uns für die Stadt wünschen: einen City-Bürgermeister, der die Herausforderungen erkennt, sie benennt und dann die Menschen an einen Tisch bringt, die dazu beitragen können, diese Probleme zu lösen. Einer, der nicht zündelt, sondern befriedet. Keinen unsouveränen Sheriff, sondern einen umsichtigen und lebensklugen Moderator.

Text: Birgit Müller
Foto: Daniel Cramer

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